Schweiz finanziert Europas Medikamente

Für die Pharmaindustrie ist die Schweiz trotz ihrer geringen Grösse ein Schlüsselmarkt. Durch die hohen Medikamentenpreise können tiefere Preise im Ausland quersubventioniert werden.

«Mischkalkulation mit EU-Ländern»: Medikamente liegen in einer aufgezogenen Medikamentenschublade in einem Schweizer Spital.

«Mischkalkulation mit EU-Ländern»: Medikamente liegen in einer aufgezogenen Medikamentenschublade in einem Schweizer Spital. Bild: Keystone

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Seit dem 1. Mai gelten in der Schweiz neue Regeln für die Festlegung von Medikamentenpreisen. Durchgesetzt wurden die Bestimmungen von SP-Bundesrat Alain Berset. Dagegen protestiert die Pharmaindustrie. Dies kommt nicht von ungefähr; mit dem Schweizer Medikamentenmarkt betreibe die Pharmaindustrie eine Quersubventionierung für den Rest von Europa, schreibt die «Aargauer Zeitung».

Sinken in der Schweiz die Medikamentenpreise, wie dies bei der bevorstehenden Senkung des Euro-Wechselkurses von 1.53 auf 1.23 Franken der Fall wäre, leide das ganze Geschäftsmodell der Pharmaindustrie. Die grossen Firmen würden eine Mischkalkulation betreiben. Länder mit hohen Medikamentenpreisen finanzierten Länder mit niedrigen Preisen mit.

«Eine klare Mischkalkulation»

Die Zeitung zitiert den Gesundheitsökonomen eines grossen deutschen Pharmakonzerns: «Wir haben über ganz Europa verteilt ganz unterschiedliche Preise. Das ist eine Mischkalkulation, das ist völlig klar.» Eine Schweizer Brancheninsiderin bestätigt die Aussage und spricht von «Subventionen» der Schweiz an Länder wie Deutschland.

Die Gründe für die Preisdifferenzen sind unterschiedlich. In der Schweiz bezahlen die Konsumenten durchschnittlich 21,8 Prozent höhere Preise als im europäischen Ausland. Ein gesetzlicher Zuschlag von fünf Prozent entfällt unter anderem auf den Beipackzettel. Dass dieser in drei Sprachen abgefasst sein muss, wird als Mehraufwand taxiert.

Schweiz ist ein Schlüsselmarkt

Die Mischkalkulation kommt aber vor allem bei Generika zum Zug. In Deutschland kommt es bei Nachahmerprodukten zu massiven Preisreduktionen, da die Krankenkassen direkt mit den Pharmafirmen über die Preise verhandeln. Zum Teil kosten solche Mittel weniger als 20 Prozent des Schweizer Preises. Laut der «Aargauer Zeitung» sei die Schweiz wegen der Quersubventionierung so interessant für die Pharmafirmen – trotz ihrer geringen Marktgrösse. Das Land zähle zu einem der Schlüsselmärkte der Branche, weil es entscheidend für die Mischkalkulation sei. (mpl)

Erstellt: 30.05.2012, 10:40 Uhr

Diskussion im Nationalrat

In der Sommersession des Nationalrats wird heute über die Medikamentenpreise beraten. Streitpunkt ist die Diskussion, den für Medikamente gültigen Euro-Wechselkurs senken zu wollen. Die Gesundheitskommission möchte zusammen mit den Versicherern und der Pharmaindustrie eine «einvernehmliche Lösung» finden.

Rund 800 Medikamente werden momentan darauf überprüft, ob ihr Verkaufspreis in der Schweiz im Vergleich zum Ausland zu hoch liegt. Bis zum 31. Mai haben die Unternehmen deshalb Zeit, beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) freiwillig eine Senkung auf den massgeblichen Auslandspreis zu verlangen, wenn sie von der vom Bundesrat bewilligten Toleranzmarge von fünf Prozent profitieren wollen.

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