Wie die SVP mit Schulpolitik neue Wähler ködern will

Mehr Mundart, strengere Noten und ein Verbot von Teilzeitstellen für Lehrer: Mit diesen Forderungen will die SVP in den Wahlen 2011 punkten. Der Lehrerverband kritisiert die SVP-Pädagogik scharf.

Die SVP fordert: Neben der Schriftsprache soll die Primarschule auch die Mundart vermitteln.

Die SVP fordert: Neben der Schriftsprache soll die Primarschule auch die Mundart vermitteln. Bild: Keystone

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Am nächsten Samstag will die SVP ein wichtiges Thema für ihren Wahlkampf 2011 lancieren. An einem Sonderparteitag werden die Delegierten über eine neue Resolution abstimmen, in der Nationalrat Ulrich Schlüer die Leitplanken einer konservativen Bildungspolitik skizziert. Schlüer ist überzeugt, dass «wir mit dem Thema neue Bevölkerungskreise ansprechen können». Laut Nationalrat und Wahlkampfleiter Hans Fehr «wird die Volksschule neben Ausländern und der EU das wichtigste SVP-Thema im Kampf um die nationalen Wahlen».

Ermutigt sind Fehr und Schlüer durch SVP-Erfolge im Kampf gegen das Harmos-Konkordat. Sieben Kantone haben das Ziel einer harmonisierten Schule abgelehnt. Nach diesen Siegen soll es Schlag für Schlag weitergehen: «Im November präsentieren wir unsere Alternative zum Lehrplan 21 und legen für sechs bis sieben Fächer detaillierte Lehrpläne vor», sagt Schlüer. Mit dem Lehrplan 21 wollen die Kantone ihre Schulen weiter vereinheitlichen. Ab 2014 sollen Schüler überall in der Deutschschweiz nach gleichen Vorgaben büffeln. Das will die SVP verhindern: «Mit einem starken Austausch zwischen der Mutterpartei und den Kantonssektionen stellen wir sicher, dass unsere Schulpolitik in die Kantone getragen wird», so Schlüer. 2011 soll das Thema überall präsent sein.

Leistungslöhne für Lehrlinge

Ob die Partei bei den Lehrern und Eltern wirklich punkten kann, muss sich indes noch zeigen. Der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) reagiert auf Anfrage ablehnend auf viele Forderungen der SVP-Resolution. «Sie steckt voller Wunschdenken, Widersprüchen und Forderungen, die längst erfüllt sind», kritisiert Anton Strittmatter, Leiter der pädagogischen Arbeitsstelle des LCH.

Verbot von Lehrer-Teilzeitstellen: «Die dem Unterricht Schaden zufügende Teilzeitstellen-Begünstigung ist zu unterbinden», fasst Schlüer eine Forderung der Resolution zusammen. Klassen an der Volksschule sollen einen Klassenlehrer und damit eine unbestrittene Autorität im Zimmer erhalten. Strittmatter hat dagegen nichts einzuwenden: «Die SVP soll aber auch Rezepte liefern, wo wir wieder Vollzeit-Lehrer finden.» Wegen der tiefen Löhne und der hohen Belastung sei das sehr schwierig.

Mehr Mundart, weniger Fremdsprachen: «Im Kindergarten ist Mundart zu sprechen», sagt Schlüer. «Die Schriftsprache soll ab der ersten Klasse eingeführt werden.» Mit Fremdsprachen solle man zugunsten der deutschen Standardsprache erst später beginnen. Neben der Schriftsprache habe «die Volksschule die Mundart zu vermitteln». Laut Strittmatter geht dies zu weit: «Kindergärtner wechseln spielend zwischen Mundart und Hochsprache. Wer wie die SVP die Schriftsprache fördern will, muss damit früh beginnen.» Überraschend sei die Forderung, dass die Schule die Mundart zu vermitteln habe. «Das ist eine völlig neue Aufgabe», meint Strittmatter. «Bisher gibt es nicht einmal Lehrmittel dafür.»

Bonus und Malus für Lehrlinge: «Die Resultate der Prüfungen nach dem neunten Schuljahr sollen Einfluss haben auf den Lehrlingslohn», fordert Schlüer. Vor solchen Leistungslöhnen für Lehrlinge warnt Strittmatter: «Damit erreichen wir das Gegenteil von Leistung», ist er überzeugt. «Ein begabter Schüler kann gute Leistungen erbringen, ohne sich anzustrengen. Ein weniger Begabter strengt sich an und erzielt doch keine so guten Noten.» Das sei ungerecht, weil die Anstrengung damit nicht honoriert werde.

Zweimal strenge Noten pro Jahr: Nach jedem Semester sollen die Schüler ein Zeugnis mit klaren Noten erhalten, dank denen die Lehrmeister die Fähigkeiten eines Schülers einschätzen können. Nach der dritten, sechsten und neunten Klasse müssen die Schüler eine Übertritts- respektive Abschlussprüfung bestehen. Laut Strittmatter führen solche Prüfungen zu verzerrten Resultaten: «Sie ergeben oft falsche Platzierungen, da die Schüler kurzfristig für diese Tests pauken und keine längerfristige Leistung erbringen.»

Keine Integration: «Schwächer begabte und mehrfach behinderte Kinder bleiben in Sonderklassen und Sonderschulen», so Schlüer. «Verhaltensgestörte gehören in Klein-Sonderklassen.» Laut Strittmatter ist diese Formel zu einfach. Sehr lange habe die Schule mit viel Geld viele Schüler separiert, ohne ihre Leistung deutlich zu verbessern. «Wir begrüssen die Integration», sagt er. «Die Kantone sollen aber weiter ein gewisses Angebot an Sonderklassen führen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.10.2010, 23:07 Uhr

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