Schneider-Ammann informiert per Video über Abbau

Kritik am Sparbefehl, umstrittene Kommunikation: Der FDP-Bundesrat musste über einen Abbau bei Agroscope informieren – und tat dies auf spezielle Art.

«Ich bedaure dies, aber wir kommen nicht umhin»: Johann Schneider-Ammann machts per Videobotschaft.
Video: Youtube / Bund

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Das Video hat ihm weltweit Spott, Häme und Lacher eingetragen: Vor zwei Jahren sagte Johann Schneider-Ammann mit ernster Miene und auf Französisch, dass Lachen kranke Menschen aufmuntern könne. Selbst der damalige US-Präsident Barack Obama erkannte dieser Ansprache wegen den FDP-Bundesrat wieder, dies wenig später am Gipfel über die nukleare Sicherheit in Washington.

Nun setzt Schneider-Ammann erneut auf eine Botschaft per Video. Zum Lachen dürfte dabei freilich niemandem zumute sein – zumindest nicht unter den rund 1200 Mitarbeitern der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt des Bundes (Agroscope). Der Landwirtschaftsminister hat sich am letzten Freitag direkt an die Belegschaft gewendet, bevor der Gesamtbundesrat sein Communiqué verschickt hat. Schneider-Ammann orientiert im Video über geplante Einsparungen von 20 Prozent des – nicht weiter bezifferten – Budgets der Forschungsanstalt. Agroscope, so das Ziel, solle künftig «möglichst viele Mittel» für die Wissenschaft einsetzen können und deshalb die Betriebskosten, die heute 40 Prozent des Budgets ausmachen, reduzieren. Vorgesehen ist, Agroscope, heute an sieben Standorten dezentral aufgestellt, in Posieux FR zu konzentrieren. Den definitiven Entscheid wird der Gesamtbundesrat voraussichtlich im Laufe dieses Sommers fällen.

«Just die entscheidende Frage – nämlich wie es für die betroffenen Mitarbeiter weitergeht – beantwortet Herr Schneider-Ammann nicht.»Matthias Humbel, Personalverband Transfair

Die geplanten Massnahmen würden Verschiebungen und Abbau von Stellen zur Folge haben, sagt Schneider-Ammann, der offensichtlich von einem Teleprompter abliest. «Ich bedaure dies, aber wir kommen nicht umhin.» Es gehe nicht zuletzt darum, mit den Mitteln des Bundes und der Steuerzahler den grössten Nutzen zu generieren, lässt er die Belegschaft wissen. Weiter versichert der FDP-Bundesrat, es liege ihm viel daran, die Mitarbeiter auf diese Weise zu informieren. «Sie haben ein Anrecht auf Informationen aus erster Hand. Und ich weiss, dass sie sich viele Fragen stellen.»

«Doch just die entscheidende Frage – wie es nämlich für die betroffenen Mitarbeiter weitergeht – beantwortet Herr Schneider-Ammann nicht», kritisiert Matthias Humbel vom Personalverband Transfair. Das Video sei wohl gut gemeint, gehe aber zu wenig auf die Situation der Mitarbeiter ein. Kommunikationsberater Kaspar Loeb will das Video inhaltlich nicht beurteilen. Wenn möglich sei es aber in solchen Fällen besser, sich direkt vor die Belegschaft zu stellen. Loeb kritisiert nicht Schneider-Ammann, sondern die Wahl des Kommunikationsmittels: Seine Berater wüssten, welche Formate ihm mehr lägen und welche weniger. «In diesem Fall, wo es um eine heikle Botschaft geht, ist ein Video, in dem er von einem Prompter abliest, nicht ideal.»

Das Departement des FDP-Bundesrats will von einer missglückten Kommunikation nichts wissen. Johann Schneider-Ammann habe eigentlich direkt vor der Belegschaft sprechen wollen, sagt ein Sprecher. Es sei aber nicht möglich gewesen, die weit verstreute Belegschaft am Freitag kurzfristig an einem Ort zusammenzuziehen. Die Mitarbeiter würden heute an den jeweiligen Standorten von der Projektleitung weiter informiert.

Bis zu 600 Mitarbeiter betroffen?

Transfair schätzt, dass von der Reorganisation 500 bis 600 Mitarbeiter betroffen sein werden. Ein Mitarbeiter, der beispielsweise heute in Wädenswil ZH oder in Tänikon TG arbeite, werde unmöglich jeden Tag in den Kanton Freiburg pendeln können, sagt Humbel. Er müsse sich also eine neue Stelle suchen oder umziehen. Wie viele Abgänge es deswegen geben und wie viel Know-how dadurch verloren gehen wird, ist ebenso unklar wie die Anzahl der Entlassungen.

Der Bundesrat jedenfalls will die Reform «sozialverträglich» ausgestalten. Dabei helfen sollen mitunter die «natürliche Fluktuation» beim Personal sowie der lange Umsetzungszeitraum von rund zehn Jahren. Das federführende Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) bestreitet die Einschätzung von Transfair. Es werde Verschiebungen und einen Abbau geben, aber sicher nicht in der Grössenordnung, wie es Transfair kommuniziert habe, sagt eine BLW-Sprecherin. Zahlen liessen sich derzeit noch nicht nennen. Agroscope selber äussert sich nicht zu den Plänen. Eine Sprecherin verweist auf das BLW, das zuständig für die Kommunikation sei. Sicher ist dagegen: Die Belegschaft ist verunsichert, wie aus ihrem Kreise zu vernehmen ist. Sie hat in den letzten zehn Jahren bereits mehrere Reformen miterlebt – nun folgt die wohl einschneidendste.

Streit mit Ritter spitzt sich zu

Die Pläne des Bundesrats schlagen auch im Parlament Wellen. Schneider-Ammann, das zeigen die Reaktionen, wird sich im Parlament erklären müssen. «Die Schweizer Landwirtschaft braucht eine gestärkte praxisnahe Forschung und standortgerechte Pflanzen- und Tierzüchtung, um nachhaltiger und ressourcenschonender zu werden und sich dem raschen Klimawandel anzupassen», sagt Nationalrätin Maya Graf (Grüne). Agroscope sei deshalb für die kommenden Jahrzehnte enorm wichtig, ein «Kahlschlag» der falsche Weg.

Ähnlich argumentiert Markus Ritter, CVP-Nationalrat und Präsident des Bauernverbands. Die Abbaupläne bei Agroscope dürften das Verhältnis zwischen Schneider-Ammann und ihm weiter verschlechtern. Der Bundesrat möchte – zum Entsetzen des Bauernverbands – den Schweizer Grenzschutz für Agrarprodukte senken, weil er nur so Freihandelsabkommen mit weiteren Ländern abschliessen könne, etwa in Südamerika. Das hat in den letzten Monaten für beträchtliche Spannungen gesorgt. Entsprechend harsch fällt nun Ritters Kritik aus: «Der Bundesrat ist auch dieses Mal getreu seinem Motto vorgegangen: Nicht informieren, dem Dialog aus dem Weg gehen und Tatsachen schaffen.» Der Bauernverband, so Ritter, werde in den kommenden Wochen das weitere Vorgehen festlegen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.03.2018, 13:45 Uhr

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