Schweizer Roma fühlen sich von Alain Berset ignoriert

Die Minderheit kämpft um Anerkennung. Jetzt erleidet sie dabei einen Rückschlag.

In die Feier mischt sich Enttäuschung: Berset an der Feckerchilbi in Bern. Foto: Anthony Anex (Keystone)

In die Feier mischt sich Enttäuschung: Berset an der Feckerchilbi in Bern. Foto: Anthony Anex (Keystone)

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Das war Salz auf die Wunden der Volksseele. Als Bundesrat Alain Berset (SP) letzte Woche die Feckerchilbi in Bern eröffnete, das jährliche Treffen der Jenischen, begrüsste er nur die Jenischen und die Sinti – aber nicht die ebenfalls anwesenden Roma. Kemal Sadulov, Präsident des Vereins Romano Dialog, war enttäuscht. Er hat es Alain Berset nach der Rede gesagt, ist aber nicht sicher, ob seine Botschaft beim Bundesrat angekommen ist – der Andrang von Besuchern und Medienschaffenden war gross. Berset hatte die Jenischen und Sinti zu deren Freude beim Namen genannt (und nicht etwa verallgemeinernd von «Fahrenden» gesprochen).

«Die Feckerchilbi ist das Fest der Jenischen und Sinti», sagt Peter Lauener, Sprecher in Bersets Innendepartement, auf Anfrage. Das sei der Grund, weshalb der Bundesrat die Roma nicht ausdrücklich erwähnt habe. Historiker Thomas Huonker bedauert das. «Dass Berset die Roma nicht wenigstens bei der Begrüssung erwähnt hat, war stossend.» Angela Mattli, Kampagnenleiterin der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), spricht von einer verpassten Chance, «eine Brücke zu bauen».

Jenische und Sinti gelten seit 2001 als nationale Schweizer Minderheiten. Die Roma hingegen noch nicht. Ihr Gesuch um Anerkennung ist seit Frühling 2015 bei der Völkerrechtsdirektion des Aussendepartements von Didier Burkhalter (FDP) pendent. Mit einer Erwähnung der Roma in seiner Feckerchilbi-Rede hätte Berset die politisch angespannte Situation entkrampfen können, glaubt Angela Mattli.

«Keine normalen Leute»

Faktisch hat die Anerkennung zwar nur symbolischen Wert. Doch indirekt habe sie auch Auswirkungen auf den Alltag, sagt Mattli. In jüngster Zeit habe der Rassismus gegen die genannten Minderheiten massiv zugenommen, was die GfbV auch zu juristischen Schritten veranlasst.

Ein Beispiel sei der Lysser Gemeinderat Jürg Michel, der im Juni an einer Gemeindeversammlung «die Zigeuner» beleidigte («Wenn man sie nicht vom Sehen her kennt, dann spätestens mit der Nase»). Anfang September konnte sich auch der Bieler GLP-Grossrat Nathan Güntensperger nicht beherrschen. Es sei immer wieder erstaunlich, wie Medien und Wissenschaftler «uns weismachen wollen, Roma wären ganz normale Leute», schrieb er in einem Leserbrief im «Bieler Tagblatt». Er wisse, dass dem nicht so sei, denn «normale Leute machen folgende Sachen nicht: Abmachungen nicht einhalten, lügen, stehlen, versuchter Betrug, Vandalismus, Toiletten absichtlich verunreinigen (...)» Die Tirade ging noch weiter.

Schweizweit rund 80'000 Roma

Die GfbV klagt gegen den Lysser Gemeinderat wegen Verletzung der Antirassismusstrafnorm. Ebenso prüft sie eine Klage gegen den Berner Grossrat aus Biel. Angela Mattli ist überzeugt: «Eine Anerkennung der Roma würde helfen, Vorurteile in der Bevölkerung abzubauen.» Die Roma könnten ihre Kultur selbstbewusst leben, die Öffentlichkeit würde mehr über die Sprache und traditionelle Lebensweise erfahren. Das glaubt auch Historiker Thomas Huonker: «Die grosse Mehrheit der schweizweit rund 80'000 Roma versteckt ihre Identität aus Angst vor negativen Folgen im Berufs- oder Privatleben.» Roma seien immer noch stark stigmatisiert und befürchteten, dass man ihnen mit gemischten Gefühlen begegne, wenn sie ihre Herkunft preisgäben.

Huonker, der sich seit Jahren für die Minderheiten einsetzt, hat im Auftrag des Vereins Romano Dialog ein Gutachten verfasst, das vor wenigen Tagen fertiggestellt und der Völkerrechtsdirektion übergeben wurde. Mit diesem Gutachten, so hoffen die Roma, werde ihr Gesuch um Anerkennung bald und positiv beantwortet. Die Völkerrechtsdirektion hatte Belege für die Präsenz der Roma in der Schweiz und für ihre gemeinschaftliche Organisation verlangt. Ist eine Volksgruppe zu zerstritten und fragmentiert, ist eine offizielle Anerkennung wenig wahrscheinlich.

Länger hier als manche Kantone

Doch gerade die Präsenz in der Schweiz ist für Roma schwierig zu beweisen, schreibt Huonker in seinem Gutachten, weil die Minderheit kaum je geduldet war. Erstmals niedergelassen haben sich Roma 1418, doch ab 1471 wurden sie vertrieben. Die liberale Revolution von 1848 brachte den Minderheiten kurzzeitig ein Niederlassungsrecht, ab 1888 waren sie wiederum verboten. Erst 1972 wurde die «Grenzschliessung gegen Zigeuner» definitiv aufgehoben.

Unter diesen Umständen sei es zynisch, die territoriale Ansässigkeit der Roma zur Bedingung für ihre Anerkennung zu machen, sagt Huonker. Die heute überwiegend sesshaften Schweizer Roma würden noch immer kaum wahrgenommen, obwohl es mit 80'000 ziemlich viele seien. Der Grund: «Der öffentliche Fokus ist auf die punktuelle Anwesenheit ausländischer Fahrender gerichtet. Und die Debatte wird durch die künstlich aufrechterhaltene Knappheit an Standplätzen befeuert.»

Die Schweizer Roma seien ihrem Land sehr verbunden, so Huonker. Immerhin seien sie 1418 erstmals hier präsent gewesen – «noch vor dem Beitritt einiger Kantone zur Eidgenossenschaft».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.09.2016, 08:17 Uhr

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