Schweizer Bischöfe erlauben «Pille danach» bei Vergewaltigungen

Die katholische Kirche erklärt die «Pille danach» für vergewaltigte Frauen für legitim – sofern diese verhütende Wirkung hat. Damit schliesst sie sich der Haltung der deutschen und spanischen Bischöfe an.

Langsame Bewegung in der Verhütungsfrage: Die Schweizer Bischöfe lassen die «Pille danach» im Vergewaltigungsfall zu, wie bereits ihre deutschen Kollegen. (23. September 2010)

Langsame Bewegung in der Verhütungsfrage: Die Schweizer Bischöfe lassen die «Pille danach» im Vergewaltigungsfall zu, wie bereits ihre deutschen Kollegen. (23. September 2010) Bild: Keystone

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Angefangen hat alles im vergangenen Dezember: Nach einer Party in Köln kommt eine 25-jährige Frau auf einer Parkbank zu sich. Sie merkt, dass sie am Vorabend mit K.-o.-Tropfen betäubt und anschliessend vergewaltigt worden ist. Als sie in sich in einem katholischen Spital untersuchen lassen will, wird sie abgewiesen. Gleich ergeht es ihr in einem weiteren katholischen Krankenhaus der Stadt. Die Begründung: Man sei nicht berechtigt, die gynäkologischen Untersuchungen zur Beweissicherung durchzuführen, weil damit auch das Verschreiben der «Pille danach» verbunden sei. Diese widerspreche den ethischen und moraltheologischen Grundsätzen der katholischen Kirche.

Die vom «Kölner Stadt-Anzeiger» ­aufgedeckte Geschichte sorgte für so grosses Entsetzen, dass der Erzbischof von Köln zwei Wochen später verlauten liess, in Vergewaltigungsfällen sei die «Pille danach» erlaubt. Daraufhin lockerte die Deutsche Bischofskonferenz das Verbot der «Pille danach» offiziell. Ende Februar taten es ihnen die spanischen Bischöfe gleich.

Nur «verhütende Pillen»

Jetzt vollzieht auch die katholische Kirche in der Schweiz eine Kehrtwende, wie TA-Recherchen zeigen: Auf Empfehlung ihrer Bioethik-Kommission hat die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) an ihrer Vollversammlung der Abgabe der «Pille danach» in Vergewaltigungsfällen zugestimmt. «Eine Vergewaltigung ist ein Gewaltakt, der die Grundrechte der Frau verletzt», sagt SBK-Sprecher Walter Müller. «Das können wir nicht gutheissen.»

Allerdings könne die «Pille danach» nur zum Einsatz kommen, wenn sie empfängnisverhütende Wirkung habe, betont Walter Müller. Bei einer abtreibenden Wirkung sei sie nicht erlaubt: «Das Medikament darf keinesfalls den Tod eines menschlichen Lebens bewirken. Dieses beginnt mit der Befruchtung der Eizelle und ist zu schützen.» Gleich argumentieren die deutschen und spanischen Bischöfe. Mit anderen Worten: Die Bischöfe heissen jene Medikamente gut, die den Eisprung unterdrücken oder verzögern. Nicht zulässig sind Präparate, die die Einnistung einer befruchteten Eizelle in die Gebärmutter verhindern oder einen bereits eingenisteten Embryo durch eine künstliche Menstruation zerstören.

Ein Präparat zugelassen

Laut Karl Küenzi, Sprecher des Schweizerischen Apothekerverbandes Pharmasuisse, ist in der Schweiz ein einziges «Pille danach»-Präparat auf dem Markt. Es heisst Norlevo Uno und enthält den Wirkstoff Levonorgestrel. Damit es wirksam ist, muss es innerhalb von 72 Stunden nach ungeschütztem ­Geschlechtsverkehr oder im Fall des Versagens einer Verhütungsmethode eingenommen werden – also etwa, wenn das Kondom gerissen ist oder die Einnahme der Pille vergessen wurde.

