Schweizer Drohnenpiloten toben gegen EU-Gesetz

Prüfungspflicht für Hobbyflieger: In den Kommentarspalten gehen die Wogen hoch. Welche Bewilligung Sie künftig für Ihre Drohne brauchen werden.

«Ein Kampfhund mit Rotoren»: Ein Hobbyflieger steuert seine Drohne. Foto: iStock

«Ein Kampfhund mit Rotoren»: Ein Hobbyflieger steuert seine Drohne. Foto: iStock

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Kaum wurden die neuen Vorgaben bekannt, knallten bei «20 Minuten» die Kommentare ein. Die EU verlangt von Drohnenpiloten, sich zu registrieren und dafür einen Test zu bestehen. Die Schweiz will das Gesetz übernehmen, es soll im nächsten Jahr eingeführt werden.

Die Drohnisten tobten; ihre Reaktionen waren voller Ausrufezeichen und ohne Kommas:

  • «Klar am schluss braucht man lizenz zum Laufen neben der strasse!! Das ist sehr gefährlich. Dumm die leute heut zu tage!!!»
  • «Wo ist hier noch unsere Freiheit seit es diese Eu gibt gibts nur noch leid und Diktatur Erpressung usw.»

Die Drohnengegner hielten dagegen:

  • «Man muss nur gewisse Kommentare hier lesen, dann weis man, warum eine vernünftige Regulierung für Drohnen unbedingt notwendig ist.»
  • «Sorry, wenn sie sich an die Regeln halten, können Sie Ihrem Hobby frönen so lange Sie wollen.»

So ging das weiter. Vor allem ging es hin und auch ein wenig her. Über 800 Reaktionen in einem Tag. Irgendwann schaltete «20 Minuten» die Kommentarfunktion ab.

Leidenschaft und Hass

Das Gerät, die Drohne, ist blosse Technik, ein Flugroboter. Die Debatte darüber ist alles andere: Leidenschaft kollidiert mit Hass. Dabei reagieren beide Seiten inkonsequent. Manche Drohnenflieger wollen ihre eigene Identität geheimhalten, gleichzeitig verletzen sie die Privatsphäre anderer. Ihre Gegner akzeptieren Überwachungskameras auf öffentlichem Grund, übergeben ihre Daten freiwillig an Facebook und Google, sie wissen, dass sie abgehört, gesichtet, verfolgt werden können, ihr Handy ist eine Verratsmaschine. Wenn aber eine Drohne zu ihrem Balkon hochsteigt mit ihrem Zahnarztbohrgeräusch, flippen sie aus.

Sie sieht schon bedrohlich aus, diese Maschine, ein elektrisches Insekt wie aus einem Science-Fiction-Horrorfilm, ein Kampfhund mit Rotoren. Noch bedrohlicher wirkt sie, wenn nicht klar ist, wer sie steuert. Ein Voyeur? Ein Irrer? Ein Familienvater, der mit seinem Sohn fliegende Modelleisenbahn spielt?

  • «In Zukunft schiesse ich jede Drohne ab welche näher als 10m zu meinem Haus oder Garten kommt. Am besten nimmt man für das eine Hochdruck Pumpe mit einem kräftigen Wasserstrahl so an die 20Bar. So kann man jede Drohne in die Versenkung schicken.»
  • «Ich könnte mit meiner Drohne aus 50 Metern Höhe gestochen scharfe Bilder von ihnen machen als wäre ich 5 Meter entfernt. Viel Spass beim Hochspritzen.»

Auffällig ist: Was bei den Flugzeugen und Raketen und Gleitschirmen und ­Modellflugzeugen stimmt, gilt auch für Drohnen – Männer stellen über 80 Prozent aller Drohnenpiloten. Manche sind unter dreissig, es sind sogar Kinder darunter. Fachleute erklären sich das mit dem männlichen Spieltrieb und dem ­Interesse an der Technik. «Der Luftraum ist männlich dominiert», sagt Francisco Klauser, Geografieprofessor in Neuenburg. «Das war schon immer so: vom Prinzen über den Kartografen bis zu den Piloten von Flugzeugen, Gleitschirmen und Drohnen.»

