Schweizer Pass im Sprengstoffgürtel

Sie sitzen in einem syrischen Gefängnis, sie waren IS-Kämpfer, und sie wollen zurück in die Schweiz. Es ist ihr Heimatland.

Ein Gefängnis in Syrien: Hier sitzt Daniel D. ein. Der Genfer kämpfte für den IS und möchte wieder zurück in die Schweiz. Foto: Alex Kühni

Ein Gefängnis in Syrien: Hier sitzt Daniel D. ein. Der Genfer kämpfte für den IS und möchte wieder zurück in die Schweiz. Foto: Alex Kühni

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Sind das die gefährlichsten Schweizer? So ausgezehrt, der Blick leer? Daniel D. aus Genf, Ajdin B. aus Lausanne und Damien G. aus Orbe VD sind zwischen 2013 und 2015 nach Syrien in den Jihad gereist. Wurden Teil des Islamischen Staates. Und sitzen jetzt im Gefängnis. Gefangen von den kurdisch dominierten Syrian Democratic Forces (SDF).

Sie gehören laut dem Nachrichtendienst des Bundes (NDB) zu den 20 Jihad-Reisenden – also Männern, Frauen und Kindern mit Schweizer Bürgerrecht, die sich jetzt noch im syrisch-irakischen Konfliktgebiet aufhalten. Mittlerweile unfreiwillig. Die türkische Invasion in den nordsyrischen Kurdengebieten hat die Lage des Trios aus der Westschweiz drastisch verschärft. Die drei Männer wurden mit anderen IS-Jihadisten weiter ins Landes­innere in improvisierte Gefängnisse gebracht. Die Zellen sind hoffnungslos überfüllt.

Beschönigen, verschweigen

Dort konnten sie interviewt werden, Daniel G. zum ersten Mal überhaupt. Diese Zeitung konnte die verschiedenen Gespräche auswerten – zum Teil in Zusammenarbeit mit dem TV-Magazin «Rundschau» von SRF (ihr Beitrag wird heute Mittwochabend um 20 Uhr ausgestrahlt). Die drei Westschweizer machen klar, dass Nahrungsmittel knapp sind und die Hygiene miserabel ist. Einer von ihnen beschwert sich offen über Schläge, Folter, Schlafentzug.

Das Material gibt aber auch einen einmaligen Einblick in die Denk- und Lebenswelt dieser Männer. Dabei wird offensichtlich, dass das Trio viel verschweigt, beschönigt, und dass sich die Gefangenen vor allem nicht selbst belasten wollen. Denn die Schweizer Jihadisten haben die Hoffnung nicht aufgegeben, eines Tages doch noch in ihr Heimatland zurückzukehren, obwohl der Bundesrat solchen Plänen eine klare Absage erteilt hat.

Attentate als Antwort auf die französische Aussenpolitik: Jihadist Damien G.

Die drei Männer haben insgesamt vier Kinder, die mit ihren Müttern ebenfalls von den Syrian ­Democratic Forces interniert sind, an einem anderen Ort. Die Rückkehr von Erwachsenen mit Schweizer Staatsbürgerschaft hat der Bundesrat kategorisch ausgeschlossen. Jene der Kinder nicht.

Der inzwischen 25-jährige Daniel D. ist schweizerisch-spanischer Doppelbürger und in Genf aufgewachsen. Er begann eine Maurerlehre, brach diese aber ab, nachdem er vor etwa fünf Jahren zum Islam konvertierte.

Fixpunkte seiner Radikalisierung waren die grosse Moschee von Petit-Saconnex und ein kleines tunesisches Restaurant im Genfer Quartier des Pâquis. An beiden Orten bewegte er sich in einer Gruppe von Extremisten, zu denen auch Ramzy B. gehörte. Im Restaurant lernte er ausserdem den Tunesier Anas B. kennen. «Als ich in die Moschee von Petit-Saconnex kam, war Ramzy B. einer der Ersten, der mit mir sprach. Er hat mir ungefähr alles beigebracht: den Islam, Arabisch, und er hat mir gesagt, dass wir die Schweiz verlassen und nach Syrien gehen sollten.»

«Nichts Böses getan»

Mitte 2015 reiste Daniel D. gemeinsam mit Ramzy B. und dessen Bruder Aymen von der Türkei zum IS nach Syrien. Nach militärischem und ideologischem Training sei er im Bataillon «Anwar al-­Awlaki» eingeteilt worden, benannt nach einem berüchtigten amerikanisch-­jemenitischen Al-Qaida-Terroristen, ­erzählt er. Ramzy B. sei im Auslands­geheimdienst des IS, dem Amniyat al-Kharji, aufgestiegen und habe Terroranschläge in Frankreich und Italien geplant. «Sie wollten ein Attentat auf eine Kirche durchführen, wenn ich mich richtig erinnere», erzählt Daniel D. «Es war ein Ort in Frankreich, der La Défense heisst.»

Überwachungsbilder aus einem Gefängnis in Syrien. Fotos: Gabriel Chaim

Doch in der Défense, dem Pariser ­Finanzdistrikt, kam es zu keinem Anschlag. Ramzy B. wurde laut dem Genfer Konvertiten im April 2018 von einer Drohne getötet. Anas B., der Tunesier aus dem Restaurant im Quartier des Pâquis, sei ebenfalls bei einem Luftangriff der Koalition umgekommen, und zwar, als er in einem IS-Gefängnis einsass.

Obwohl es Fotos von ihm als IS-Kämpfer mit Waffen gibt, behauptet ­Daniel D., nichts Böses getan zu haben. Er habe zwar abgeschnittene Köpfe und dergleichen gesehen, sei aber nie bei einer ­Enthauptung anwesend gewesen. Nur ­einmal habe er erlebt, wie jemandem die Hand abgehackt worden sei.

