Russische Operation enthüllt: Auch Doping-Experten im Visier

Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen russischer Spionage gegen die Anti-Doping-Behörde in Lausanne. Es waren die gleichen Spione, die es auf das Labor Spiez abgesehen haben.

Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen einer Cyberattacke gegen die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada: Vize-Direktor Rob Köhler am jährlichen Symposium in Lausanne. Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott

Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen einer Cyberattacke gegen die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada: Vize-Direktor Rob Köhler am jährlichen Symposium in Lausanne. Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott

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Zwischen dem Skandal um das russische Staatsdoping und dem unterbundenen Spionageangriff auf das Schweizer Atom-, Bio- und Chemiewaffenlabor gibt es einen direkten Zusammenhang: Zwei russische Agenten, Spezialisten für Cyberattacken, waren in Operationen in beiden Fällen involviert. Dies lässt sich aus Angaben der Bundesanwaltschaft (BA) schliessen, welche die Verbindung und das Vorgehen gegen Schweizer Ziele nun genauer untersuchen will. Damit die Staatsschutzermittler den geopolitisch brisanten Konnex erforschen können, brauchen sie allerdings das grüne Licht des Bundesrats. Das ist die Regel bei Spionageverfahren. Kürzlich haben die Strafverfolger das Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) um die notwendige Ermächtigung ersucht. Erst dann können sie ihre Strafuntersuchung vorantreiben.

Die Landesregierung hat aber noch keinen Entscheid gefällt. Guido Balmer, der Informationschef von Justizministerin Simonetta Sommaruga, schreibt: «Das Ermächtigungsersuchen der BA im erwähnten Fall ist im EJPD eingegangen und wird derzeit ­geprüft.» Aussenpolitisch ist die Sache, die sich zu einer eigentlichen Russlandaffäre entwickelt, delikat. Sogar wenn es sich rechtskräftig beweisen lässt, dass die Verdächtigen illegal in der Schweiz operierten, kann ihre Strafverfolgung starke Auswirkungen auf die diplomatischen Beziehungen zu Russland haben.

Spione doppelt aufgefallen

Die beiden russischen Agenten sind den europäischen Sicherheitsbehörden im Frühjahr 2018 offenbar nicht zum ersten Mal aufgefallen. In jenem Zeitraum sind sie in Holland verhaftet worden, womit eine Spionageaktion im Labor Spiez unterbunden wurde. Dies haben Tagesanzeiger.ch/Newsnet und das holländische «NRC Handelsblad» enthüllt. Recherchen zeigen nun den Bezug der beiden Ertappten zu einer zweiten mutmasslichen Spionageoperation in der Schweiz: Diese frühere Geheimdienstaktion stand im Zusammenhang mit dem russischen Staatsdoping. Ziel waren Experten in der Schweiz, welche für einen sauberen und faireren Sport kämpfen.

Sprecherin Linda von Burg bestätigt auf Anfrage, dass die BA ein Strafverfahren eröffnet hat wegen einer Cyberattacke gegen die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Die Schweizer Ermittler interessieren sich in diesem Zusammenhang auch für die in Holland Verhafteten.

Die Wada hat ihren Europa-Sitz in Lausanne. Die Dopingjäger hatten wegen der Winterspiele in Sotschi 2014 eine Untersuchung durchgeführt, welche zum Ausschluss russischer Athleten bei Olympia 2018 in Pyeongchang führte. Dazu trug auch Alt-Bundesrat Samuel Schmid bei, indem er einen Folgebericht über das Staatsdoping Russlands für das Internationale Olympische Komitee (IOC) erarbeitete. Auch der Sport-Dachverband ist in Lausanne heimisch.

Daten flossen ab

Das IOC wie die Anti-Doping-Agentur waren während ihren Untersuchungen Ziel von Hackerangriffen geworden. Aus einem Informatiksystem der Wada flossen vertrauliche medizinische Daten von Sportlern ab. Hinter den erfolgreichen Cyberattacken auf die Anti-Doping-Experten steckte laut Computerfachleuten vermutlich eine russische Täterschaft. Die Wada machte die Hackergruppierung Fancy Bear für einen folgenreichen Angriff verantwortlich.

Hinter Fancy Bear wird der russische Militärgeheimdienst vermutet, den die britische Regierung auch für den Nervengift-Anschlag auf den Doppelagenten Skripal verantwortlich macht. Die eingesetzte Substanz Nowitschok ist später im Labor Spiez untersucht worden. Dadurch und wegen Analysen zum Giftgas-Einsatz im Syrienkrieg lässt sich ein russisches Interesse an der Arbeit der Fachleute aus dem Berner Oberland erklären.

«Während einer Wada-Konferenz befand sich eine Delegation eines russischen Nachrichtendienstes im selben Hotel.»Samuel Schmid, Ex-Verteidigungsminister

Bei den internationalen Sportorganisationen beschränkten sich die Operationen nicht auf Fernangriffe übers Internet. «Es waren Leute in der Schweiz», verriet Ex-Verteidigungsminister Samuel Schmid Ende 2017 der «Schweiz am Wochenende». «Während einer Wada-Konferenz befand sich eine Delegation eines russischen Nachrichtendienstes im selben Hotel. Das machte uns klar: Wir sind ein konkretes Angriffsziel.» Nun wollen weder Schmid noch die Wada konkreter werden.

Die Chancen, dass die Schweizer Justiz die Verantwortlichen je belangen kann, sind gering. Die in Den Haag Verhafteten wurden in ihre Heimat ausgeschafft. Und Russland bestreitet jegliche Beteiligung an all den Operationen.

Ein Giftanschlag auf einen Doppelagenten, Spionage gegen die Schweiz und eine diplomatische Krise: Die Ereignisse in der Chronik.

Hinweise zur Geschichte senden Sie bitte an recherchedesk@tamedia.ch. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.09.2018, 20:59 Uhr

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