Sawiris und die «sehr, sehr euphorischen Annahmen»

Der Bau des neuen Skigebiets in Andermatt wird vom Staat mit Millionen subventioniert. Eine Studie bezweifelt, dass jemals schwarze Zahlen geschrieben werden.

Samih Sawiris, Präsident der Verwaltungsräte, ist guter Dinge.

Samih Sawiris, Präsident der Verwaltungsräte, ist guter Dinge. Bild: Alexandra Wey/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Heute Morgen hat Samih Sawiris die Medien nach Andermatt eingeladen, um den Spatenstich für die Sesselbahn am Oberalppass zu feiern. Bereits im Juli erfolgte der Baubeginn einer Sesselbahn auf der gegenüberliegenden Gurschenalp.

Die beiden Sechsersesselbahnen sind Teil der geplanten Skiarena Andermatt-Sedrun, die im Endausbau die Erstellung von insgesamt 14 Skiliften, Gondel- und Sesselbahnen vorsieht. Davon werden zehn Anlagen in der ersten Etappe realisiert, die etwa 130 Millionen Franken kosten soll. Bei aller Freude und Erleichterung, dass nach den mehrjährigen Verzögerungen endlich die Baumaschinen auffahren, gibt es weiterhin skeptische Stimmen. Eine davon ist der Urner Landrat (Kantonsrat) Toni Moser. Der SP-Mann hat Anfang Jahr die Interpellation «Investitionen in Skigebietsverbindung Andermatt-Sedrun an dünnem Faden?» eingereicht.

A-fonds-perdu-Beiträge von Uri und Graubünden

Hintergrund der Anfrage sind die öffentlichen Gelder, die in das Projekt fliessen. 2013 wurde bekannt, dass sich der Bund mit einem rückzahlbaren Darlehen von 40 Millionen Franken sowie die Kantone Uri und Graubünden mit 5 respektive 3 Millionen Franken als A-fonds-perdu-Beiträge am Ausbau beteiligen würden. Der «Tages-Anzeiger» berichtete über die damalige harsche Kritik der Mitbewerber aus Zermatt, Grindelwald und Engelberg an der Staatshilfe sowie ihre Zweifel, ob das Andermatter Skigebiet finanziell nachhaltig betrieben werden könne.

Anfang dieses Monats kam nun die Antwort des Urner Regierungsrates: «Betriebswirtschaftlich rechnet sich das Projekt nur mit einem substanziellen Engagement seitens der öffentlichen Hand.» Das Projekt sei nötig, damit der Tourismus an Attraktivität gewinne und entspreche zudem den Zielen der Neuen Regionalpolitik (NRP) des Bundes. Das für das NRP-Programm verantwortliche Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) begründete bereits 2013 sein finanzielles Engagement mit der «besonderen Bedeutung des Gotthards für die Schweiz, da er wichtige Leistungen für die Schweiz» erbringe. Zudem habe der Bund nach dem Rückzug des Militärs eine spezielle Mitverantwortung für die Region.

Situationsplan der neuen Skianlagen. Bild: ASA

Toni Moser wollte vom Regierungsrat auch wissen, welche Vorkehrungen Uri getroffen habe, damit die öffentliche Hand künftig beim Skigebiet nicht immer wieder «in die Lücke springen muss, um Defizite oder Ersatzinvestitionen aufzufangen». Voraussetzung für das Bund-Darlehen war, dass die Investoren einen Businessplan erstellten. Dieser basiert unter anderem auf einer Studie der Universität St. Gallen und wurde zudem im Auftrag des Kantons Uri durch die Hochschule Luzern überprüft. Doch es gibt noch eine andere Studie, die offenbar vom Bund, Uri und Graubünden sowie vom Sawiris-Unternehmen Andermatt Swiss Alps AG nicht berücksichtigt wurde.

Franz Steinegger wollte es wissen

Bevor der ägyptische Investor im Sommer 2012 die Andermatt-Gotthard-Sportbahnen (AGS) und die Sedrun-Bergbahnen übernommen und sie zur Andermatt Surselva Sport AG fusioniert hatte, liess die AGS eine Machbarkeitsstudie erstellen. Verwaltungsratspräsident war damals der frühere FDP-Präsident Franz Steinegger, der keinen Hehl daraus machte, dass er das Skigebiet lieber in kleinen Etappen statt auf einen Schlag ausbauen wollte.

