Samuel Schmid, aus dem Ruhestand auf die Weltbühne

Über die Rolle des Alt-Bundesrats beim Ausschluss der Russen von den Olympischen Spielen.

Er sprach Deutsch: Samuel Schmid am Dienstagabend auf der Pressekonferenz des Olympischen Komitees. (5. Dezember 2017)

Er sprach Deutsch: Samuel Schmid am Dienstagabend auf der Pressekonferenz des Olympischen Komitees. (5. Dezember 2017) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Samuel Schmid fällt akustisch auf. Eigentlich spricht man Englisch auf der Pressekonferenz des Olympischen Komitees (IOK). Nur der Alt-Bundesrat wird simultan übersetzt. Schmid erklärt und antwortet in typischem Beamtenhochdeutsch mit Berner Einschlag. Der eine Mundwinkel bleibt dabei fast geschlossen. Er nuschelt deshalb leicht, wie er das immer schon getan hat. Auch den Schnauz trägt er noch immer.

Vor neun Jahren ist Schmid sichtbar angeschlagen aus dem Bundesrat zurückgetreten. In den Monaten davor hatten ihm die Affäre um den damaligen Armeechef Roland Nef, in der er viel zu zögerlich agierte, und die Attacken seiner ehemaligen Partei zugesetzt. Für die SVP war er nach der Abwahl von Christoph Blocher aus der Regierung vom halben Bundesrat zur Persona non grata geworden. Seit seinem Rücktritt hatte sich Schmid weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Nun sitzt der 70-Jährige plötzlich wieder in einer Pressekonferenz. Nur, dass diesmal nicht nur die ganze Schweiz zuschaut, sondern die ganze Welt.

Video: Russland von den Olympischen Spielen ausgeschlossen

Russische Athleten dürften in Südkorea nur unter neutraler Flagge antreten. Video: Tamedia, Reuters

Schmid hat während eines Jahres die Untersuchungskommission in der Doping-Affäre um die russischen Olympioniken geleitet. Sein Bericht hat dazu beigetragen, dass Russland von den Olympischen Spielen ausgeschlossen wurde. Ob er das Gefühl habe, dass Wladimir Putin von den Machenschaften gewusst habe, will ein Journalist wissen. «Ich will hier nicht meine Gefühle vermitteln, sondern Fakten», antwortet Schmid trocken. Zum Job ist er gekommen, weil der ehemalige Sportminister im Ethikrat des IOK in Lausanne sitzt.

Alt-SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli sieht Schmids Rolle in der Untersuchungskommission vor allem als repräsentative. Man solle die Arbeit der Präsidenten solcher Kommissionen nicht überschätzen, sagt der Mann, der in den Nullerjahren einer der schärfsten Kritiker Schmids gewesen war und einmal über ihn geschrieben hatte: «Wäre der Charakter ein lebenswichtiges Organ, man müsste Schmid künstlich am Leben erhalten.» Offensichtlich hat man Schmid in der SVP noch immer nicht verziehen. Während die Pressekonferenz läuft, schreibt sein Namensvetter, der Zürcher Kantonsrat Claudio Schmid, auf Twitter: Ausgerechnet ein «gescheiterter Alt-Bundesrat» erkläre der Welt, welche Dopingvergehen Russland begangen habe.

Samuel Schmid verkündet am 12. November 2008 seinen Rücktritt aus dem Bundesrat. (Bild: Keystone)

Unterschätzt

Nicht nur SVP-Politiker, sondern auch viele Journalisten haben Schmid und seinem kleinen Team bei den Ermittlungen im Dopingsumpf wenig zugetraut. Ursula Haller, während Jahrzehnten eine politische Weggefährtin Schmids, stört es gewaltig, wenn dieser ständig als harmlose Figur charakterisiert wird. «Harmlos» sei eine Beleidigung, sagt die Alt-Nationalrätin der BDP. «Nur weil Samuel Schmid nicht das Wort auf der Zunge trägt und nicht mit seinen Erfolgen prahlt, heisst das nicht, dass er nicht ein sehr hartnäckiger Ermittler sein kann.» Schmid werde wegen seiner Art, seinem Berndeutsch zu schnell in eine Ecke gestellt. Er werde von vielen unterschätzt.

Jurist Schmid, der sich innert dreier Jahrzehnte vom Gemeindepolitiker in Rüti bei Büren an der Aare, über Kantons-, National- und Ständerat in den Bundesrat hochgearbeitet hatte, sass in seiner Politkarriere in vielen Kommissionen. Der bodenständige Bundesrat mit einem guten Draht zur Bevölkerung hatte zwar alle seine Volksabstimmungen gewonnen und die Armee gegen grossen Widerstand verkleinert und modernisiert. Nach seinem Rücktritt blieb er aber primär als tragische Figur in Erinnerung. Der Auftritt am Dienstagabend vor der internationalen Presse dürfte dieses Bild nun etwas korrigieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2017, 12:56 Uhr

Artikel zum Thema

Den Kampf gegen das Böse ernst genommen

Kommentar Dass das IOK Russland ausschliesst, ist überraschend und richtig – der Entscheid hat aber primär Symbolkraft. Mehr...

Russen-Aus für Olympia – und was tut nun die Fifa?

Die Sperre des IOK und der Blick nach vorne auf die Fussball-WM in Russland. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Coole Pose: Ein Chihuahua posiert mit Cap und Sonnenbrille vor der Kamera in Nizza. (7. Dezember 2017)
(Bild: Eric Gaillard) Mehr...