SVP-Initiative: Drei Beispielfamilien, drei Steuerrechnungen

Wie würde sich die Familieninitiative auf das Portemonnaie auswirken? Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat das Ganze aufgrund von Beispielfamilien in Bern durchgerechnet.

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Für die SVP ist der Fall klar: Heute bevorteilt der Staat via Steuerrecht Familien, die ihre Kinder extern betreuen lassen. Deshalb hat sie ihre «Familieninitiative» lanciert, die am 24.November an die Urne kommt. Auch Eltern, die keine Kosten für externe Kinderbetreuung haben, sollen auf der Steuererklärung denselben Betreuungsabzug machen können. Parlament, Bundesrat und alle anderen Parteien lehnen die Initiative ab: Aus ihrer Sicht ist das heutige System gerecht.

Gerechtigkeit lässt sich zwar nicht berechnen. Aber man kann immerhin einen realistischen Fall annehmen und ausrechnen, wie sich das heutige Regime auswirkt, je nachdem, wie sich eine Familie organisiert.

Drei Varianten – ein Abzug

Mithilfe der kantonalen Steuerverwaltung haben wir folgendes Beispiel durchgerechnet (siehe Bildstrecke): Ein Doppelverdiener-Ehepaar bekommt Zwillinge und steht vor der Frage, wie es sich organisieren will.

Drei Varianten lassen sich berechnen: Die Frau kündigt und widmet sich voll den Kindern; sie arbeitet in einem kleineren Pensum weiter, dafür nimmt das Paar Krippenkosten in Kauf; in der dritten Variante arbeitet die Frau auch Teilzeit, die Kinder werden aber kostenlos von der Grossmutter betreut. Heute lässt das Steuerrecht nur in der zweiten Variante einen Abzug zu. Ist das ungerecht?

Die Progression wirkt

Die Selbstbetreuer-Familie, die auf den Lohn der Frau verzichtet und keine Betreuungskosten hat, zahlt 7780 Franken Steuern. Wie steht im Vergleich dazu die Familie da, die Krippenkosten in Kauf nimmt? Sie erzielt 40'000 Franken mehr Einkommen, hat aber nach Abzug der höheren Steuern, Sozialabzüge und Krippenkosten lediglich noch 28'000 Franken mehr verfügbar. Das Zweiteinkommen der Frau wird nicht nur durch die Steuern geschmälert, sondern auch durch die Krippenkosten, die in unserem Beispiel 3000 Franken im Jahr betragen (tatsächlicher Durchschnittswert im Kanton Bern).

Bleibt noch der Vergleich der beiden Varianten mit externer Fremdbetreuung. Diese ist im einen Fall kostenpflichtig (Krippe) und im anderen gratis (Grosi). Die Familie, die die Kinder in die Krippe schickt, bezahlt 12'600 Franken Steuern und hat Krippenkosten von 3000 Franken zu tragen. Das ergibt eine Belastung von 15'600 Franken. Da fährt die andere Familie klar besser, obwohl sie keinen Betreuungsabzug machen kann: Sie zahlt zwar 13'300 Franken Steuern, hat aber dank Grosi keine Betreuungskosten. Ihr verfügbares Einkommen ist 2300 Franken im Jahr höher. Noch grösser wäre dieser Vorteil, wenn die SVP-Familieninitiative angenommen wird.

Hoher Abzug beim Bund

Diese Vergleiche hängen naturgemäss davon ab, welche Annahmen man trifft. Ginge man etwa davon aus, dass eine Familie hohe Krippenkosten hat und deshalb die maximal möglichen Steuerabzüge machen kann, sähe das Bild leicht anders aus. Dann müsste die Fremdbetreuer-Familie nur noch 11'500 statt 12'600 Franken Steuern zahlen.

Interessant ist an diesem Fall, dass sich die Verhältnisse bei der Bundessteuer umkehren: Die Familie, die ein höheres Einkommen erzielt, muss plötzlich weniger Bundessteuer bezahlen als die andere Familie, in der nur noch der Mann erwerbstätig ist. Das liegt daran, dass beim Bund der maximale Betreuungsabzug mit 10'100 Franken pro Kind massiv höher ist als im Kanton Bern (3100 Franken).

Dies fällt aber kaum ins Gewicht, da die Hälfte der Familien keine Bundessteuer bezahlt und auch für die andere Hälfte vor allem die Kantons- und Gemeindesteuern «einschenken». Zudem können Haushalte immer nur die Krippenkosten abziehen, die sie effektiv haben – und auch dies nur, wenn beide Partner erwerbstätig sind. Das heisst: Wer bei der Bundessteuer 10'100 Franken pro Kind abzieht, hat effektiv Auslagen in dieser Höhe, was das verfügbare Einkommen stark schmälert.

Bei Annahme der SVP-Initiative: 550 Franken für die Selbstbetreuer

Was passiert, wenn die SVP-Familieninitiative am 24. November angenommen wird? Wie verändern sich die Unterschiede zwischen den verschiedenen Familienkonstellationen? Das hängt stark davon ab, wie die Initiative im Kanton Bern umgesetzt wird. Denkbar wäre, dass künftig alle Familien einen Betreuungsabzug von 1500 Franken pro Kind machen könnten, was dem heutigen durchschnittlichen Fremdbetreuungsabzug entspricht.

Die Konsequenzen für die drei Familienmodelle in unserem Vergleich wären unterschiedlich. Die Familie, die sich für die vollständige Selbstbetreuung entscheidet, hätte dank der steuerlichen Entlastung etwa 550 Franken im Jahr mehr im Portemonnaie (siehe Bildstrecke oben). Sie müsste noch rund 7230 Franken Steuern zahlen.

Die Differenz schrumpft

Nichts ändern würde sich für die Familie, die die Kinder für je 1500 Franken in die Krippe gibt. Sie zahlt weiterhin 12600 Franken Steuern. Damit würde sich jedoch die Differenz zur «traditionellen» Familie verändern: Die Doppelverdiener müssten neu 75 Prozent mehr Steuern zahlen, obwohl sie nur 40 Prozent mehr verdienen.

Eine Mehrbelastung bewältigen müssten Familien, die überdurchschnittlich hohe Krippenkosten in Kauf nehmen und diese heute vollständig abziehen dürfen. Wenn der Steuerabzug im Kanton auf 1500 Franken pro Kind reduziert wird, fällt ihre Steuerrechnung höher aus.

Profitieren würde die Doppelverdienerfamilie, bei der die Grosseltern einen Teil der Kinderbetreuung übernehmen. Sie könnte neu ebenfalls 3000 Franken vom Einkommen abziehen und müsste deshalb etwa 1200 Franken weniger Steuern zahlen. Sie müsste noch 12'600 Franken abliefern – genau so viel wie die Familie, die gleich viel verdient, dafür aber Krippenkosten von 3000 Franken in Kauf nimmt.

Keine Rarität

Dazu muss man wissen, dass das «Modell Grosi» keine Rarität ist: Laut dem Bundesamt für Statistik lassen mehr Familien ihre Kinder von Verwandten betreuen als in einer Krippe.

Bilanz: Profitieren würden die Selbstbetreuer und die Familien, die Gratisbetreuer finden. Für Familien, deren Kinder in die Krippe gehen, würde sich entweder nichts ändern oder sie müssten mehr Steuern zahlen als heute. So oder so wäre dieses Modell im Vergleich weniger attraktiv. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.11.2013, 12:45 Uhr

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