Schattenboxen gegen «No Billag»

In der Westschweiz wird über die Vorlage kaum debattiert. Das hat nicht nur mit finanziellen Überlegungen zu tun.

Die Romandie macht bei «No Billag» nicht mit: In der Westschweiz weiss man, dass Sparmassnahmen des Bundes die lateinische Schweiz häufig als Erste treffen.

Die Romandie macht bei «No Billag» nicht mit: In der Westschweiz weiss man, dass Sparmassnahmen des Bundes die lateinische Schweiz häufig als Erste treffen. Bild: Pablo Gianinazzi/Keystone

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Die Beliebtheitswerte des Walliser FDP-Nationalrats Philippe Nantermod waren schon höher als in diesen Tagen. Nantermod ist der einzige Westschweizer Politiker, der sich öffentlich für eine Annahme der No-Billag-Initiative ausspricht. Er spielt seine Rolle mit Courage und muss einiges einstecken. Als sich Nantermod im Westschweizer Fernsehen Roger Federers Finalsieg in Basel anschaute, frotzelte er via Twitter: «Sympathisch Federers Match auf RTS anzuschauen. Die Kommentatoren profitieren, Kampagne gegen ‹No Billag› zu machen. Ihnen sind alle Mittel recht.» Sofort entlud sich ein Shitstorm über Nantermod. Selbst Parteikollegen attackierten ihn. Warum er sich erfreche, das Spiel überhaupt anzuschauen, herrschte man ihn an. Weil: «‹No Billag›, kein RTS und damit kein Tennis mehr.» Doch Nantermod provozierte weiter. «Es heisst, Federer gewinne die Masters nur dank der Konzessionsgelder», war sein nächster Tweet.

Video: Welche SRF-Sendung würden Sie vermissen?

Die Umfrage zu den möglichen Folgen von «No Billag» am TV.

Die Attacken trägt Nantermod mit Fassung. Dreimal hätten die Tenniskommentatoren Kampagne gegen «No Billag» gemacht, sagt er. Da habe er interveniert. Sein Engagement für «No Billag» sei im Übrigen keine Qualitätskritik an den Radio- und TV-Sendern von RTS. Er finde die Sender mehrheitlich gut. Es gehe ihm um individuelle Freiheiten. Er wolle bezahlen, was er konsumiere, so Nantermod. Es habe auch nicht jeder Schweiz ein GA der SBB. Jeder bezahle gemäss seinen Bedürfnissen.

Solidarität, auch bei Gebühren

Anders als in der Deutschschweiz gibt es in der Romandie um «No Billag» keine Debatten. Nebst Nantermod engagieren sich nur einzelne Jungfreisinnige und die Junge SVP für die Initiative. Der langjährige Journalist und heutige PR-Berater Philippe Zahno kann sich also entspannt zurücklehnen und abwarten.

Zahno ist Generalsekretär des Vereins gegen das Verschwinden der Radio- und Fernsehsender, des Komitees gegen «No Billag». Mit ihm im Vereinsvorstand sitzen Nationalrat Laurent Wehrli (FDP, VD) als Präsident und die Nationalräte Jacques-André Maire (SP, NE) und Yannick Buttet (CVP, VS) als Vizepräsidenten. Er nehme die Initiative ernst, korrigiert Zahno. Seine Arbeit gegen «No Billag» sei kein Schattenboxen. Natürlich gebe es einen No-Billag-Röstigraben, und ja, die Westschweizer seien solidarischer, wenn es um Gebühren für Radio- und Fernsehsender gehe, so der Jurassier.

Doch es gehe um jede einzelne Stimme. Den Leuten müsse bewusst sein: «‹No Billag› bedroht nicht nur RTS, sondern auch die privaten Sender. In der Romandie erhalten 19 Radio- und TV-Sender Gebührengelder: Sie würden ‹No Billag› nicht überleben», sagt Zahno. Es blieben 4 private Radiosender in Lausanne und Genf übrig. Das wäre fatal, weil man sich gerade in der Westschweiz in den Randregionen intensiv über Radio und Fernsehen informiere, argumentiert er.

Das Forum für alle

Nur schon aus finanziellen Überlegungen müsste die Romandie gegen «No Billag» sein. Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann erinnerte in der «Weltwoche» jüngst daran, dass von den 1,2 Milliarden Franken Gebühreneinnahmen für die Programmbudgets 591 Millionen an SRF nach Zürich, 389 Millionen zu RTS in Lausanne und 239 Millionen zu RSI nach Lugano fliessen. «Die lateinische Schweiz verbraucht weit über die Hälfte der Mittel, obwohl sie nur 30 Prozent der Bevölkerung abdeckt», so Zimmermann.

Video: Kontroverse Debatte zu No-Billag

Wie sich Politiker in der Frage zu den TV-Gebühren positionieren.

Gerade in der Westschweiz weiss man, dass Sparmassnahmen des Bundes die lateinische Schweiz häufig als Erste treffen. Doch für Peter Rothenbühler, langjähriger Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten» und von «Le Matin», sind nicht finanzielle Überlegungen der Auslöser für die unterschiedlichen No-Billag-Debatten in den Landesteilen. Er sagt: «Das Westschweizer Fernsehen ist dank dem ‹Téléjournal› und einer Reihe hervorragender Informationssendungen wie ‹Mise au point›, ‹Temps présent› und ‹Infrarouge› in der Bevölkerung stark verankert.»

Bei Politformaten wie der Radiosendung «Forum» um 18 Uhr, der täglichen einstündigen Livesendung zu diversen aktuellen Themen, achte RTS seit Jahren konsequent darauf, dass Vertreter aller politischer Meinungen zu Wort kommen und kontroverse Diskussionen entstehen. Das mache RTS clever, lobt Rothenbühler. Weil Politiker ständig Auftritte haben und sich zu vielem direkt vor einem grossen Publikum äussern können, entwickle sich anders als in der Deutschschweiz kein Wutstau. Der Vorwurf, die Sender seien politisiert, komme nicht auf.

«Unparteiisch und unabhängig»

Im Juni 2016 haben sich die 19 mit Gebührengeldern finanzierten Westschweizer Radio- und TV-Sender zudem zu einem besonderen Schritt entschlossen. Sie unterzeichneten eine Charta, mit der sie sich zu einem «unparteiischen und unabhängigen Service public» verpflichten.

Auch dem Waadtländer SP-Nationalrat Roger Nordmann ist das Fehlen der No-Billag-Debatte nicht entgangen. Er sieht darin eine politische Gesamthaltung. «Die Radio- und Fernsehsender sind in der Romandie nicht besser, aber bei uns gibt es kaum Ultraliberale wie Blocher, welche die SRG seit Jahren verleumden, um selbst die Mediendominanz zu erreichen», so Nordmann. Den Ultraliberalen gehe es um die Macht des Geldes und darum, die Medien zu kontrollieren. In der Romandie werde die No-Billag-Initiative richtig entlarvt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2017, 20:18 Uhr

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