Hintergrund

Schneider-Ammann und der Pipeline-Poker

Der Wirtschaftsminister lobbyiert in Baku für eine Gaspipeline, bei der auch die Axpo mit im Boot sitzt. Energieexperte Gerhard Mangott über die Chancen des Projekts mit Schweizer Beteiligung.

Ob die Trans-Adriatic-Pipeline tatsächlich gebaut wird, entscheidet sich im Juni 2013: Die verschiedenen europäischen Gaspipelineprojekte.

Ob die Trans-Adriatic-Pipeline tatsächlich gebaut wird, entscheidet sich im Juni 2013: Die verschiedenen europäischen Gaspipelineprojekte. Bild: PD

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Im Wettstreit um den bevorstehenden Bau einer Pipeline, die Gas von Aserbeidschan nach Europa bringen soll, wird voraussichtlich im Juni die endgültige Entscheidung fallen. Neben dem Nabucco-Projekt gibt es auch ein Bauvorhaben mit Schweizer Beteiligung, das sogenannte Trans-Adriatic-Pipeline-Projekt (siehe Infobox). Das Schweizer Energiehandelsunternehmen EGL, eine Tochtergesellschaft des Nordostschweizer Konzerns Axpo, ist daran beteiligt. Nur eines der beiden Projekte wird realisiert.

In diesen Tagen nun weilt Bundesrat Schneider-Ammann mit einer offiziellen Delegation in den beiden zentralasiatischen Länder Kasachstan und Aserbeidschan, die als Handelspartner für die Schweiz vor allem wegen ihres Ressourcenreichtums immer wichtiger werden. In Aserbeidschan kommt auch die Trans Adriatic Pipeline (TAP) bei den Gesprächen auf Ministerebene zur Sprache.

«Die TAP dient grösseren Interessen»

Wird das Projekt mit Beteiligung der Axpo realisiert, bedeutet das eine Diversifizierung der Gaslieferungen für die Schweiz. Erdgas ist – hinter Erdöl und Elektrizität – hierzulande die drittwichtigste Energiequelle. Der gesamte Bedarf wird importiert.

Falls der Atomausstieg tatsächlich realisiert werde, «sichert die TAP eine bedeutende Alternative», kommentiert Energieexperte und Politologe Gerhard Mangott im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. So sei auch Schneider-Ammanns Reise nach Aserbeidschan von grosser Relevanz. «Es ist wichtig, dass der Staat in Sachen Energiesicherheit die Weichen stellt und günstige politische Rahmenbedingungen schafft.» Vertreter vieler Staaten würden deshalb in Aserbeidschan im Moment für eines der beiden Projekte lobbyieren.

Gas fliesst in die andere Richtung

Zudem: Die Betreiber der TAP planen, einen sogenannten Reverse Mode in die Schweizer Gasleitung Transgas einzubauen. Das bedeutet, dass in Zukunft bei möglichen Lieferproblemen Gas von Italien über die Schweiz in den Norden fliessen könnte. Im Moment verläuft die Route noch umgekehrt - die Schweiz bezieht ihr Gas vor allem aus dem Norden. «Die TAP dient damit grösseren Interessen vieler Staaten», so Mangott.

Zwar stelle das südkaukasische Land nur 10 Prozent des Shah-Deniz-Konsortiums, jedoch spiele es trotzdem eine sehr wichtige Rolle im Entscheidungsprozess. Das Konsortium wird darüber entscheiden, welches der beiden Projekte realisiert wird. Staatschef Ilham Alijew habe aber schon deutlich gemacht, dass «rein wirtschaftliche und finanzielle Gesichtspunkte und nicht politische Aspekte für Aserbeidschan eine Rolle spielen».

«TAP hat bedeutende Vorteile»

Mangott schätzt die Chancen der beiden Projekte als 60 zu 40 zugunsten der TAP ein. Gerüchten zufolge bevorzuge auch die Türkei dieses Projekt, ein wichtiger Faktor, da beide Leitungen erst an der Westgrenze der Türkei ansetzen werden. Auf über 1700 Kilometern wird das Gas über die geplante Trans-Anatolien-Pipeline (Tanap) transportiert. Der staatliche aserbeidschanische Energiekonzern Socar ist zu 80 Prozent an dem Projekt beteiligt.

Davon abgesehen habe die TAP bedeutende Vorteile gegenüber dem Nabucco-Projekt: Statoil, neben der Axpo der zweite Hauptaktionär bei der TAP, sei auch zu 25,5 Prozent am Shah-Deniz-Konsortium beteiligt. Hingegen habe keiner der Aktionäre von Nabucco Beteiligungen am Konsortium inne, so Mangott.

Einflussnahme aus Russland eindämmen

Aus geopolitischer Sicht spreche jedoch auch einiges für das Nabucco-Projekt. Mit dem Bau der Pipeline wären weniger Märkte vom russischen Gaslieferanten Gazprom abhängig, die von der Europäischen Union erhoffte Diversifizierung der Gaslieferungen wäre erreicht. Aus diesem Grund hatte auch der EU-Kommissar für Energie, Günther Oettinger, stets für Nabucco plädiert. Inzwischen würden strategische Überlegungen jedoch nur noch eine sekundäre Rolle spielen. «Die Hauptsache für die EU ist mittlerweile, dass Europa nicht mehr von russischem Gas abhängig ist», sagt Mangott.

So könnten, sollte die TAP gebaut werden, auch die Staaten am Balkan mit Gas versorgt werden. Die Einflussnahme aus Russland auf diese Länder würde damit eingedämmt werden. Diese Möglichkeit biete Nabucco mit seinem Verlauf durch Bulgarien, Rumänien und Ungarn nicht. Und wenn die geplante russisch-italienische Pipeline South Stream tatsächlich gebaut werden sollte, würde sie eine Konkurrenz für die gleichen Märkte darstellen und Nabucco würde sich nicht mehr lohnen.

Erstellt: 11.04.2013, 12:03 Uhr

An kaukasischem Gas interessiert: Bundesrat Schneider-Ammann. (Archiv)

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«Für Aserbeidschan spielen rein wirtschaftliche und finanzielle Gesichtspunkte und nicht politische Aspekte eine Rolle»: Gerhard Mangott ist Politologe an der Universität Innsbruck und Experte im Bereich Energiesicherheit. (Bild: Celia di Pauli)

Die zwei Gaspipelineprojekte

Die Trans Adriatic Pipeline (TAP) soll ab 2018 Gas aus Aserbeidschan von Griechenland durch die Adria nach Italien und weiter in die Schweiz transportieren und damit einen strategischen Beitrag zur Gasversorgungssicherheit Italiens und der Schweiz leisten. Neben der Beteiligung von EGL mit 42,5 Prozent sind noch zwei weitere Konzerne involviert, die norwegische Statoil (auch 42,5 Prozent) sowie die deutsche EON Ruhrgas (15 Prozent).

Nabucco ist als Alternative zu russischen Gasleitungen nach Europa geplant. Am Konsortium ist der deutsche RWE-Konzern massgeblich beteiligt. Allerdings kommt das von der EU bisher massiv unterstützte Projekt nicht recht voran. Geplant ist bisher eine 1326 km lange Pipeline von der türkischen Grenze über Bulgarien, Rumänien und Ungarn bis in das österreichische Verteilerzentrum für Erdgas in Baumgarten.

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