Analyse

Schawinski muss netter werden

Der Publikumsrat rügt Roger Schawinskis aggressiven Interviewstil. Kritik und Quoten zeigen es: Das Publikum will tatsächlich keinen streitlustigen Gastgeber.

Ungeduldig und temporeich: Roger Schawinski. (Videoschnitt: Lucienne-Camille Vaudan)

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Von Roger Schawinskis Talkstart Mitte August blieb inhaltlich wenig hängen. Was blieb war einzig das Bild eines aggressiven und streitlustigen Interviewers, der an seine grosse Zeit als «Talktäglich»-Gastgeber anzuknüpfen versuchte. «Sendestart missglückt», hiess das Verdikt der Medienszene.

Am Dienstag bekam der «beste Talker der Schweiz» vom Publikumsrat nach sechs Sendungen seine Noten. Das Urteil war hart, überraschte aber nicht: Schawinskis Talk-Tempo sei zu hoch, er lasse seine Gäste kaum aussprechen und schneide viele Themen an, vertiefe sie aber nicht. Gewünscht wird, dass sich der begnadete Talker künftig stärker zurückhält und seinen Gästen mehr Raum gewährt.

Wer Schawinski ins Haus holt, bekommt keinen Kuschel-Moderator

Die Reaktionen von Schawinskis Berufskollegen sind unterschiedlich. Sandro Brotz, langjähriger Weggefährte und heute Stellvertretender Chefredaktor des «Sonntag», schreibt auf Anfrage: «Die Kritik kommt mir vor, wie wenn man den Papst auffordern würde, bitte weniger katholisch zu sein. Wer sich Schawinski als Talker ins Haus holt, bekommt keinen Kuschel-Moderator geliefert – und das ist auch gut so. Es wird ihn, so wie ich ihn einschätze, auch nicht allzu fest beeindrucken.» Simon Bärtschi, Stellvertretender Chefredaktor der «SonntagsZeitung», sagt: «Die Kritik des Publikumsrats, dass Schawinski nicht ausreden lässt, ist beste Werbung für den Talker.»

Ob Schawinski die Kritik des Publikumsrates annehmen wird, werden die Zuschauer am kommenden Montag erfahren. Das Urteil des Publikumsrates und die Quotenentwicklung der Sendung lassen allerdings einen Schluss zu: War Schawinskis frecher Interviewstil früher gefragt, wird heute vom Publikum ein gemässigter Umgang mit den Gästen erwartet. Die Selbstinszenierung und Egoshow, man muss dem Publikumsrat recht geben, wirken nicht professionell.

Rückendeckung von SF-Chefredaktion

Nun kann man einwenden, dass Schawinskis Stil durchaus gewollt ist. Die Argumentation von SF-Chefredaktor Diego Yanez, wonach die Sendung an Spannung und Intensität verliere, würden die Gäste allzu viel Redezeit bekommen, stimmt nur bedingt. War das Gespräch mit Toni Brunner am letzten Montag nicht dann am spannendsten, als der SVP-Politiker die Aufgabe einer Investmentbank erklären musste und dabei offenbarte, nichts vom Geschäft zu verstehen?

Dass Schawinski sich von seinem zappligen, teils rüpelhaften Interviewstil verabschieden muss, legen im Prinzip auch die Quoten nahe. Zwar ist es noch zu früh für eine aufschlussreiche Analyse. Trotzdem: Die ersten Zahlen sind enttäuschend, zumal Schawinski von der SF-Führung als Topshot, als «verlorener Sohn» präsentiert wurde. Man gab ihm gegenüber internen Kandidaten den Vorzug, weil nur er mit seiner Art für Wirbel sorgen könne.

Noch kein Quotenhit

Aber so richtig wirbelt Schawinski noch nicht. Obwohl er in seinem sechsten Duell mit einem Marktanteil von 22,5 Prozent einen Quotenrekord aufstellte, bleibt der Schnitt seiner Sendung mit 17 Prozent unter der wichtigen 20er-Marke. Und dies drei Wochen vor den Wahlen. Das ist wenig, wenn man berücksichtigt, dass das Vorgängerformat zur selben Sendezeit eine durchschnittliche Quote von 20,7 Prozent erzielte. Man kann davon ausgehen, dass die SF-Führung, die schon länger in der Quotenkritik steht, kein neues Talk-Format lanciert, um tiefere Quoten in Kauf zu nehmen und um den Kritikern noch mehr Munition zu liefern. SF-Kritiker Francesco Benini («NZZ am Sonntag») meinte auf Anfrage per Mail: «Die Quoten von Schawinski sind enttäuschend. Wenn das so weitergeht, wird er bald abwechslungsweise Christoph Blocher und Uriella einladen – wie er es damals bei Tele Züri tat.»

Schawinski steht unter Druck, auch wenn er behauptet, keine Quotenvorgaben erfüllen zu müssen. Es gibt allerdings erste Anzeichen, dass der Talker sich um eine Veränderung bemüht. Seine sechste Sendung war weniger hektisch, weniger dreist und inhaltlich klar fokussiert. Resultat: Der nette Schawinskis hatte über 20 Prozent Marktanteil. Und Toni Brunner blieb im Studio. Das war 1999 noch anders, als der damalige SVP-Präsident Ueli Maurer dem aggressiven Talker aus der Sendung lief.

Erstellt: 28.09.2011, 20:05 Uhr

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