Wie Laszlo Galamb in die Schweiz fuhr – und abblitzte

Am 19. Oktober stiegen mehrere Roma-Familien aus Ungarn in einen Bus Richtung Schweiz. Nun sind sie wieder zurück in Miskolc, in der Hoffnungslosigkeit.

Laszlo Galamb (l.) und seine Frau Anita zeigen ihren Nachbarn, den Lakatos (r.), den negativen Asylbescheid. Foto: András D. Hajdu

Laszlo Galamb (l.) und seine Frau Anita zeigen ihren Nachbarn, den Lakatos (r.), den negativen Asylbescheid. Foto: András D. Hajdu

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Die Wohnung sieht aus, als wären ihre Bewohner nie weg gewesen. Als hätten sie nicht vor knapp einem Monat Hab und Gut verkauft, um ins Ungewisse aufzubrechen. Die Sitzgarnitur steht wieder in der Ecke, der Tisch in der Mitte des Zimmers. Die Kaffeemaschine brummt und an der Wand hängt wieder der Flachbildfernseher, der niemals ausgeschaltet wird. Er habe die Wohnungs­einrichtung Gott sei Dank zurück­bekommen, sagt Laszlo Galamb. Zu einem guten Preis sogar, «trotzdem bin ich jetzt wieder verschuldet». Auch die Sorgen sind zurück: Wird nächsten ­Monat noch Sozialhilfe ausbezahlt? Ist genug Geld für die Miete da? Oder ­stehen demnächst Gerichtsvollzieher und Polizei vor der Tür?

Am Abend des 19. Oktobers ist der 37-jährige Laszlo mit seiner Frau Anita, ihren fünf Kindern und weiteren Romafamilien in einen Reisecar gestiegen, um die Heimatstadt Miskolc in Nordungarn für immer zu ver­lassen und in der Schweiz Asyl zu beantragen (Tagesanzeiger.ch/Newsnet vom 23. 10.). Ihre Häuser in einer ehemaligen Arbeitersiedlung, in der die Strassen nur Nummern haben, sollen demnächst abgerissen werden. Die Stadtverwaltung möchte das nahe gelegene Fussballstadion ausbauen und auf dem Areal der Siedlung einen riesigen Carparkplatz anlegen. Viele Familien erhielten die Kündigung, einige Häuser wurden schon demoliert. Auch klagen die Roma über Diskriminierung und Rassismus durch Behörden und die rechtsextreme Partei Jobbik. Freie ­Stellen gibt es in der Umgebung kaum – und wenn, dann haben Roma bei der Bewerbung keine Chance.

Der Bürgermeister schweigt

Der Car brachte die 65 Asylwerber ins Westschweizer Aufnahmezentrum Vallorbe, wo sie getrennt nach Kreuzlingen oder Basel weitergeschickt wurden. Ihre Anträge wurden vom Bundesamt für Migration (BFM) im beschleunigten Verfahren abgewickelt: Erst durften die Roma den Grund ihrer Reise erklären, dann machten ihnen die Beamten klar, dass sie als EU-Bürger keine Chance auf Asyl hätten. Seit etwa 14 Tagen sind sie alle wieder in Miskolc. «Natürlich sind wir alle sehr traurig», sagt Galamb: «Aber es gab eine winzige Chance für ein besseres Leben. Zu Hause haben wir nicht einmal die.» Galamb erzählt vom Gerücht, dass sich ein Bewohner der Siedlung unlängst aus Verzweiflung umgebracht habe. Auf dem Tisch liegt der Bescheid des BFM, dass alle vorgebrachten Gründe nicht asylrelevant seien: «Sie sind verpflichtet, die Schweiz zu ver­lassen.» Das Dokument ist in Deutsch verfasst, die Roma können es nicht ­lesen. Über zwei Wochen waren die Galambs im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel, das von Beratungsorganisationen und Medien häufig wegen Überbelegung, mangelnder medizinischer Betreuung und unfreundlichen Wachpersonals kritisiert wird. Laszlo Galamb aber fühlte sich dort zum ersten Mal «als menschliches Wesen ernst genommen». Alle im Zentrum hätten sie mit Respekt behandelt und die Wachleute spielten im Hof mit den Kindern Fussball. Ja, nickt die achtjährige Tochter Bianca, in der Schweiz sei es sehr schön gewesen.

