SVP-Nationalrätin kooperiert mit Scientologen

Andrea Geissbühler präsidiert den Dachverband Drogenabstinenz Schweiz – und arbeitet mit Scientologen und VPM-Anhängern zusammen.

Keine Angst unter Sektenverdacht zu geraten: SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler.

Keine Angst unter Sektenverdacht zu geraten: SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler. Bild: Lukas Lehmann/Keystone

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Der Scientology-Ableger «Sag Nein zu Drogen» verteilte kürzlich im Bahnhof Bern einen Flyer mit dem Titel «Cannabis – Freizeitvergnügen oder gefährliche Droge?». Er lud zu einer kontradiktorischen Podiumsdiskussion, allerdings nicht zur eigenen, sondern zu jener des Dachverbandes Drogenabstinenz Schweiz. Gleichzeitig bekamen die Passantinnen und Passanten auch noch eine Broschüre des Vereins «Sag Nein zu Drogen» in die Hand gedrückt.

Es ist aussergewöhnlich, dass Scientologen Werbung für eine fremde Organisation betreiben, also für den Dachverband Drogenabstinenz. Die Erklärung findet sich in der Person von SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler: Sie präsidiert den Dachverband, von dem der Scientology-Ableger Mitglied ist. Für die Scientologen ist dies ein Privileg, denn in aller Regel will keine Organisation mit ihnen etwas zu tun haben. Aus Furcht, unter Sektenverdacht zu geraten.

Die Haltung: Radikal

Solche Berührungsängste kennen Andrea Geissbühler und die Verbandsmitglieder nicht; der Verband setzt sich vorwiegend aus Vereinen zusammen, die eine radikale christliche oder reaktionäre Schlagseite haben. Dazu gehört der Verein Jugend ohne Drogen. Er wurde 1994 von Anhängern der Psychosekte VPM initiiert und setzte sich für eine repressive Drogenpolitik ein. Er war für den VPM vor allem Vehikel, um sich bei Parteien und konservativen Politikern einzuschmeicheln. Die Rechnung ging auf: Die SVP übernahm weite Teile von dessen Drogenkonzept, und Exponenten von ihr traten dem Verein bei. Der Zürcher SVP-Nationalrat und Gesundheitspolitiker Toni Bortoluzzi etwa amtiert aktuell als Präsident des VPM-Ablegers.

Dem freikirchlichen Lager des Dachverbandes Drogenabstinenz Schweiz zuzurechnen ist weiter der Versicherer Pro Life, der sich aus religiösen Gründen gegen Abtreibungen wehrt. Versicherte, die auf Abtreibungen verzichten, profitieren von einer Prämienverbilligung. Das bekannteste Mitglied des Dachverbands ist aber der Neue Rütlibund. Dieser kämpft seit 25 Jahren für die moralische Aufrüstung und gegen Abtreibungen und Drogen. Bekannt wurde er durch Aktionen und Strafanzeigen gegen Medien, Theater und Museen, die angeblich Gotteslästerungen begingen.

Auffällig sind die Verflechtungen mit der Anti-Drogen-Lobby. Die Vereinigung Eltern gegen Drogen, ebenfalls Mitglied des Dachverbandes, wird von Sabina Geissbühler-Strupler präsidiert, der Mutter von Andrea Geissbühler. Im Vorstand der Vereinigung sitzt mit Housi Knecht ausserdem ein Scientologe.

Trotz der radikalen Einstellung des Dachverbandes und seiner Mitglieder gelang es dem Verband, für die Veranstaltung in Bern hochkarätige Referenten zu gewinnen. So traten Professor Benno Schimmelmann, Direktor Universitäre Jugend-Psychiatrische Dienste Bern, und Peter Albrecht, Professor für Strafrecht der Universitäten Bern und Basel, auf. Zwar wurde die Podiumsdiskussion als kontradiktorisch angekündigt, doch Befürworter einer liberalen Drogenpolitik hatten einen schweren Stand, wie Besucher berichten. Ein Drogenfachmann sprach von unverantwortlichen, wissenschaftlich haarsträubenden und polemischen Statements von Mitgliedern des Dachverbandes. Die wenigen kritischen Fragesteller seien kaltgestellt worden.

Professor Schimmelmann antwortete dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Meine Rolle an der Veranstaltung war die eines Fachexperten für Kinder- und Jugendpsychiatrie, der versucht, eine differenzierte Diskussion zum Thema Cannabis-Legalisierung mitzugestalten. In dieser Rolle fühle ich mich nicht in Gefahr, in den Dunstkreis einer Sekte zu geraten.» Strafrechtsprofessor Peter Albrecht war nicht bereit, Fragen des Tagesanzeiger.ch/Newsnet zu beantworten.

Andrea Geissbühler sieht kein Problem darin, dass der Scientology-Ableger «Sag Nein zu Drogen» Mitglied ihres Dachverbandes ist. «Ich frage nicht danach, was Mitglieder glauben oder in welcher Organisation sie aktiv sind.» Relevant sei einzig, dass sie die drogenpolitischen Anliegen teilten und sich in diesem Sinn engagierten. «Ich habe in unserem Dachverband noch nie erlebt, dass Scientologen missioniert haben. Das würde ich nicht tolerieren», sagt sie. Auf den Hinweis, diese hätten Passanten den Flyer des Dachverbandes zusammen mit einer eigenen Broschüre abgegeben, antwortete sie, davon wisse sie nichts.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2015, 07:45 Uhr

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