«Schnell identifizieren, schnell verurteilen, ab in die ‹Chischte›»

Alex Miescher, der Generalsekretär des Schweizer Fussballverbands, befürwortet Schnellgerichte für gewalttätige Fans.

Maskierte GC-Fans beim Spiel am Sonntag: Laut Alex Miescher sind viele Vandalen «Gewalttouristen».

Maskierte GC-Fans beim Spiel am Sonntag: Laut Alex Miescher sind viele Vandalen «Gewalttouristen».

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Was ist im Schweizer Fussball los?
Bis Sonntag gingen wir davon aus, dass die Sicherheitsprobleme ausserhalb der Stadien eklatant sind. Jetzt müssen wir eingestehen, dass sie in die Stadien hineingeschwappt sind.

War es nicht naiv, die Lage so lange positiv zu beurteilen?
Nein, es entsprach den Tatsachen. Der Fussball boomt, wir organisieren jede Woche fast 10'000 Spiele. Und wir hatten den Eindruck, dass es in den Stadien verhältnismässig ruhig ist. Aber seit dem Sonntag ist der Schweizer Fussball anders. Es ist etwas passiert, das uns auf dem falschen Fuss erwischt hat.

Weshalb?
Weil wir mit dieser Brutalität und diesem überfallartigen Durchqueren eines Familiensektors, um irgendeinen zu verprügeln, nicht gerechnet haben. Dafür können Sie uns Naivität vorwerfen.

Im Mai wüteten Basler Hooligans hinter ihrem Sektor im Letzigrund. Hätte Sie das nicht warnen müssen?
Wer damals im Stadion war, merkte davon nichts. Diesmal war der Unterschied, dass die Praxis und die Theorie der Selbstregulierung einer Kurve über den Haufen geworfen wurden.

Haben Sie denn zu sehr auf diese Selbstregulierung gesetzt?
Nennen Sie mich einen grenzenlosen Optimisten. Aber wir kommen nicht darum herum, mit den vernünftigen Köpfen aus der Kurve den Dialog zu suchen. Das Problem lösen wir nicht, indem wir sie alle aus dem Stadion werfen. Dann würden wir es nur verlagern. Es wird uns vorgehalten, wir gingen mit diesen Leuten zu pfleglich um. Ich akzeptiere den Vorwurf, weil ich der Überzeugung bin, dass es nicht anders geht. Aber der Appell richtet sich an die Kurve: Sie muss einsehen, dass sie sich der Kollektivhaftung stellen muss. Wegen des Drucks der Politik und der Öffentlichkeit, der nicht zu Unrecht aufgebaut wird. Wer künftig nicht hilft, diese Elemente zu identifizieren und zu isolieren, der hängt mit.

Also wie es der Zürcher Staatsanwalt sagt: Man muss keinen Stein werfen, um Täter zu sein. Mitlaufen reicht.
Mein liberales Rechtsempfinden revoltiert gegen diese Aussage. Aber ich muss zur Kenntnis nehmen, dass es so weit kommt – wenn die Selbstregulierungskräfte der Kurve nicht aktiviert werden.

Und darauf hoffen Sie?
Ja. Diesen Leuten geht es noch immer um eine Spielerei: Man will den Aufstieg und im Extrazug in die Wagen der bösen Buben kommen. Diesen Mechanismus muss man unterbrechen. Ich wehre mich dagegen, dass die in der Kurve alles Verbrecher sind.

Aber es gibt sie.
Ja, leider. Es gibt keine noch so schöne Choreo, die bewusste Sachbeschädigung und Körperverletzung entschuldigt.

Aus Ihrem Verband hiess es immer, es handle sich nur eine Minderheit. Auch das tönt nach Verharmlosung.
Nein, ich würde erst recht darauf beharren – selbst wenn das jetzt nicht im Trend liegt. Es braucht einen direkten sofortigen Zugriff und eine harte Bestrafung für einen Täter. Daraus eine Kollektivschuld für eine Kurve abzuleiten, halte ich für falsch. Ich akzeptiere aber, dass solche Massnahmen gefordert werden.

Im Letzigrund gab es aber Dutzende Täter.
Der Pyrowerfer ist am strengsten zu bestrafen. Wie aber verhindert werden soll, dass sich Fangruppierungen weiter eins aufs Dach geben und sich dafür irgendwo verabreden, weiss ich nicht.

Darum geht es nicht. Es geht darum, dass die alle organisiert sind. Warum sind zum Beispiel GC-Fans auf einmal zu Dutzenden vermummt und mit Stangen ausgerüstet?
Wenn das in einem vollen Stadion 100 sind, ist das nicht die Mehrheit, tut mir leid. Jetzt ist die Frage: Wächst das von Sonntag zu Sonntag oder von Saison zu Saison? Nein. Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Gewaltbereiten in der Schweiz 300 bis 1500 beträgt. Und das finden wir, im Vergleich zur Bevölkerung und den Zuschauerzahlen, noch immer wenig.