Zurück ging es im Flugzeug nach Buda­pest und weiter mit dem Zug nach Miskolc. Die Reisekosten trug das BFM, die Buchung übernahm die Internationale Organisation für Migration (IOM), die im Auftrag des BFM die Migranten begleitet hat. Trotz der organisatorischen Hilfe sind die Rückkehrer auf IOM nicht gut zu sprechen. Ein IOM-Mitarbeiter hätte ihnen Wohnungen und Arbeit in Budapest versprochen, behaupten sie. «In Ungarn bleiben, aber nicht mehr in Miskolc leben müssen – das wäre das Beste für uns», sagt Sandor Lakatos, ein Nachbar der Galambs, der mit seiner Frau ebenfalls im EVZ Basel war. Im Glauben an ein neues Leben in der Hauptstadt unterschrieben die Roma den Verzicht auf Einspruch gegen die Asylablehnung. Dann bekamen sie lediglich Zettel mit Adressen staatlicher ungarischer Hilfseinrichtungen. Galamb und Lakatos fühlen sich «ausgetrickst». Die Leiterin von IOM Schweiz, Katharina Schnöring, sagt hingegen, dass den Roma weder Jobs noch Unterkunft versprochen worden seien. Der Kollege in Basel habe die Familien «mehrfach darauf hingewiesen, dass es für sie als EU-Bürger keine Rückkehrhilfe gibt». Nur eine Mutter mit neun Kindern kam über Vermittlung des IOM in einem tempo­rären Schutzhaus in Ungarn unter.

Eine Woche nach ihrer Rückkehr ­gehen Laszlo und Anita Galamb in das Büro der städtischen Immobilienverwaltung Miskolc. Sie wollen wissen, ob ­ihnen die Stadt eine Ersatzwohnung ­anbieten kann, wenn ihr Haus abgerissen wird. Die Beamtin ist überraschend freundlich, macht ihnen aber keine Hoffnung: Die Warteliste für kommunale Wohnungen sei viel zu lang. «Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?», fragt die Frau am Schalter: Dann müssten die Galambs Beschwerde beim Bürger­meister­amt einreichen.

Bürgermeister Akos Kriza aber spricht nicht über dieses Thema. Nicht mit den Roma und nicht mit der ausländischen Presse. Selbst wenn die vor seinem Büro steht. Kriza, ein Parteifreund von Regierungschef Viktor Orban, hat dafür keine Zeit. Seine sichtlich genervte Pressesprecherin holt statt­dessen den Vizebürgermeister. Peter Pfliegler spricht perfekt Deutsch und mahnt erst einmal lautstark den Journalisten, dass er nur die Wahrheit schreiben solle. Dann spricht der Vizebürgermeister von grosser Dankbarkeit für die 1,2 Millionen Franken, die Miskolc aus dem Schweizer Erweiterungsbeitrag erhielt: «Wir haben damit zwei Bäche gesäubert, die Uferverbauung erneuert und sogar die Frösche gerettet. Das ist wichtig für unsere Ökologie.» Vom ­Exodus der Roma habe die Stadt­ver­waltung nichts gewusst, sagt Pfliegler: «Wir schicken niemanden fort.»

«Er war nur noch deprimiert»

In den Häusern an den Nummernstrassen herrschen trotzdem Nervosität und Angst. Die Regierung Orban hat für die Wintermonate ein Moratorium verhängt: Bis zum 15. März 2015 darf niemand aus seiner Wohnung geworfen werden. Aber das wissen viele Roma nicht. Jozsefne Molnar glaubt, sie müsse Anfang Dezember ihr Haus verlassen und ist verzweifelt: Kommende Woche werde sie ihre Möbel auf die Strasse ­stellen und warten, was geschehe: «Ich kann nirgendwo hin und die Stadt­verwaltung redet nicht mit uns.» Vizebürgermeister Pfliegler bestätigt, dass die Siedlung in den nächsten Jahren abgerissen werde: «Sie ist nicht zum Leben geeignet.» Wer einen ordentlichen Mietvertrag habe, erhalte 2,5 Millionen Forint (rund 10'000 Franken), um ein Haus in einer anderen Gemeinde zu kaufen, sagt Pfliegler. In den Kündigungs­schreiben steht allerdings nichts von diesem Angebot. Ausserdem würde kaum jemand freiwillig in die Provinz ziehen. In heruntergekommenen Dörfern wie Vilmany sind Armut und Verzweiflung noch grösser als in der Stadt.

