Schnitzelbänkler verschonen Prophet Mohammed

«Charlie Hebdo», Karikaturenstreit, Anschläge in Europa: Die am Montag startende Basler Fasnacht findet in einem heiklen Umfeld statt. Das Comité bittet um Zurückhaltung – und hat offenbar Erfolg.

Hoffnung auf Fingerspitzengefühl: Szene aus der Basler Fasnacht. (Februar 2014)

Hoffnung auf Fingerspitzengefühl: Szene aus der Basler Fasnacht. (Februar 2014) Bild: Steffen Schmidt/Keystone

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Die vier Mönche haben Schweinsköpfe auf. Sie singen nicht, sie summen. Das Bild, auf dem normalerweise das Sujet der Schnitzelbank gezeigt wird, ist schwarz. So verarbeiten die Mitglieder von «S Schunggebegräbnis» die Bitte des Basler Fasnachts-Comités, den Propheten Mohammed zu schonen. Die Premiere des Schunggebegräbnis von dieser Woche zeigt, wie die Schnitzelbänkler mit dem Propheten umzugehen gedenken: zurückhaltend.

Zwei Wochen ist es her, da sorgte eine Äusserung von Christoph Bürgin, Obmann des Basler Fasnacht-Comités, für Wirbel. An der traditionellen Medienkonferenz vor der Fasnacht bat Bürgin, das Darstellungsverbot von Mohammed im Islam zu respektieren und in der «heutigen Situation» nicht unnötig zu provozieren. Wie konkret die «heutige Situation» sich auf Fasnachtsveranstaltungen auswirken kann, zeigte sich wenig später in Braunschweig, wo ein Karnevalsumzug wegen eines Hinweises auf einen Anschlag mit offenbar islamistischem Hintergrund abgesagt werden musste. Auch darum wurde die Empfehlung des Comités stark beachtet - allerdings vor allem medial. Bei den Aktiven waren die Reaktionen bescheidener: Neben einigen positiven hat das Comité laut Bürgin genau eine negative Rückmeldung erhalten.

«Ein heikles Thema»

Die Basler Fasnächtler geben ihre Antwort lieber direkt: So wie «S Schunggebegräbnis» an ihrer Verspremiere. Walo Niedermann, Obmann des Schnitzelbank-Comités (eines von insgesamt sechs) kann nicht abschätzen, wer sich in den kommenden Tagen an das Thema Islam und Mohammed wage. «Es ist heikel, weil der Islam nicht mit anderen Religionen vergleichbar ist. Die Wahrnehmung ihrer Gläubigen ist eine andere.» Grundsätzlich seien für das Schnitzelbank-Comité alle Verse tabu, die rassistisch, verletzend oder beleidigend seien. «Wir leben nicht mehr in den 1920er-Jahren: Satire darf heute nicht mehr alles. Die Welt hat sich verändert, die Basler Fasnacht hat sich verändert.» Eine Weisung wird es von Niedermann aber nicht geben: «Ich vertraue auf das Fingerspitzengefühl unserer Schnitzelbänkler.»

Der stadtbekannte Kolumnist und Fasnachtsexperte -minu teilt diese (weitverbreitete) Eigeneinschätzung: «Die Erfahrung zeigt, dass die Cliquen sehr sensibel mit solchen Themen umgehen.» Von einer Zensur durch das Fasnachts-Comité könne man nicht reden – anders als in den 60er-Jahren, als die Laternen der Cliquen noch vom Comité abgenommen werden mussten. Damals seien aber nicht religiöse Fragen als problematisch wahrgenommen worden, sondern sexuelle Darstellungen jeglicher Art. «Da war man allergisch und ist es heute noch.» Heute kann das Comité allerdings nichts mehr verbieten; nur im Nachhinein strafen. Wer das vielgerühmte Fingerspitzengefühl vermissen lässt, muss mit einer Kürzung der Subventionen rechnen, die nach der Fasnacht ausbezahlt werden. Das kommt immer wieder mal vor. Vor zwei Jahren wurden die «Basler Bebbi» für einen als zu laut empfundenen Auftritt als «Pussy Riot»-Punkband bestraft, vor gut zehn Jahren traf es die «Alti Stainlemer», weil sich auf ihrer Laterne Palästinenserführer Yassir Arafat und der israelische Premierminister Ariel Sharon küssten.

Die Weltpolitik

In Anbetracht der aktuellen Weltlage erwartet -minu einen politisch starken Jahrgang 2015. «Der Fokus liegt auf dem Weltgeschehen und nicht auf der Schweizer Politik. Die Zeit, in der man Christoph Blocher auf die Laterne gemalt hat, ist vorbei.» Man könne an der Fasnacht nicht darüber diskutieren, wie viele Ärzte die kleine Schweiz brauche, wenn es rundherum so krache. Auch das Comité erwartet eine «gesellschaftskritische und politische Fasnacht», die über den Tellerrand hinausschauende Themen aufgreife, wie es an der Präsentation des Rädäbäng hiess, des offiziellen Fasnachtsführers. «Es wäre enttäuschend gewesen, wenn es angesichts der überall herrschenden Probleme anders wäre.»

Relativiert wird diese doch eher schwere Note von Roger Thiriet. Seit 40 Jahren berichtet Thiriet für verschiedene Medien über die Fasnacht. Diese sei, anders als in der restlichen Schweiz (und auch in Basel) manchmal wahrgenommen, nicht so bissig und politisch ätzend, wie man das erwarten würde. Sujetspitzenreiter in diesem Jahr sind Selfies, dicht gefolgt von der Nutzung von sozialen Medien. «Es ist nur eine Minderheit, die sich den wirklich politischen Themen annimmt. Alles, was über Basler Baustellen hinausgeht, ist die Ausnahme», sagt Thiriet. Und diese Minderheit agiere auf einem derart hohen Niveau, dass man sich keine Sorgen um die Verletzung von religiösen Gefühlen machen müsse.

Ärger Innenstadt

Was Thiriet meint, zeigte sich vergangene Woche exemplarisch. Nicht die Mohammed-Empfehlung des Comités bewegte die Öffentlichkeit, sondern das neue Verkehrsregime in der Innenstadt. Für ihre Vernissage vom Sonntag hätten die Waagen-Cliquen eine zusätzliche Bewilligung beantragen sollen. Der Widerstand dagegen war heftig und humorlos. Wenige Tage nach der Ankündigung kapitulierte die Polizei: Die Wäägeler dürfen nun ohne Bewilligung in die Stadt fahren.

Und zur Einstimmung: Das war der Morgestraich im vergangenen Jahr:

Erstellt: 20.02.2015, 19:42 Uhr

«Mir basse in kai Schublaade»

Am Montagmorgen, um Punkt 4 Uhr, beginnt die Basler Fasnacht mit dem Morgestraich. Bis Mittwoch werden rund 12’000 Aktive und Zehntausende von Besuchern in der Stadt erwartet. Die diesjährige Fasnacht steht unter dem Motto «Mir basse in kai Schublade».

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