Schweizer Erdogan-Anhänger sehen sich in der Opferrolle

Eine Lobby-Organisation der türkischen Regierungspartei will mit einer Umfrage die Diskriminierung von Muslimen nachweisen.

Die Schweiz ist ein Puzzleteil im globalen Netzwerk der türkischen Religionsbehörde: Türkische Frauen demonstrieren vor der türkischen Botschaft in Zürich. (16. Juli 2016) Foto: Siggi Bucher (Keystone)

Die Schweiz ist ein Puzzleteil im globalen Netzwerk der türkischen Religionsbehörde: Türkische Frauen demonstrieren vor der türkischen Botschaft in Zürich. (16. Juli 2016) Foto: Siggi Bucher (Keystone)

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Sie ist die Lobbyorganisation der Regierungspartei AKP im Ausland: die Union Europäisch-türkischer Demokraten (UETD). Aktiv ist sie auch in der Schweiz – und das zunehmend. Wie jetzt bekannt wird, hat ihr Präsident Murat Sahin im Mai mit GFS Bern einen Vertrag unterzeichnet. Das Meinungsforschungsinstitut soll sich via Onlineumfrage bei 600 bis 700 Muslimen ein Bild von deren Diskriminierungserfahrungen machen. Es ist die erste Umfrage unter ausschliesslich muslimischen Migranten, wobei sie nicht auf Türken beschränkt ist. Projektleiterin Martina Mousson betont, man befinde sich in der Konzeptionsphase. Resultate würden, wenn überhaupt, erst Ende Jahr vorliegen. Schliesslich gebe es von hiesigen Muslimen keine solide Adressbasis.

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass konservative Muslimverbände die Islamfeindlichkeit der Mehrheitsgesellschaft anprangern, um dort mehr Rechte für sich zu erstreiten. Mousson versichert, dass GFS Bern die wissenschaftlichen Standards nicht durch ideologische Vorgaben beeinflussen lasse: «Wir haben ein methodisches Letztentscheidungsrecht und machen unseren eigenen Schlussbericht.»

Diner mit Ministerpräsident

Auftraggeber der Studie, Murat Sahin, ist der UETD-Mann, der nach dem gescheiterten Militärputsch in Zürich öffentlich drohte: «Ihr Terroristen von Fetullah Gülen, euer Ende ist gekommen.» Auch sein Bruder Suat Sahin, unter anderem Präsident des World Turkish Business Council, schrieb auf Facebook: «Wir werden gemeinsam die Höhlen der Gülen-Bewegung und Putschsympathisanten stürmen.» Das hierzulande politisch und wirtschaftlich tonangebende türkische Brüderpaar dinierte neulich mit dem heutigen Ministerpräsidenten Binali Yildrim im eigenen Steakhouse in Aarburg. Gegessen wurde Halal-Fleisch aus dem eigenen Schlachthof Sila in Buckten BL, dem grössten seiner Art in der Schweiz.

Der Basler SP-Grossrat türkischer Herkunft Mustafa Atici bedauert, dass türkische Migranten von Erdogan-Organisationen für nationalistische Zwecke mobilisiert werden. Er verstehe es nicht, dass Migranten, die in der Schweiz von demokratischen Rechten wie Religions- und Meinungsfreiheit profitierten, diese im Herkunftsland nicht gelten liessen. Auch sei es bedenklich, sich via Umfrage in der Opferrolle bestätigen zu lassen, um die christliche Mehrheitsgesellschaft zu beschuldigen. Für den Sozialdemokraten ist unbestritten, dass auch Diyanet, die türkische Religionsbehörde, mit ihrem riesigen Budget von Erdogan instrumentalisiert und politisiert wird.

Das gilt auch für Diyanet Schweiz, die sich offiziell «Türkisch-Islamische Stiftung für die Schweiz» nennt. So hat sie letztes Jahr 22 Jugendliche zu einer zweiwöchigen Reise in die Türkei eingeladen. Unzählige Fotos auf Facebook zeigen die Jugendlichen und den Stiftungsvorstand zusammen mit Präsident Recep Tayyip Erdogan und dem damaligen Premier Ahmet Davutoglu in Ankara. Mitarbeiterin Ferhan Cirit versichert, dass die Schweizer Stiftung und die Schweizer Moscheen so unpolitisch seien wie Diyanet selber. Und wie verhält es sich mit dem Imam von Ostermundigen BE, der die Putschisten am Galgen sehen will, wie die SRF-Sendung «10 vor 10» kürzlich berichtete? Der Imam, sagt Cirit, sei eine Ausnahme – und er werde zur Rechenschaft gezogen.

Ausbildung in der Türkei

Cirit leugnet nicht, dass die 36 Diyanet-Imame in der Schweiz via türkische Botschaft von der türkischen Religionsbehörde besoldet und angestellt werden. Das sei gar nicht anders möglich, da es an qualifizierten Imamen und einer Imam-Ausbildung in der Schweiz fehle. Um selber für Imame und Theologen zu sorgen, hat die türkische Diyanet vor wenigen Jahren an dortigen Universitäten eine Theologieausbildung eingerichtet, die auch türkischstämmige Schweizer absolvieren. Cirit selber ist die erste schweizerisch-türkische Absolventin des Lehrgangs, die jetzt in der Schweiz arbeitet. Sie ist bei Diyanet Schweiz tätig sowie auf der türkischen Botschaft für religiöse Angelegenheiten zuständig, und sie befasst sich mit der Anstellung der Imame.

Ähnlich wie bei den Saudis

Die Schweiz ist ein Puzzleteil im globalen Netzwerk der türkischen Religionsbehörde, die ähnlich wie die Islamische Weltliga der Saudis agiert. Bei der Islamisierung der Welt arbeiten sie zusammen. Der oberste Diyanet-Chef Mehmet Görmez ist nicht nur Vorsitzender der Schweizer Stiftung, sondern auch Mitglied der Islamischen Weltliga. Beide Organisationen lassen weltweit Moscheen bauen. Diyanet Schweiz hat jüngst angeboten, das Projekt einer Zentralmoschee in Zürich finanziell zu unterstützen.

Um Ditib, die analoge Diyanet-Stiftung in Deutschland, ist gerade eine Polemik im Gange. Der islamische Theologe Abdel-Hakim Ourghi wirft ihr und anderen Islamverbänden vor, sie verträten die Interessen des Herkunftslandes und seien dem hiesigen Staat gegenüber nicht loyal. Die Dachverbände seien weit entfernt von einem aufgeklärten, humanistischen Islam. «Wer mit Ditib kooperiert, kooperiert mit Ankara und nicht mit einer Religionsgemeinschaft in Deutschland», doppelt der grüne Politiker Volker Beck nach.

Wie nahe Diyanet Erdogan steht, zeigte sich bei der Verhinderung des Putsches am 15. Juli. Noch vor Mitternacht rief die Regierung 110'000 Imame des Landes an und forderte sie auf, von den 85'000 Minaretten aus den Notruf «Sala» zu rufen. Viele Imame spielten den Warnruf immer wieder ab und stellten sich so den Putschisten in den Weg.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.08.2016, 23:37 Uhr

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