Schweizer Politiker im Auto-Complete-Test

Wenn genügend oft nach einer bestimmten Begriffskombination gegoogelt wird, zeigt die Suchmaschine diese Kombination automatisch an. Wie steht es bei Schweizer Politikern? Offenbart Google Brisantes über sie?

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Sollten wir uns alle künftig überlegen, welche Konsequenzen es hat, wenn wir diese oder jene Begriffskombination in die Suchmaschine Google eingeben? Könnte es einen unserer Politiker gar sein Amt kosten, wenn genügend viele Menschen nach seinem Namen und dem Wort «korrupt» suchen würden? Denn dann geschieht nämlich, was der Frau des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten widerfahren ist: Google ergänzt den eingegebenen Namen Bettina Wulff automatisch um weitere Begriffe, und manch ein Internet-User könnte geneigt sein zu glauben, die Suchbegriffe würden der Wahrheit entsprechen.

Doch Bettina Wulff will sich ihren Namen nicht besudeln lassen mit Begriffen wie «Escort» und «Prostituierte» und reichte deshalb vergangene Woche Klage gegen Google ein (wir berichteten). Sollten unsere Politiker also auch vermehrt ihr Image berichtigen lassen auf Google? Sollten sie sich vermehrt selbst googeln, um zu überprüfen, welche Details Google über ihr Leben zu wissen glaubt? Oder sind wir Schweizer Internet-User so diskret, dass wir auch online unsere Politiker nicht ausquetschen mögen?

On oder off?

Als Erstes fällt auf, was für Gwundernasen wir in Bezug auf den Familienstand bekannter National- und Ständeräte sind. So scheint der Babyboom im Parlament im vergangenen Jahr die Google-User mehr interessiert zu haben als politische Geschäfte: Gleich bei drei bekannten Politikerinnen zeigt die Suchmaschine als Erstes die Kombination Name plus «Baby» an (Pascale Bruderer, Evi Allemann und Ursula Wyss).

Bei Nationalrätin Chantal Galladé interessieren gleich Kind und Mann: Die meistgesuchte Kombination bei der Winterthurer SP-Frau – «schwanger» (Galladé gebar 2004 als eine der ersten Politikerinnen während ihrer Amtszeit ein Kind) – ist dicht gefolgt von den offenbar häufigen Suchanfragen «Chantal Galladé Daniel Jositsch» und «Adresse». Die Liebeswirren zwischen den beiden Politikern – mal sind sie ein Paar, dann wieder nicht mehr («Blick» berichtete) und nun schliesslich doch wieder (wir berichteten) – interessieren das Wählervolk.

Trennung vor Bundesratskandidatur

Kein Begriff wird im Zusammenhang mit 58 bekannten National- und 18 Ständeräten so oft gesucht wie «Freund» oder «Freundin» beziehungsweise «Mann» und «Frau». Ein Auszug: Gibt man Martin Bäumle in die Suchmaschine ein, schlägt sie als Erstes die Suchkombination «Frau» vor. Folgt man diesem Vorschlag, liefert einem Google eine Auswahl an Links zu News-Seiten. Denn Bäumle offenbarte im November letzten Jahres gegenüber der Presse, er habe seine Frau in einem Striplokal kennengelernt.

Sie galt als heisse Anwärterin auf den frei werdenden Bundesratssitz von Moritz Leuenberger: Die Zürcher Nationalrätin Jacqueline Fehr. Doch als sie im Juli 2010 die Trennung von ihrem Mann bekannt gab, schien dies mehr zu interessieren als ihre offizielle Kandidatur als Bundesrätin im August 2010. Die Trennung rangiert bis heute auf Platz vier in den Suchbegriffen (auf ihre Bundesratsambitionen stösst nur, wer konkret danach sucht). Platz eins, zwei und drei sind «Managed Care», «079» und «Nationalrat».

Interessieren wir uns nur für Klatsch und Tratsch?

Aber auch nach anderen privaten Details wird fleissig gegoogelt: An der Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Badran scheint am meisten zu interessieren, wie sie den Absturz des Crossair-Fluges LX3597 bei Bassersdorf als eine von neun Überlebenden erlebt hat. Auch die Brustkrebserkrankung von Ständerätin Verena Diener (GLP) im Jahr 2003 bewegt: Bis heute ist dies die Top-Suchbegriffskombination bei der Zürcherin.

Steht es also derart schlecht um unser Interesse an der Politik? Interessiert sich das Schweizer Wählervolk mehr für Klatsch und Tratsch als für Sachpolitik? Immerhin wählen wir unsere Vertreter in den National- und Ständerat und sollten doch eher auf dem Laufenden sein, welche politischen Themen sie verfolgen oder welche Vorstösse sie lancieren. Zur Beruhigung sei dies gesagt: Bei der Mehrheit der abgefragten National- und Ständeräte spuckte die Autocomplete-Liste unverfängliche Kombinationen wie Beruf, Parteizugehörigkeit und allenfalls den Wohnort aus. Ein Beispiel gefällig? Nationalrat Caspar Baader. Seine Topliste: «Anwalt», «SVP» und «Gelterkinden».

Ein Toupet on top

Zu toppen vermögen all diese Suchanfragen nach pikanten privaten Details nur noch zwei Herren: Mit der Gefahr der Verwechslung ist der Zuger Nationalrat Gerhard Pfister konfrontiert: Rasch könnte man sich in die Irre führen lassen im Glauben, er sei öfters im Fitnessstudio als im Parlament anzutreffen. Denn er hat einen deutschen Namensvetter, der offenbar in der Bodybuilderszene ein Begriff ist.

Trägt er eins, oder trägt er keins? Diese Frage scheint dem Wähler im Zusammenhang mit dem Aargauer Nationalrat Luzi Stamm derart unter den Nägeln zu brennen, dass sie es auf die Top-Position der Autocomplete-Liste geschafft hat – noch vor seinem Berufsstand als Rechtsanwalt und seiner Tätigkeit als Nationalrat. Die Rede ist nicht etwa von einem Ansteckmikrofon während der Sessionen, nein, vielmehr interessiert die Bedeckung seines Hauptes. Seit er vor Jahren einmal ein neues Passfoto ohne Glatze verschickte, ist klar: Der Herr trägt ein Toupet. Platz eins für das haarige Outing.

Erstellt: 14.09.2012, 10:38 Uhr

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