Russische Agenten hielten sich vor Anschlag in der Schweiz auf

Die im Fall Skripal verdächtigten Attentäter hielten sich mehrfach in der Schweiz auf.

Überwachungskameras in Salisbury zeichneten die mutmasslichen Attentäter vor der Tat auf.

Überwachungskameras in Salisbury zeichneten die mutmasslichen Attentäter vor der Tat auf.

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Wurde die Giftgas-Attacke auf den russischen Ex-Agenten Sergei Skripal und dessen Tochter Julia in der Schweiz vorbereitet? Seit Monaten beschäftigt diese Frage die britischen Ermittler. Diese Woche haben sie zwei Tatverdächtige präsentiert. Und Theresa May zeigte sich überzeugt, dass die beiden dem russischen Militärgeheimdienst GRU angehören. Was die Strafverfolger und die Premierministerin verschwiegen: Die Agenten waren viel auf dem Kontinent unterwegs und besonders häufig in Genf.

Bei der Aufklärung des Anschlags zählen die Briten deshalb auf die Unterstützung westeuropäischer Nachrichtendienste, wobei dem schweizerischen eine zentrale Rolle zukommen dürfte. Bald nach dem Attentat im südenglischen Salisbury von Anfang März fanden sich Spuren in die Schweiz. Erste Auswertungen ergaben: Die beiden mutmasslichen Auftragsmörder hatten sich in den Monaten vor der Tat mehrmals und zum Teil länger in Genf aufgehalten. Die grosse Frage seither lautet: Was haben sie dort getan?

Genf mit dem UNO-Sitz zieht viele Agenten an. Die internationalen Organisationen, aber auch die Schweizer Wirtschaft sind fast schon traditionelle Spionageziele. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) hat in jüngerer Zeit aber vermehrt Drittlandtreffen festgestellt. Dabei kommen Agenten und Agentenführer nicht im Staat klandestin zusammen, wo sie operieren, sondern ausserhalb.

Die neutrale Schweiz war für solche Drittlandtreffen lange prädestiniert, weil die Spionageabwehr über beschränkte Mittel verfügte. Mit dem neuen Nachrichtendienstgesetz, seit einem Jahr in Kraft, änderte sich dies. Wenn es um die Aufklärung von ausländischen Geheimdienstoperationen und gar um eine mögliche Attentatsvorbereitung geht, können die Staatsschützer neu beispielsweise mit Trojanern in IT-Netzwerke eindringen. Auch dürfen sie nun Autos und Räume verwanzen.

Ob er im Fall Skripal aktiv ist, wollte der NDB nicht kommentieren. Der Dienst darf nur in einer Sache aktiv sein, solange sich die Justizbehörden nicht damit beschäftigen. Im Zusammenhang mit dem Salisbury-Attentat laufen gemäss Auskunft der jeweiligen Medienstellen weder bei der Genfer Staatsanwaltschaft noch bei der Bundesanwaltschaft Strafverfahren. Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) steht laut Sprecherin Lulzana Musliu in Kontakt mit den britischen Behörden, die nun zwei internationale Haftbefehle ausgestellt haben.

Der «Telegraph» hat die Reiseroute nachgezeichnet

In London haben die Strafverfolger am Mittwoch Alexander Petrov und Ruslan Boshirov als Verdächtige benannt. Die Ermittler gehen davon aus, dass die beiden falsche Namen benutzten. Sie besassen für ihre Fake-Identitäten echte russische Pässe, ausgestellt mit ähnlichen Seriennummern im September 2016. Vor der Salisbury-­Attacke reisten die beiden etwa Vierzigjährigen damit und mit Business-Visa nach England ein. Seither wurden die Dokumente anscheinend nicht mehr benutzt.

Mehrere Quellen, die anonym bleiben wollen, bestätigen, dass sich die Gesuchten vor dem Anschlag mit dem Nervengas Nowitschok in der Schweiz aufgehalten hatten. Die britische Zeitung «Telegraph» hat nun nachgezeichnet, wie die beiden zusammen und alleine durch Europa jetteten und dabei mindestens sechsmal in die Schweiz einreisten: Zwischen November vergangenen Jahres und Februar 2018 buchten sie neun verschiedene Flüge von und nach Genf, wo Ende 2017 Friedensgespräche zum Syrienkrieg stattfanden. Petrov war demnach am 11. Dezember von Moskau über Paris in die Schweiz eingereist. Boshirov folgte ihm zehn Tage später auf gleichem Weg. Er verbrachte Weihnachten in der Schweiz und flog am 27. Dezember zurück in die russische Hauptstadt.

Petrov war – nach einem zwischenzeitlichen Moskau-Aufenthalt – über Silvester/Neujahr bereits wieder zehn Tage in Genf und danach bis zum 6. Februar nochmals rund zwei Wochen. Etwa drei Wochen später flog er mit Boshirov von Moskau nach London.

Russland hat bislang jegliche Beteiligung am Skripal-Anschlag bestritten. Aussenminister Sergei Lawrow versuchte im April, Zweifel an einer russischen Täterschaft zu schüren, indem er behauptete, das Labor Spiez habe in Proben aus Salisbury ein anderes Nervengas festgestellt als das in Russland entwickelte Nowitschok. Dies stellte sich aber als falsch heraus.

Das Fachinstitut im Berner Oberland, das vom Bund betrieben wird, war im September 2017 von Hackern attackiert worden, die dem Nachrichtendienst GRU zugeordnet werden. Beim russischen Militärgeheimdienst war früher auch Sergei Skripal tätig gewesen. 2004 wurde er als Doppelagent verhaftet und in Russland wegen Spionage für Grossbritannien verurteilt. Dank eines Gefangenentauschs kam er 2010 nach England.

Nach der Giftgasattacke schwebte Skripal in Lebensgefahr. Nun geht es ihm etwas besser. Verstorben ist das Zufallsopfer. Eine Anwohnerin aus Salisbury hatte sich mit einem Nina-Ricci-Parfumfläschen besprüht, welches die Attentäter entsorgt hatten. Darin war das Nowitschok.

recherchedesk@tamedia.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.09.2018, 21:50 Uhr

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