Die renommierte Churer Unternehmens- und Tourismusberatungsfirma Grischconsulta rechnete 2011 die Rentabilität der Skigebietserweiterung durch und kam zu einem verheerenden Schluss: Im realistischsten Szenario liessen sich die sogenannten Skier-Days (Tagesbesuche) von 424'000 auf 561'000 (+32 Prozent) und der jährliche Umsatz von rund 11,5 auf 18,5 Millionen Franken steigern – doch dies bei einem Defizit von 6,3 Millionen Franken.

Zum Vergleich: Zwischen 2008 und 2011 war der Fehlbetrag zehnmal kleiner. Um schwarze Zahlen zu schreiben, müssten aber die Ersteintritte im neuen zusammengeschlossenen Gebiet auf fast 700'000 (+63 Prozent) erhöht werden. Drastisch vergrössert werden müsste zudem auch die Zahl der Hotelbetten und Logiernächte. Dazu meint der Studienverfasser Roland Zegg heute: «Das sind alles in allem sehr, sehr euphorische Annahmen.»

Erster Spatenstich im Juli auf der Gurschenalp. Bild: ASA

«Die Studie der Grischconsulta wurde bereits 2011 erstellt und basiert nicht mehr auf aktuellen Fakten», sagt Markus Berger, Sprecher der Andermatt Swiss Alps AG. Man gehe davon aus, dass sobald das Skigebiet komplett ausgebaut sei, sich die Zahl der Skier-Days von heute zwischen 360'000 und 400'000 auf 600'000 erhöhen werde.

Auf die Frage des «Tages-Anzeigers», wie hoch die Defizite in den ersten fünf Jahren sein werden, antwortet Berger: «Die Entwicklung des Skigebiets hängt vom Stand des Ausbaus der Skigebietsverbindung und der Anzahl Betten in Andermatt und Sedrun ab. Und natürlich von der Marktentwicklung generell.» Deshalb arbeite der Businessplan mit verschiedenen Szenarien und Phasen. Grischconsulta betont, dass ihre Berechnungen für ein zusammengeschlossenes Skigebiet auch heute noch zuträfen, die Ausgangslage habe sich nicht grundsätzlich verändert.

«Ein Restrisiko» für die öffentliche Hand

Die Urner Regierung schreibt in ihrer Antwort, dass die öffentlichen Gelder an «die Gewährleistung von werthaltigen Sicherheiten über die gesamte Darlehenssumme» geknüpft seien, sodass der Weiterbetrieb im «worst case» während mindestens zwei Jahren aufrechterhalten werden könne.

Im Weiteren hält sie fest: «Die private Investorenschaft geht mit ihrem finanziellen Engagement ein mindestens gleich hohes oder gar höheres Risiko auch im Sinne der regionalen wirtschaftlichen Stärkung ein.» Es wäre deshalb ein falsches Signal der öffentlichen Hand, das gesamte Risiko auf die Investoren und Unternehmen übertragen zu wollen. Und: «Ein Restrisiko wird für die öffentliche Hand, auch im Rahmen sämtlicher Massnahmen zur wirtschaftlichen Entwicklung, immer bestehen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2015, 16:04 Uhr

Artikel zum Thema

Sawiris' Hotelimperium

Kleine Mängel und grosse Begeisterung: Einblicke ins luxuriöse Chedi in Andermatt. Mehr...

Piste frei für Sawiris' Gross-Skigebiet

Das Skigebiet am Oberalp erhält 15 neue Seilbahnen. Nun hat der Bund seinen Segen dazu gegeben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Blogs

Never Mind the Markets Die Eurozone bleibt instabil

Mamablog Ein Smartphone mit 10?

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Wintereinbruch: Schafe grasen im Schnee nahe Loch Tay Perthshire, Schottland, Grossbritannien (10. Dezember 2017).
(Bild: Russel Cheyne) Mehr...