«Schlecht gelaunt, weil Ihr Mann eine zweite Frau genommen hat?»

Regelmässig werden rassistische Vorfälle an Schulen gemeldet. Das Wort «Rassismus» fehlt jedoch in Schweizer Lehrplänen. Das soll sich ändern.

Einzelfall oder typisch für den Alltag an Schweizer Schulen? Schulstunde in einer 6. Klasse in Thun BE. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Einzelfall oder typisch für den Alltag an Schweizer Schulen? Schulstunde in einer 6. Klasse in Thun BE. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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Eine muslimische Lehrerin schildert, dass einzelne Kinder aus der Klasse sie aufgrund ihrer Religion beschimpfen und herabsetzende Kommentare machen wie zum Beispiel «Ziehen Sie die Burka an, dann müssen wir Ihr hässliches Gesicht nicht mehr sehen». Oder: «Sind Sie heute so schlecht gelaunt, weil Ihr Mann eine zweite Frau genommen hat?» Die Lehrerin versucht, von der Schulleitung Unterstützung zu erhalten, fühlt sich aber falsch verstanden, da die Schulleitung sie mit ihrem Anliegen nicht ernst nimmt.

Dieser Vorfall wird im heute erschienenen Bericht «Schule und Rassismusprävention: Die Schweiz kann mehr tun» der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) geschildert. Ist das ein krasser Einzelfall oder typisch für den Alltag an Schweizer Schulen?

«Wir gehen von einer relativ hohen Dunkelziffer aus.»Martine Brunschwig Graf, Präsidentin EKR

«Rassistische Vorfälle in der Schule werden der EKR regelmässig gemeldet, allerdings betreffen die meisten dieser Fälle rassistische Äusserungen und rassistisch motiviertes Mobbing zwischen den Schülern», sagt die Präsidentin der EKR, Martine Brunschwig Graf, auf Anfrage. Dass eine Lehrperson Opfer von eindeutig rassistischen Äusserungen werde, sei bisher relativ selten vorgekommen und stelle in dieser Intensität wohl eher eine Ausnahme dar. Brunschwig Graf: «Wir gehen von einer relativ hohen Dunkelziffer aus, gerade im Fall von Rassismus zwischen Schülern, aber auch von Lehrern gegenüber Schülern.»

Die EKR-Präsidentin stellt zudem fest, dass aufgrund der europäischen Flüchtlingskrise die Hassreden in sozialen Medien immer präsenter würden und «die Angst vor dem Fremden auch die Schweiz erfasst» habe. Auf die Schulen bezogen, heisst es im Bericht: «Eine aktuelle und höchst anspruchsvolle Herausforderung stellt die Radikalisierungsproblematik für Schulen dar, gilt es doch, einerseits die Risiken einer sich abzeichnenden Radikalisierung und Hinwendungsprozesse rechtzeitig zu erkennen und andererseits Stigmatisierung und Islamfeindlichkeit keinen Vorschub zu leisten.» Doch im Vergleich zu den Ländern der Europäischen Union weise die Schweiz bei der antirassistischen Erziehung einen Rückstand auf. So tue sich die Schweiz schwer, die antirassistische Erziehung nachhaltig und offiziell in den Lehrplänen der obligatorischen Schule zu verankern, stellt die EKR fest.

Rassismusprävention ist nicht Pflicht

Auffällig sei, dass im gesamten Lehrplan 21 der Begriff Rassismus oder Variationen davon an keiner Stelle auftauchen würden. Zwar würden die neuen Lehrpläne der Volksschule grundsätzlich den «gegenseitigen Respekt im Zusammenleben mit anderen Menschen bezüglich Kulturen, Religionen und Lebensformen» fördern. So zum Beispiel im Fach Natur, Mensch, Gesellschaft. Aber: «Die Lehrpläne wie auch die Lehrerausbildung erzwingen die Auseinandersetzung mit der Thematik nicht», betont die EKR. Die Problematik werde als ein Thema der Erziehung hin zur Toleranz und Vielfalt gesehen, nicht aber zur reflektierten Kritik und Ablehnung rassistischer Konzepte und Verhaltensformen genutzt. «Insofern bleibt die Anlage in der Hälfte stecken.»

