Schlüsselfiguren der Integration

Bei der Ausbildung von Imamen könnte Bern eine Vorreiterrolle einnehmen.

Die Debatte um die Ausbildung von Imamen stockt: Gebetskette auf dem Boden einer Moschee. Foto: Raisa Durandi

Die Debatte um die Ausbildung von Imamen stockt: Gebetskette auf dem Boden einer Moschee. Foto: Raisa Durandi

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«In puncto Imamausbildung ist die Schweiz Brachland», schreibt die frühere EVP-National­rätin Maja Ingold in ihrem vor einem Jahr überwiesenen, noch unbeantworteten Postulat. Dieses fordert vom Bundesrat, in einem Bericht Massnahmen für die Voraussetzungen einer Imamausbildung aufzuzeigen. Das Thema zeigt deutlich, wie sehr die Debatte über die Integration der Muslime an Ort tritt und alles andere als linear verläuft.

Schon 2009 hatte eine Nationalfonds-Studie einen breiten Konsens bei Behörden, Parteien und den Muslimen selbst für eine Aus-und Weiterbildung von Imamen in der Schweiz festgestellt. Kein Wunder: Die Imame spielen eine zentrale Rolle. Sie gelten als Schlüssel­figuren und Multiplikatoren der Integration. Zugleich sind sie fremde Wesen, die häufig kein Deutsch sprechen und in Saudiarabien oder von der türkischen Religionsbehörde Diyanet ausgebildet und von dort besoldet werden. Diese Import-Imame sollen hier ausgebildeten Seelsorgern weichen.

Grundlagen der Ausbildung

Mit dem klaren Ergebnis der Studie aus dem Jahr 2009 im Hintergrund liess der Bund eine Arbeitsgruppe über die Grundlagen einer solchen Imamausbildung nachdenken. Diese hat dazu beigetragen, dass 2015 an der Universität Freiburg das Zentrum für Islam und Gesellschaft errichtet wurde. Von Anfang an stellte es jedoch klar, dass es keine Ausbildung, sondern nur Weiterbildungsstudien für Imame anbieten könne. Nicht nur fehle es an Stellen, hiess es, zur grundlagenorientierten Universität passe eine Imamausbildung schlecht. Schliesslich sei diese berufsorientiert und auf praktische Fähigkeiten wie Koranrezitation und Seelsorge ausgerichtet. Das müsse die muslimische Com­munity anbieten.

Merkwürdigerweise tut sich heute das Freiburger Zentrum mit klar praktisch orientierten Weiterbildungen für muslimische Seelsorger hervor und bietet für das Kantons­spital St. Gallen und den Kanton Zürich Kurse für muslimische Spital- und Notfallseelsorger an. Dies, obwohl die Zentrumsleiter keine Seelsorgeausbildung haben, und unbekümmert darum, dass an der theologischen Fakultät Bern Isabelle Noth, Professorin für Seelsorge, bereits eine berufsbegleitende Weiterbildung, CAS Religious Care im Migrationskontext, aufgebaut hat. Diesen Kurs absolvieren auch islamische Seelsorger. Im Mai sollen sie zertifiziert und dann in Gefängnissen, Asylzentren oder Spitälern eingesetzt werden.

SP-Politiker Rudolf Strahm meinte vor kurzem in dieser Zeitung, dass dieser vielversprechende Berner Praktikerlehrgang von unten zu einer Imamausbildung ausgebaut werden könnte. Wie man hört, hat die theologische Fakultät Bern dafür ein offenes Ohr. Sicher wäre es ein Gewinn, wenn auch eine Frau und Schweizerin wie Isabelle Noth diesen Bereich mitgestalten könnte. Die Schweizer Lehrstühle für Islamwissenschaft und Islamische Studien sind praktisch ganz in der Hand deutscher Männer.

Grosser Gestaltungsspielraum

Da die Imamausbildung Neuland darstellt, wäre der Gestaltungsspielraum gross. Natürlich müsste man mit islamischen Universitäten im Ausland (Kairo oder Sarajevo) zusammenarbeiten und die hiesigen Moscheevereine mit ins Boot holen. Allerdings verfügen Letztere über wenig Mittel und könnten auch den hier ausgebildeten Imamen nur einen niedrigen Lohn zahlen.

Zu begrüssen ist auch die Initiative der Universität Genf: Sie bildet zwar keine Imame aus, trägt aber mit Kursen zu deren besserer Integration bei. Die Imame können neuerdings Vorlesungen in Französisch, Menschenrechten oder Ethik besuchen.

Die verschiedenen universitären Angebote müssten koordiniert werden. Der Bund ist erst dabei, das Postulat von Maja Ingold zu behandeln und einen Bericht mit Empfehlungen auszuarbeiten, dies in enger Zusammenarbeit mit den Kantonen. Die Regierung hat klar signalisiert, dass für die Aus- und Weiterbildungsfragen von religiösen Betreuungspersonen primär die Kantone zuständig sind.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.04.2018, 23:57 Uhr

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