«Gibt es keine Möglichkeit, mich gegen diese Typen zu wehren?»Julie Dobek, Drohnenopfer

Julie Dobek ist keine Prinzessin, keine Kartografin, keine Pilotin, sie gleitet auch keine Schirme und bedient keine Drohnen. Die Französin arbeitet als ­Finanzberaterin, wohnt in einem Hochhaus beim Escher-Wyss-Platz im 13. Stock, und sie hat ein permanentes Problem: Drohnen vor ihren Fenstern. «Kurz nachdem ich eingezogen war, flog die erste zu mir hoch, stand vor dem Balkon und starrte mich an.» Der ersten folgten viele weitere, im Sommer ist es besonders schlimm. Julie Dobek, eine junge, attraktive Frau, fühlt sich von diesen elektronischen Männerblicken belästigt. Und sie fragt: «Muss ich jetzt dauernd die Läden schliessen, kann ich nicht mehr aus der Dusche kommen, gibt es keine Möglichkeit, mich gegen diese Typen zu wehren?»

Nicht einmal vor Männern, die es gut mit ihr meinen, fühlt sie sich sicher. Sie sei auf dem Weg zum Fitnessstudio ­gewesen, sagt sie, als ein Freund ihr getextet habe. «Bist du nicht daheim?» Es stellte sich heraus, dass er seine Drohne auf ihrem Balkon parkiert hatte. Sie versuchte ihm zu erklären, wie komplett daneben sie sein Verhalten fand. Er ­verstand sie nicht; er fand sich lustig.

Ein Milliardengeschäft

Reto Büttner ist ETH-Ingenieur und auf Robotik spezialisiert. Er leitet das Drohnen-Start-up Deldro, 1998 hat er an der ETH mit Kollegen den ersten Quadrokopter der Schweiz gebaut. Das sei eine interdisziplinäre Sache gewesen, sagt Büttner. «Ein Flugroboter braucht eine ausgeklügelte Soft- und Hardware und eine ebenso anspruchsvolle Kombination aus Mechanik, Elektrotechnik, Sensorik und Antriebskomponenten.»

Büttner signiert seine Mails «mit besten Fliegergrüssen» und fliegt auch als Privatpilot. Er amtet als Vizepräsident für den Schweizerischen Verband ziviler Drohnen (SVZD) und hat mit Kollegen eine Firma gegründet, die Paketdrohnen entwickelt und betreibt. Er ist also ein Drohnist durch und durch. Trotzdem – oder vielleicht auch deshalb – begrüsst er das neue EU-Gesetz. Er findet die Forderung nach der Identifizierung des Piloten für Drohnen und Operationen ab einer gewissen Risikoklasse selbstverständlich. Aktuell müssen Drohnen bis zu dreissig Kilogramm nicht angemeldet werden.

Neu sollen Drohnenbesitzer einen Onlinetest absolvieren, sobald ihre Geräte schwerer sind als 250 Gramm. Jene unter 250 Gramm, sogenannte Stubendrohnen, sind zu klein, um gefährlich zu sein, ausserdem bleibt ihre Reichweite übersichtlich. Mit dem Gewicht der Drohne und den Flugzielen ihrer Betreiber steigen die Auflagen der EU. Sie sieht drei Kategorien vor:

  • Open: Hobbydrohnen zwischen 250 Gramm und 25 Kilogramm. Sie dürfen nur mit direktem Augenkontakt geflogen werden.
  • Specific: zum Beispiel Drohnen, die ausserhalb des Augenkontakts oder über Menschenmengen fliegen.
  • Certified: Die Drohne wird wie ein Flugzeug behandelt, was eine entsprechend aufwendige Zulassung erfordert.

