Schweizer Firma half NSA beim Spionieren

Die Crypto AG aus Zug verkauft Chiffriergeräte an über 100 Staaten. Nun offenbaren Dokumente deren enge Beziehung zur NSA – seit 60 Jahren.

Ein Erfolgsmodell: Das Chiffriergerät CX-52 der Firma Crypto aus den frühen Fünfzigerjahren. Foto: Terra Mater, Laif

Ein Erfolgsmodell: Das Chiffriergerät CX-52 der Firma Crypto aus den frühen Fünfzigerjahren. Foto: Terra Mater, Laif

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In Steinhausen, einer 9000-Einwohner-Gemeinde an der Nordspitze des Zugersees, fahren von Zeit zu Zeit die Limousinen ausländischer Regierungsdelegationen vor. Sie wollen zum Sitz der Crypto AG, einem von Kameras und Zäunen abgeschirmten Komplex, in dem Ingenieure und Informatiker an Chiffriergeräten für Funk, Internet und Telefon arbeiten. Die Firma beruft sich auf ihren Standort in der «neutralen und autonomen Schweiz», sie beliefert laut eigenen Angaben rund 130 Staaten mit hochmodernen Geräten zur Verschlüsselung. Ein sensitives Geschäft, bei dem Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit zählen.

Und genau damit hat die Crypto immer wieder Probleme. Seit den 80er-Jahren tauchen in der Presse Gerüchte und Aussagen von Ex-Angestellten auf, wonach die Hightechfirma mit den deutschen oder den US-Geheimdiensten kooperiert haben soll. Die Spione sollen veranlasst haben, dass in die Chiffrier­geräte «Hintertüren» eingebaut werden. So könnten die Dienste die verschlüsselte Kommunikation der Crypto-Kunden – unter anderem Staaten wie Ägypten, der Irak oder der Iran – problemlos abhören. Die Crypto hat dies stets dementiert. Harte Beweise gab es nie.

60 Jahre lang «top secret»

Nun hat die BBC aber ein 23-seitiges Dokument der NSA aus dem Jahr 1955 ausgegraben, das 60 Jahre lang als «top secret» eingestuft war. Im April 2015 hatte die NSA zwei fast identische Versionen des Papiers zusammen mit Hunderten weiteren Dokumenten «deklassifiziert», also öffentlich gemacht. Darin finden sich zum ersten Mal Belege für eine konkrete Zusammenarbeit zwischen der Crypto AG und der NSA.

Das publizierte Dokument ist ein Bericht des amerikanischen Kryptografiepioniers William Friedman, der damals als Assistent des NSA-Direktors arbeitete. Er besuchte im Februar 1955 in Zug den Schweden Boris Hagelin, den Gründer der Crypto. Die beiden Männer waren Freunde, sie kannten sich aus den USA: Hagelin war während des Zweiten Weltkriegs aus Stockholm in die Vereinigten Staaten gereist, deren Armee er mit seinen Verschlüsselungsgeräten belieferte. Er hatte in Schweden bereits in den 20er-Jahren begonnen, das alliierte Pendant zur legendären deutschen Enigma zu entwickeln. Weil die Regierung in Stockholm nach dem Krieg den Export von solchen Geräten verbot, verschob Hagelin seine Produktion in die Schweiz, zuerst nach Zug, später nach Steinhausen.

Der Restposten im Keller

Friedman traf laut Memo am 19. Februar 1955 um 18.30 Uhr bei Hagelin ein. Im Gepäck hatte er einen Vorschlag für seinen Freund, den die US- und die britischen Geheimdienste gemeinsam aus­gearbeitet hatten. Der Amerikaner bot dem Schweden Bedenkzeit an, aber der akzeptierte die Vereinbarung sogleich.

Teil des als «Gentlemen’s Understanding» bezeichneten Deals war, dass Hagelin offenlegte, wie viele Chiffriermaschinen welchen Typs er an welche Staaten lieferte. Friedman listete danach in seinem Report die Zahlen fein säuberlich auf. Der Irak etwa wollte 50 Maschinen kaufen – «haben mehr als lauwarmes Interesse», notierte er. Syrien habe 50 Geräte eines veralteten Typs erworben. Friedman fragte Hagelin, wo er noch so viele alte Maschinen gefunden habe; «wir hatten noch einige im Keller in Stockholm», lautete die Antwort.