Die Aussagen der Bischöfe erwecken laut Küenzi den Eindruck, es gebe verschiedene Arten von «Pillen danach» mit je unterschiedlicher Wirkung. Dem sei nicht so. Vielmehr sei im Fall von Norlevo Uno die genaue Wirkungsweise nicht bekannt: «Man nimmt an, dass das Medikament sowohl den Eisprung unterdrückt als auch die Befruchtung und Einnistung in die Gebärmutter verhindert», sagt Küenzi. «Doch genau weiss man es im Einzelfall nicht.» Sicher sei, dass die «Pille danach» nach der Einnistung der Eizelle in der Gebärmutter nicht mehr wirke und somit gemäss medizinischer Definition keinen Schwangerschaftsabbruch bewirken könne.

Im Dezember hat Swissmedic auch das Präparat ellaOne zugelassen, das aber noch nicht auf dem Markt ist. Im Gegensatz zu Norlevo Uno, das – geknüpft an ein Beratungsgespräch – rezeptfrei in der Apotheke erhältlich ist, handelt es sich bei ellaOne um einen Wirkstoff, der bisher in der Schweiz nicht zugelassen war. Er darf nur auf ärztliche Verschreibung abgegeben werden. Schätzungen von Pharmasuisse zufolge nimmt etwa jede zehnte Frau zwischen 20 und 39 Jahren einmal im Jahr die «Pille danach». Das Medikament wird von der Krankenkasse nicht bezahlt.

Beratungsgespräch zwingend

Auch SBK-Sprecher Walter Müller räumt ein, dass man nicht mit abschliessender Sicherheit sagen könne, wie die «Pille danach» wirke. Studien kämen zu unterschiedlichen Hypothesen, die Trennung zwischen verhütender und abtreibender Wirkung sei «nicht immer eindeutig». Es sei deshalb zwingend, dass die Frauen von den Apothekern und Ärzten gut beraten würden. Laut Swissmedic muss vor der Abgabe des rezeptfrei erhältlichen Norlevo Uno stets ein Beratungsgespräch erfolgen. Aus zeitlichen Gründen übernehme der Apotheker meist die Funktion des Arztes.

Für Thomas Wallimann, freier Mitarbeiter beim Institut für Sozialethik an der Universität Luzern, ist die durch die deutschen Bischöfe angestossene Lockerung des «Pille danach»-Verbots «folgenreicher, als man auf den ersten Blick meinen kann». Wie er kürzlich der «Südostschweiz» sagte, hätten die Bischöfe mit ihrer Position das sehr strikte Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung, das 1968 in der Enzyklika «Humanae vitae» von Papst Paul VI. festgeschrieben worden ist, neu ausgelegt und das Verbot damit relativiert. Indem die Bischöfe die «Pille danach» in bestimmten Fällen erlauben würden, bewiesen sie «eine gewisse Beweglichkeit, wenn auch in einem kleinen Bereich».

Erstellt: 06.03.2013, 07:48 Uhr

Die Position Roms

Vatikan stützt deutsche Bischöfe

In der Frage der Pille danach ist für den Vatikan massgebend, dass nach einer Vergewaltigung nur Mittel erlaubt sind, die eine Befruchtung der Eizelle verhindern. Mittel, die den Tod einer befruchteten Eizelle oder eines Embryos herbeiführen, sind hingegen moralisch nicht vertretbar. So äusserte sich dieser Tage gemäss der katholischen Agentur Kipa der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, Bischof Ignacio Carrasco de Paula. Die Linie der deutschen Bischöfe in der Frage entspreche dem, was der Vatikan seit 50 Jahren lehre. Allerdings sei diese Lehre offenbar vielfach falsch verstanden worden. Carrasco betonte, dass die Kirche empfängnisverhütende Mittel weiterhin nicht als Methode der Familien­planung akzeptiere, weil die Ehe für die Weitergabe des Lebens offen sein müsse. Eine mit Gewalt erzwungene sexuelle Vereinigung könne jedoch nicht als auf das Leben hin offenen Akt verstanden werden. (mm.)

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