«Wer eine Drohne fliegen will mit mehr als 250 Gramm», sagt Urs Holder­egger vom Bundesamt für Zivilluftfahrt, «sollte die Gesetze kennen und sich ­registrieren lassen.» Künftig werden Herstellerfirmen einen Chip einbauen, der den Start der Drohne verhindert, ­solange der Käufer das Gerät nicht registriert hat.

Über 100'000 privat bediente Drohnen wurden bisher in der Schweiz verkauft, wobei offenbleibt, wie viele nach ein paar Einsätzen depressiv im Keller liegen. In den USA geht man davon aus, dass der Handel mit solchen Fluggeräten innert zweier Jahre vier Milliarden Dollar einbringen wird. Es gibt bereits internationale Drohnenrennen mit hohen Preisgeldern, bei denen die Geräte mit 100 Stundenkilometern einen komplizierten Parcours abfliegen müssen. Un­ter den Piloten befinden sich 15-Jährige.

Wem sie alles nützen

Aber Drohnen können mehr, als bloss im Kreis herumzufliegen oder vor fremden Balkonen zu stoppen. Selbst wer sie nicht mag, wird ihren Nutzen anerkennen. «Drohnen verschaffen unglaubliche neue, finanziell interessante Möglichkeiten, das ist ein Markt, der richtiggehend explodiert», sagt Francisco Klauser, der Geograf.

Drohnen fliegen für die Armee, Polizei und Feuerwehr, sie helfen bei Rettungsaktionen. Sie nützen Geometern, Vermessern, Archäologen und Fotografen. Sie fliegen für die Filmindustrie, für die Landwirtschaft, etwa zur Schädlingsbekämpfung mittels zielgerichtet eingesetzten Pestiziden, die man nicht mehr flächendeckend versprühen muss. Drohnen inspizieren die Infrastruktur auf mögliche Mängel, Eisenbahntrassen, Brücken und Häuser. Spitäler schicken einander Analyseproben, in einigen Jahren werden Drohnen auch Pakete ins Haus liefern.

«Leute beklagen sich über das Gefühl, von Unbekannten überwacht zu werden.»Bruno Baeriswyl, Datenschützer

Drei Viertel der Befragten, das weiss Geograf Klauser aus einer seiner Studien, hätten nichts gegen Drohnen von öffentlichen Akteuren wie etwa der Polizei. Dafür sprächen sich 57 Prozent gegen kommerzielle Einsätze von Drohnen aus. Und 75 Prozent seien strikt dagegen, dass Drohnen um ihre Häuser schwirren würden.

Das bestätigt Bruno Baeriswyl, der Datenschützer das Kantons Zürich. «Leute beklagen sich über den Lärm und das belästigende Gefühl, von Unbekannten überwacht zu werden», sagt er. Darum begrüsst er wie alle Fachleute, mit denen man spricht, das neue Gesetz.

Die Schweiz als Pionierin

Allen anderen, die gegen eine weitere Bevormundung der Schweiz durch die Europäische Union anschreiben, gibt Holderegger vom Bundesamt für Zivilluftfahrt Folgendes zu bedenken: «Der Gesetzesentwurf der EU ist massgeblich von der Schweiz geprägt worden. Die EU hat den risikobasierten Ansatz von uns übernommen. Die Schweiz ist in der Frage ziemlich weit ­voraus.»

Das Einzige, was ihn stört: Die EU habe in der offenen Kategorie verschiedene Unterkategorien geschaffen und das Gesetz damit verkompliziert. «Wir müssen das übernehmen», sagt er, «aber es gibt einen nationalen Spielraum.»

Die Drohnisten brauchen sich nicht aufzuregen. Und die Balkonianer können sich freuen. Harmonie wird wieder sein am Schweizer Himmel.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.04.2018, 09:55 Uhr

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