Das Dokument enthält keinen Hinweis auf eine «Hintertür» in den Maschinen, wodurch die NSA direkt auf die unverschlüsselten Daten der Kunden hätte zugreifen können. Hagelin gewährte aber indirekte Hilfe: Er selbst machte den Vorschlag, an «gewisse Kunden» ältere Geräte zu liefern – mit dem Hintergedanken, dass diese für die NSA leichter zu knacken waren, wie Friedman festhielt. Ebenso beschrieb Hagelin seinem Freund die technischen Finessen der Crypto-Maschinen im Detail – wertvolle Informationen für die Codeknacker der NSA.

Einen Job für die Cousine

Friedman und Hagelin sprachen auch über Gegenleistungen des Geheimdiensts. Der Schwede bedankte sich dafür, dass die NSA «Mitgliedern seiner Familie» geholfen habe – die Cousine von Hagelins Frau hatte «in unserer Organisation» (Friedman) einen Job bekommen. Zugunsten von Hagelins Schwiegersohn hatte der Geheimdienst bei der US-Luftwaffe interveniert. Ob auch Geld geflossen ist, bleibt offen, da die NSA einige Passagen des Dokuments vor Veröffentlichung schwärzte.

Ebenso ungewiss ist, wie lange der Deal zwischen Hagelin und Friedman hielt. Der Schwede starb 1983, die Crypto-Aktien hatte er zuvor verkauft. Die neuen Eigentümer sind offiziell unbekannt. Die Spuren führen via Liechtenstein nach Deutschland, verschiedene Siemens-Manager steuerten die Firma zeitweise. Der «Spiegel» vermutete 1996 unter Berufung auf einen Ex-Entwickler, die Maschinen der Crypto seien bis in die späten 80er-Jahre auf Intervention von BND und/oder NSA «manipuliert» worden. Die Firma stand damals im Zentrum eines Skandals: Ihr Verkaufsagent Hans Bühler war 1992 während neun Monaten im Iran in Haft gesessen. Bühler verlor nach seiner Freilassung gegen ein Millionenlösegeld den Job bei der Crypto.

Danach äusserte er ebenfalls die Vermutung, dass mit den Chiffriermaschinen etwas nicht in Ordnung war. Das brachte ihm eine Klage seines Ex-Arbeitgebers ein, der Prozess platzte aber kurz vor der Verhandlung, bei der eine Reihe von Zeugen aufgetreten wären. Man schloss einen Vergleich, Bühler versprach zu schweigen. Auch eine Untersuchung der Bundespolizei wurde 1997 eingestellt, und die Crypto verschwand langsam aus dem Fokus der Öffentlichkeit, um in Steinhausen wieder in Ruhe ausländische Delegationen empfangen zu können.

Und so soll es bleiben: Die Crypto AG teilte dem TA gestern mit, dass man das neu aufgetauchte NSA-Dokument nicht kommentiere.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.07.2015, 22:21 Uhr

Boris Hagelin

Gründer der Crypto

Eine mögliche Hintertür

Die Crypto bestritt die Vorwürfe stets. Heute schreibt sie in einem Statement, man kommentiere die publizierten Dokumente nicht. Die Verschlüsselungsalgorithmen in den Geräten stünden allerdings unter der alleinigen Kontrolle der Kunden – «nicht einmal die Crypto AG selbst hat Zugriff».
Das müsse nicht zwingend stimmen, sagt IT-Professor Jörn Müller-Quade: «Selbst wenn die Algorithmen unter Kontrolle der Kunden sind, ist es möglich, im Gerät selbst eine Hintertüre einzubauen», so der Kryptografiespezialist vom Karlsruhe Institute of Technology. Das Vertrauen in die Crypto sei durch die Dokumente und die wiederholten Vorwürfe angeschlagen.
Für Müller-Quade passt die enthüllte Kooperation zur modernen Arbeitsweise der NSA. «In den Snowden-Dokumenten finden Sie ganz ähnliche Fälle.» Der Dienst habe gezielt Schwächen in öffentliche Verschlüsselungsstandards und in populäre Zufallsgeneratoren eingebaut, um diese leichter entschlüsseln zu können. «Solche Manipulationen treffen nicht nur Schurkenstaaten. Sie schaden der Sicherheit unserer Gesellschaft.»

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