Kaum Reue

Reue zeigt er kaum – mehr Wut darüber, dass der IS Unschuldige getötet und gefoltert habe. Er selber sei auch 33 Tage ins Gefängnis geworfen und vom IS gefoltert worden. Er sehe daher nicht ein, warum er nach einer Rückkehr in die Schweiz für die Verbrechen von anderen büssen solle. Er sei nur nach Syrien gekommen, um in einem islamischen Staat nach den Gesetzen des Korans zu leben, nicht um zu schiessen.

Am meisten von dem Trio lügt nachweislich der heute 29-jährige Lehrabbrecher und Konvertit Damien G. Er hatte sich schon 2013 in Syrien der dortigen Al-Qaida-Filiale angeschlossen und wechselte 2014 zum IS. Dort, so behauptet er heute, habe er keine Waffen getragen und in Spitälern als Physiotherapeut gearbeitet. Etwa zu jener Zeit schrieb er aber auf Facebook – auch an die Adresse der Schweizer Bürger: «Wir anerkennen eure falschen Gesetze (…), eure Verfassungen und eure Werte nicht (…). Zwischen euch und uns ist Feindschaft und Hass für immer erklärt, bis dass ihr allein an Allah glaubt.» Und er lud ein Bild eines Sprengstoffgürtels hoch, in den er einen Schweizer Pass gesteckt hatte.

«Ich bereue nicht, nach Syrien gekommen zu sein, aber ich bereue es, dass ich mich vom IS habe manipulieren lassen.»Damien G.

Heute wünscht sich Damien G., dass man ihn in die Schweiz zurückholt, und er beruft sich dabei auf die Genfer Konvention und die Menschenrechte. Er sei enttäuscht vom NDB, der nie nach ­Syrien gekommen sei, um ihn zu ver­hören. Als die Kamera nicht läuft, lässt Damien G. durchblicken, dass er über wichtige Informationen verfüge, die er aber nur Ermittlern erzählen wolle.

Von den Anschlägen in Paris 2015 habe er nicht im Voraus gewusst – diese Zeitung hatte geschrieben, dass er sein Umfeld in der Schweiz wenige Stunden vor den Attentaten gefragt habe, ob sich jemand gerade in Paris aufhalte. «Ich bin gegen Anschläge in Europa, besonders wenn diese Frauen und Kinder treffen.» Im gleichen Atemzug sagt er emotionslos, dass Attentate wie auf das Pariser ­Bataclan-Konzertlokal die Antwort auf die französische Aussenpolitik seien. Weil die Franzosen Muslime in Syrien, im Irak oder in Mali töteten, breite sich der Krieg eben auch in ihrem Land aus.

Bedauern, ausser über seine gegenwärtige Lage, ist bei Damien G. kaum zu spüren. «Ich bereue nicht, nach Syrien gekommen zu sein, aber ich bereue es, dass ich mich vom IS habe manipulieren lassen.» Er selbst habe nichts Falsches gemacht, denn er will ja nur in einem Spital gearbeitet haben.

Für die Fehler bezahlen

Damien G. und Daniel D. wurden erst nach der Schlacht von Baghuz gefangen genommen, bei der im März 2019 die letzte syrische Bastion des IS fiel. Ajdin B. aus Lausanne hat sich dagegen schon vor rund zwei Jahren den SDF ergeben. Daniel D. und Damien G. sind als wesentlich extremer einzuschätzen, weil sie fast bis zum bitteren Ende beim IS ausharrten. Ajdin B. wollte sich der Terrororganisation dagegen schon viel früher entziehen. Fluchtpläne diskutierte er nachweislich schon vor Jahren am Telefon mit der Waadtländer Kantonspolizei.

So gesehen, ist es nicht erstaunlich, dass er der Einzige des Trios ist, der wirklich zu bereuen scheint. Seiner ­Familie lässt der 26-jährige ehemalige Sozialhilfeempfänger ausrichten, dass es ihm sehr leid tue, sich dem IS angeschlossen zu haben. «Das war ein grosser Fehler, ich bereue das sehr. Es macht nichts, wenn ich in der Schweiz zehn Jahre lang ins Gefängnis muss. Ich bin bereit, für meine Fehler zu bezahlen.»

* Dieser Text stützt sich unter anderem auf Interviews, die der türkisch-kurdische Journalist Serkan Demirel für seine Masterarbeit in Nahoststudien an der Universität Genf geführt hat. Seit 2012 lebt Demirel im Exil in der Schweiz, wo er als freier Journalist oft für kurdische Medien arbeitet. Im August und September hat er 20 durch die Kurden gefangen genommene europäische IS-Kämpfer in Nordsyrien ­befragt, darunter Daniel D. und Damien G. Die Interviews fanden auf Französisch und unter der Aufsicht von Wärtern statt.

Erstellt: 18.12.2019, 06:16 Uhr

Schweizer im Jihad

Nach Recherchen dieser Zeitung ­befinden sich aus der Schweiz neben den drei im Haupttext erwähnten Jihadisten noch zwei von deren Ehefrauen und insgesamt sieben Kinder in kurdischer Gefangenschaft. Die Kinder im Alter von circa 18 Monaten bis 13 Jahren haben zum Teil andere Väter. Sie alle haben das Schweizer Bürgerrecht. Hinzu kommen noch mindestens acht weitere Schweizer, die sich im Konfliktgebiet aufhalten – unter ihnen eine Frau aus Biel mit ihrem Kind. In die Schweiz zurückgekehrt sind laut NDB inzwischen 16 Jihad-Reisende. Einer von ihnen wurde per Strafbefehl verurteilt. Ein anderer, Sandro V. aus Winterthur, wartet auf seinen Prozess, der 2020 stattfinden soll. (red)

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