Piroska Forizs muss im Mai ihre Wohnung räumen. Sie hat keine Ahnung, wie es mit ihr und den fünf Kindern weitergehen soll. Ja, bestätigt sie das Gerücht in der Siedlung, ihr Mann habe vergangene Woche Selbstmord begangen: «Er war nur noch deprimiert, wusste nicht, wie es weitergehen soll.» Die zwei ältesten Buben hätten den Vater am Morgen erhängt vor dem Haus gefunden, sagt sie. Jetzt schleppt die zierliche Frau zwei volle Plastiktaschen über die Strasse. Das letzte Geld hat sie für den Einkauf ausgegeben. Damit muss die Familie eine Woche durchkommen. Vielleicht auch länger.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2014, 06:49 Uhr

Fast alle sind arbeitslos

Vilmany gehört zu Ungarns ärmsten Gemeinden. Hier setzt das Hilfswerk Heks seine Roma-Strategie um.

Kurz nach 16 Uhr wird das finstere Vilmany lebendig. Buben und Mädchen kommen aus der Grundschule, laufen lärmend und lachend über die Hauptstrasse des ungarischen Dorfs an der slowakischen Grenze. Kaum sind sie beim Gemeindehaus der reformierten Kirche angelangt, werden sie leise und trotten artig in die geheizte Stube, wo Pastorin Zsuzsanna Samu wartet. Erst wird gemeinsam ein Kirchenlied gesungen, dann erzählt Samu, wie Käse und Quark hergestellt werden und wie eine Kuh gemolken wird.

Vilmany liegt 30 Kilometer nördlich der Industriestadt Miskolc und gehört zu den ärmsten Gemeinden Ungarns. 90 Prozent der 1600 Einwohner sind Roma, fast alle sind arbeitslos, manche leben in Ruinen. Alkoholismus, Schlägereien oder Diebstahl bringen die Männer ins Gefängnis, zurück bleiben blutjunge Mütter mit vielen Kindern. Samu und ihr Mann leben seit zehn Jahren in der Region und betreuen vier reformierte Gemeinden. Zuvor waren sie ein Jahr in Zürich an der Langstrasse in der Sozialarbeit tätig. Jetzt setzen sie die Roma-Strategie des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) in Ungarn um.

Das Gemeindehaus ist am Vormittag offen für junge Mütter mit ihren Babys. Sie lernen Wissenswertes über Hygiene und Ernährung und wie sie ihre Bedürfnisse in der Familie artikulieren können. Am Nachmittag kommen Kinder und Jugendliche zum Lernen und Spielen. Einige Mädchen aus Vilmany hätten schon einen Platz an der pädagogischen Hochschule oder einen Job in der Stadt bekommen, erzählt Samu stolz: Die Vorbildwirkung solcher Erfolgsgeschichten könne nicht hoch genug geschätzt werden.

In der Roma-Strategie des Heks werden auch die Nicht-Roma der Kirchengemeinden in die Verantwortung genommen: «Sie müssen für die Situation der Roma sensibilisiert werden», sagt der Schweizer Projektleiter Matthias Herren, «und selbst den Kontakt zu Roma suchen.» Demnächst sollen 15 ungarische reformierte Kirchgemeinden in das Projekt eingebunden werden. In Budapest wurde dafür eine Koordinatorin angestellt. Das Heks finanziert das Projekt jährlich mit 180'000 Franken. Zusätzlich müssen die ungarischen Gemeinden Eigenfinanzierungen von 20 bis 40 Prozent der Projektkosten leisten.

Das Ende der Projekte ist nicht fixiert, denn «wenn wir in diesem Bereich Erfolg haben wollen, müssen wir in Jahrzehnten denken», sagt Herren. Von der EU oder dem Schweizer Erweiterungsbeitrag finanzierte Grossprojekte laufen lediglich zwei bis drei Jahre. Für Herren ist das ein Schwachpunkt: «In dieser Zeit kann man keine vertrauensvollen Beziehungen zu Roma aufbauen.» Samu brauchte mehrere Jahre, bis sie Zugang zu Familien fand, die aus Scham niemals Fremde und manchmal nicht einmal den Arzt über ihre Schwelle lassen. Viele Roma sind aus anderen Gemeinden zugezogen. Sie sind weder in der Region noch in der Roma-Kultur verwurzelt. Romani spricht hier niemand.

Im Gemeindehaus von Vilmany geht der Nachmittagsunterricht zu Ende. Bevor die Kinder nach Hause gehen, bekommen sie Tee und Wurstbrote. Zsuzsanna Samu macht stets ein paar Brote mehr. Sie kennt den Hunger ihrer Schützlinge. Für einige wird es an diesem Tag das letzte Essen sein. Zu Hause gibt es nicht einmal ein Stück Brot.

Bernhard Odehnal, Vilmany

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