Was verstehen Sie unter einer harten Strafe für den Pyrowerfer?
Ich bin ein Fan der Schnellgerichte: schnell identifizieren, schnell verur­teilen und dann in die «Chischte» mit ihm. Ich will einfach nicht, dass der am Montag zur Arbeit kann. Es ist erstaunlich, wenn man die Liste der Gewaltbereiten anschaut, die in der Datenbank erfasst sind: 95 Prozent sind zwischen 15 und 25, sie sind männlich und Schweizer. Viele von ihnen sind Gewalttouristen. Ich bin nicht ohne Hoffnung, dass einer von ihnen ein ernstes Problem bekommt, wenn er nicht zur «Büez» kann, weil er in Haft ist.

Für die Chaoten scheint das Stadion ein rechtsfreier Raum zu sein.
Probleme gibt es nicht nur in der Kurve, sondern auch auf Haupttribünen. Was sich VIP einmal erlaubten, als Alex Frei vom Platz kam, machte mich baff. Ich sagte mir: Eigentlich sollte ich denen ein Stadionverbot geben. Die liefen von oben nach unten, nur um Frei Schlötterling anzuhängen. Übelst. Das ist doch Heuchelei. Darum sage ich: Schlechte Vor­bilder gibt es überall.

Kann rigoroses Durchgreifen die Gewalt eindämmen?
Davor warne ich. Ich habe als Generalstabsoberst nichts gegen die Eventual­planung, dass die Polizei in einen Sektor ­hineingeht. Aber das hat Konsequenzen.

Weshalb?
Einmal tut es irgendeinem auch weh. Ich sehe in meinen Schreckensträumen den 17-Jährigen, der nach einem Polizeieinsatz im Rollstuhl ins TV-Studio des «Clubs» geschoben wird. Dann sagen auf einmal alle: So haben wir es nicht gemeint, und die Polizisten sind Wahnsinnige. Ich sehe einfach Kollateralschäden. Und dann ginge die Diskussion erst recht los.

Die Polizei im Stadion muss nun aber trotzdem ein Thema sein?
Das wird es, wenn die privaten Sicherheitskräfte sagen: Wir können nicht mehr. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die Politik bereit ist, die Polizeibestände entsprechend hochzufahren.

Die Erhöhung der Polizei-Ressourcen ist einer der Punkte im Vorstosspaket der Nationalräte Galladé, Fiala und Jositsch. Dazu kommen bei Risikospielen Alkoholverbot, Rayonverbot, Einsatz eines Staats­anwaltes, Kombiticket für Auswärtsfans und Bewilligungspflicht. Was können Sie damit anfangen?
Wir haben das in den wesentlichen Teilen gutgeheissen. Wir haben den Vorbehalt gehabt beim Kombiticket, weil wir da gewisse Machbarkeitsprobleme erkennen. Aber insbesondere das Rayon­verbot haben wir befürwortet. Dass es Auflagen gibt wie das Alkoholverbot, dagegen haben wir uns nie gewehrt. Und es ist so, und es ist nicht aufzuhalten: Wir werden Auflagen erfüllen müssen, um Spiele durchführen zu können. Ich will doch kein Spiel haben, von dem die Polizei oder der lokale Sicherheitschef sagt: Das ist ein Seich.

Das sind neue Töne.
?Jeder hat doch das Interesse, dass das Problem gelöst wird: jeder Politiker, Verbandsfunktionär und Klubpräsident.

Stadtrat Gerold Lauber fordert nun, ein Spiel abzubrechen, sobald Pyros gezündet werden.
Bis zum Sonntag hätte ich gesagt, das ist unverhältnismässig. Aber es steht uns vom Verband nicht zu, eine politische Forderung in den Wind zu schlagen und zu sagen: Das ist ein Blödsinn. Wir müssen über die Bücher. Aber es hat uns noch niemand den Weg gezeigt, wie es wirklich besser wird.

Sehen Sie den Fussball einfach als Ventil für Aggressionen?
Natürlich. Und das finde ich auch legitim. Es ist gefährlich, so zu tun, als gäbe es eine wohlriechende, brave Gesellschaft, die schaut, dass es der Menschheit besser geht. Es leben nicht alle in einer Klangmuschel und beten für den Weltfrieden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2011, 06:29 Uhr

Seit Ende 2009 Generalsekretär des Schweizer Fussballverbandes: Alex Miescher, früherer Schwimmer und Militärpilot. Der 43-Jährige ist FDP-Politiker im Kanton Solothurn. (Bild: Keystone )

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