Hintergrund

«Schlimmer als die Eurokrise»

Vor drei Wochen kritisierte Natalie Rickli die Masse an deutschen Einwanderern. Die Aufregung unter Touristikern ebbt seither nicht ab. Ein Insider spricht derweil von ganz anderen Problemen.

Natalie Rickli stiess die Debatte an: Wahlflyer der Politikerin. (25. September 2011)

Natalie Rickli stiess die Debatte an: Wahlflyer der Politikerin. (25. September 2011) Bild: Keystone

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SVP-Politikerin Natalie Rickli zog mit ihren Aussagen gegen die Masse an deutschen Einwanderern den Zorn der Schweizer Touristiker auf sich, die Umsatzeinbussen fürchteten. Nach dem Walliser Tourismusdirektor Urs Zenhäusern meldete sich nun auch Philipp Frutiger, CEO der Tessiner Giardino-Hotels, zu Wort: «Das Ganze ist weitaus schlimmer als die Eurokrise», sagte Frutiger der Pendlerzeitung «20 Minuten».

Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet verteidigt Frutiger seine Aussage: «Die Eurokrise kann man in der Schweiz nicht beeinflussen, die Worte von Politikern aber schon.» Er blähe das Problem keinesfalls auf. «Ständig werde ich von Gästen auf die antideutschen Aussagen gewisser Politiker angesprochen.» Er sei über das Ausmass der Reaktionen selber sehr überrascht gewesen, sagt Frutiger.

«Von der Hälfte der Journalisten angesprochen»

Ein Erlebnis hat Frutiger besonders zu denken gegeben. Ereignet habe es sich während einer Medienkonferenz, anlässlich derer der Hotelmanager letzte Woche in Hamburg weilte. «Ich wurde von der Hälfte der Dutzenden anwesenden Medienvertretern auf die angeblich antideutsche Haltung der Schweizer angesprochen.» Laut Frutiger habe die deutsche Öffentlichkeit je länger je mehr das Gefühl, dass antideutsche Ressentiments in der Schweiz weit verbreitet seien.

«Schweiz ist abhängig vom Ausland»

Neben Frutiger beschweren sich immer mehr Touristiker gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Jerun Vils, Präsident der Tourismusdestinationen Berner Oberland, sagt, die Schweiz müsse achtsam sein. «Jedes Land hat ein Image zu verlieren, wir sind momentan auf dem besten Weg dazu.» Viele Politiker würden nicht verstehen, wie abhängig die Schweiz vom Ausland sei. «Wir müssen unsere Gäste wohlwollend willkommen heissen und nicht gegen bestimmte Nationen schiessen.»

Auch Boris Tschirky, Tourismusdirektor der Region St.-Gallen-Bodensee, bedauert die Aussagen: «Sie tragen nicht gerade zu einer guten Stimmung bei.» Tschirky glaubt aber nicht, dass sie in Relation gesetzt werden können zur schwelenden Eurokrise. «Nun finden auf beiden Seiten Überspitzungen statt.» Politiker wie auch Touristiker müssten sich jetzt wieder auf ihre Kerngeschäfte konzentrieren, sagt Tschirky.

«Aussagen werden überbewertet»

Tagesanzeiger.ch/Newsnet befragte auch einen jahrelangen Kenner der Schweizer Tourismus-Szene, der namentlich nicht genannt werden will. Der Mann ist nicht der gleichen Meinung wie Frutiger: «Die Aussagen Ricklis werden überbewertet, sie sind bloss der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.»

Der Schweizer Tourismus sei seit Jahren massiv unter Druck, der momentane Aufschrei der Touristiker sei nicht viel mehr als ein Ventil, um Dampf abzulassen. «Natürlich wünscht man sich keine solchen Aussagen, doch primär ist es immer noch die Eurokrise, die für Umsatzrückgänge durch ausbleibende Gäste verantwortlich ist.»

Hinzu komme ein schlechtes Ranking in einer neulich veröffentlichten nicht repräsentativen Freundlichkeitsstudie unter Europas Tourismusstandorten. Die Schweiz belegte dabei den letzten Platz. Laut dem Insider sind dafür vor allem die hohen Preise verantwortlich. «Wir haben eine hohe Lohnstruktur und werden deshalb immer weniger konkurrenzfähig.»

Frutiger bleibt bei seiner Aussage

Schieben die Touristiker Natalie Rickli also den Schwarzen Peter zu, um die eigenen Probleme unter den Tisch zu kehren? Philipp Frutiger wehrt sich: Auch er sehe die Lohnstruktur als Problem. «In der Schweiz wird es wohl in wenigen Jahren nur noch Fünf-Sterne-Hotels und absolute Billigunterkünfte geben.» Dazwischen sei man einfach nicht mehr konkurrenzfähig. Frutiger bleibt aber bei seiner Meinung: «Die Aussagen von Frau Rickli sind miese Stimmungsmache und verursachen einen Schaden für den Tourismusstandort Schweiz.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.05.2012, 15:23 Uhr

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