Beat W. Zemp, Zentralpräsident der Dachorganisation der Lehrerinnen und Lehrer (LCH), ist nicht ganz einverstanden: «Wie man aus den zahlreichen Formulierungen sehen kann, ist eine antirassistische Erziehung durchaus in den neuen Lehrplänen der obligatorischen Schule verankert.» Es gehe dabei nicht nur darum, so Zemp, Wissen über Diskriminierungen aufgrund ethnischer, nationaler oder religiöser Zugehörigkeit oder äusserer Erscheinung aufzubauen, sondern auch Kompetenzen im Umgang mit den eigenen Werten und Verhaltensmustern und im Umgang mit Fremdem zu erwerben. «Allerdings muss dieser Lehrplan nun auch umgesetzt werden. Und dies dauert je nach Kanton bis ins Schuljahr 2021/22.»

Die EKR sieht aber auch positive Entwicklungen: Trotz fehlender Pflicht zur Rassismusprävention im öffentlichen Unterricht gewinne aber die Thematik an Bedeutung. «Dies ist insbesondere dem Einbezug von Organisationen wie der Fachstelle für Rassismusbekämpfung und verschiedener Stiftungen zu verdanken, die Projekte zur Sensibilisierung von Kindern und Jugendlichen unterstützen.»

Vorbildliche Projekte

Als Vorbild wird das Pilotprojekt «Vielfaltbox» der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) erwähnt. Die Idee der frühkindlichen Toleranzförderung geht auf jahrzehntelange Beobachtungen des Präsidenten der GRA, Ronnie Bernheim, zurück. Die Box enthält beispielsweise ein Set an Duplo-Figuren, bestehend aus Kindern, Frauen und Männern mit unterschiedlichstem Aussehen, Alter, kulturellen und beruflichen Hintergründen. Das Spiel mit den Figuren soll die Kinder dazu anregen, sich kreativ mit Unterschieden und Gemeinsamkeiten auseinanderzusetzen. Die Box steht ab Ende 2016 Kitas und Spielgruppen zur Verfügung.

Ein weiteres Beispiel ist das Dialogprojet «Likrat» des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG). Likrat ist hebräisch und bedeutet «aufeinander zugehen». Ziel des Projekts ist es, Vorurteile und Stereotype gegenüber Juden und dem Judentum abzubauen und interkulturelle und interreligiöse Erfahrungen zu sammeln. Die vom SIG ausgebildeten jüdischen Jugendlichen besuchen Sekundar- oder Gymnasialklassen. Seit das Projekt vor 14 Jahren ins Leben gerufen wurde, sind es über 4000 Schulklassen. Beat W. Zemp verweist zudem auf die Stiftung Éducation 21, die auch im EKR-Bericht gelobt wird. Die von Bundesämtern und der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) gegründete Stiftung leiste mit ihren Lernmedien gemäss Zemp einen wichtigen Beitrag zur Rassismusprävention an Schulen.

Als Vorbild für die Schweiz nennt Martine Brunschwig Graf die deutsche Initiative im Bildungsbereich, die Aktion «Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage». Das Projekt wurde 1995 vom Verein Aktion Courage e. V. ins Leben gerufen. «Die Schulen, die mitmachen wollen, müssen bestimmte Selbstverpflichtungen eingehen: Etwa müssen sich die Lehrkräfte und die Schüler dafür einsetzen, dass es zu einer zentralen Aufgabe der Schule wird, nachhaltige und langfristige Projekte, Aktivitäten und Initiativen zu entwickeln, um Diskriminierungen, insbesondere Rassismus, zu überwinden», so Brunschwig Graf. Solche und ähnliche Projekte finden sich auch in Belgien, wo die Bewegung ursprünglich entstand, den Niederlanden, Österreich und Spanien. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2016, 17:25 Uhr

Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus

Die EKR ist eine 1995 ins Leben gerufene ausserparlamentarische Kommission, die dem Eidgenössischen Departement des Innern (EDI) untersteht. Sie wurde vom Bundesrat zur Umsetzung des Internationalen Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung eingesetzt. Die EKR sensibilisiert die Öffentlichkeit durch Kampagnen, öffentliche Auftritte, Publikationen und Pressearbeit. Die Kommission verfasst zu ausgewählten Bereichen eigene Berichte. Präsidentin der EKR ist Martine Brunschwig Graf, die auf Anfang 2012 den seit 1995 amtierenden Basler Historiker Georg Kreis ablöste. Die ehemalige Präsidentin der Liberalen Partei des Kantons Genf war von 2003 bis 2011 Mitglied des Nationalrats.

Das aktuelle Bulletin der EKR gibts hier zum Downloaden.

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