Grauholz

SBB haben «Spuren eines schweren Vorfalls verwischt»

Es geschah am Sonntag im Grauholztunnel: Bei einem IC bersten plötzlich mehrere Scheiben. Die SBB sprechen von einem «unbekannten Hindernis». Dieses ist jetzt bekannt, der Ermittler spricht Klartext.

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Der Unfall vom Sonntag im Berner Grauholztunnel wirft ein schlechtes Licht auf die SBB. Bei dem Vorfall wurden vierzehn Scheiben an vier Eisenbahnwagen eines durch den Tunnel brausenden Intercity-Zuges eingeschlagen. Im Schnellzug sassen 150 Personen. Nur durch viel Glück ist niemand zu Schaden gekommen.

Recherchen ergeben, dass die SBB die Öffentlichkeit schlicht falsch informiert und die Ermittlungen der Unfalluntersuchungsstelle des Bundes Sust gegen Vorschriften verstossend erschwert haben. Die Sust bezeichnet den Unfall auf Anfrage als «schweren Vorfall». Sie untersucht, «ob die SBB nur knapp einer Katastrophe mit Verletzten oder gar Toten entgangen sind», sagt Walter Kobelt, Untersuchungsleiter der Sust. Die SBB räumen Fehler ein (siehe Interview).

Die Falschinformation

Die SBB hatten am Sonntagabend mitgeteilt, Ursache des Unfalles sei ein «unbekanntes Hindernis». Tatsächlich war das Hindernis ein rund 1,8 Meter hoher, 120 Kilogramm schwerer Schrank für Elektroinstallationen. Die SBB hatten diesen unbefestigt in einer Nische des Tunnels abgestellt. Die Sust bestätigt diese Informationen.

Die Zuständigen bei den SBB mussten bereits sehr früh gewusst haben, dass nicht einfach ein unbekannter Gegenstand, sondern der Metallschrank die Ursache des Unfalles war. Die SBB bestritten dies zwar gestern. Doch es lässt sich beweisen: Denn als der zuständige Sust-Ermittler am Sonntag – durch den Pager alarmiert – mit den SBB telefonisch Kontakt aufnahm, sagten sie ihm, der Schrank sei bereits wegtransportiert worden. In der Mitteilung vom Sonntag hatten die SBB den Kontakt mit der Sust bereits erwähnt.

«Spuren verwischt»

Dass die SBB die Unfallstelle räumten, bevor die Sust diese freigegeben hatte, ist ein Verstoss gegen die Unfalluntersuchungsverordnung des Bundes. Damit die Spuren gesichert werden können, müssten die SBB solche Vorfälle «unverzüglich melden». Kobelt betont: «Die Bahn darf die Spuren erst beseitigen, wenn der Staatsanwalt oder der Sust-Ermittler die Stelle freigegeben hat.» Was der Untersuchungsleiter über das Verhalten der SBB sagt, kann nur als Kritik verstanden werden. Kobelt spricht von «erschwerten Ermittlungen».

Untersucht werden soll nun, wieweit die SBB Sicherheitsvorschriften verletzt haben. Doch: Weil die Sust zu spät alarmiert worden sei, könne sie nun nicht sagen, warum der Schrank mit dem Zug in Kontakt gekommen sei. Der Sust-Experte sei am Sonntag schliesslich nicht vor Ort gewesen. «Das hätte keinen Sinn gemacht, weil die Spuren bereits verwischt waren», sagt Kobelt.

Die SBB haben laut Kobelt nach Unfällen die Möglichkeit, trotz Meldepflicht Verspätungen zu minimieren: Die Bahn kann die Sust telefonisch anfragen, ob die Unfallstelle unter Auflagen freigeben werden könne, bevor der Unfallexperte eintreffe. Die Sust könne das Personal in diesem Fall unter gewissen Umständen anweisen, Fotos zu machen oder andere Spuren oder Beweise sicherzustellen.

Erstellt: 13.03.2014, 08:00 Uhr

«Das war ein Fehler, ist aber nicht bewusst erfolgt»

Wurden an der Unfallstelle im Berner Grauholztunnel Spuren verwischt? SBB-Sprecher Christian Ginsig nimmt Stellung zum Vorfall.

Die SBB müssen bei schweren Vorfällen die Unfalluntersuchungsstelle Sust gemäss Vorschrift «unverzüglich» kontaktieren. Warum verzichteten die SBB darauf?
SBB-Sprecher Christian Ginsig: Wir sind vorerst von einer anderen Ursache ausgegangen. Wir glaubten, dass die Fenster an den vier Waggons beim Kreuzen mit einem Extrazug mit Fussballfans zerbrachen. Deshalb haben wir zuerst die Polizei alarmiert, die den Zug kontrollieren sollte.

Die SBB hätten aber in jedem Fall auch die Unfalluntersuchungsstelle aufbieten müssen. Weshalb geschah dies nicht?
Das war ein Fehler. Wir klären ab, weshalb eine Alarmierung der Sust nicht sofort erfolgte. Wir arbeiten sonst in sehr gutem Einvernehmen mit der Sust zusammen. Die Aufklärung von Vorfällen ist uns wichtig und entspricht unserer Sicherheitskultur.

Bei der Kontaktaufnahme mit der Sust hatten die SBB den Schrank bereits weggeräumt und die Spuren laut Sust vorschriftswidrig verwischt. Warum?
Die Mitarbeitenden vor Ort wollten sicher im guten Glauben die Strecke schnell wieder befahrbar machen, ohne sich den Konsequenzen der Unfalluntersuchung bewusst zu sein. Wir arbeiten den Fall selbstverständlich genau auf und ziehen daraus die notwendigen Lehren. Warum die Sust vor der Räumung nicht umgehend kontaktiert wurde, ist derzeit noch nicht klar. Das war ein Fehler, ist aber sicher nicht bewusst erfolgt.

Warum stand der Metallschrank unbefestigt in der Tunnelnische?
Es findet ein Austausch der elektrischen Anlagen im Grauholztunnel statt. Der Elektroschrank aus Metall stand seit dem 20. Februar in dieser Nische. Er ist 120 kg schwer und 1,8 Meter hoch. Warum der Schrank kippen konnte und mit einer Ecke ins Lichtraumprofil des vorbeifahrenden Zuges ragte, ist Gegenstand von Abklärungen.

Warum haben die SBB am Sonntagabend mitgeteilt, der Unfall sei wegen eines unbekannten Hindernisses erfolgt, obschon sie wussten, dass der Schrank die Ursache war?
Genau dies war eben zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, da man zuerst von einer anderen Ursache ausging. Klar war eben nach den Abklärungen der Polizei nur, dass nicht die Zugsbegegnung mit einem Gegenzug Auslöser der Schäden war, sondern eben ein unbekanntes Hindernis.

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Der Grauholztunnel. (Archiv) (Bild: Keystone )

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