Hintergrund

Schweizer Sperma beglückt die Welt

Viehzüchter in Polen und Österreich setzen auf Schweizer Stiere. Die Marktführerin Swissgenetics hat im letzten Geschäftsjahr 550'000 Portionen Rindersamen exportiert. Das sind zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

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Zweimal die Woche wird abgesamt. Der Stier besteigt in der Sprunghalle Mülligen den Bock und ejakuliert in eine Gummivagina. Seine Stierkollegen gucken ihm vom Manegenrand her zu, die beringten Nasen an Eisenpollern festgebunden. «Das Zusehen regt sie an, macht sie, auf gut Deutsch, spitz», sagt Hans-Ulrich Moser von Swissgenetics. Lässt man den Muni antreten, ohne dass er vorher dem Kollegen zusah, so erhält man qualitativ schlechteres Sperma.

Dünner Samen lässt sich nicht verkaufen. Seit 1960 ist Swissgenetics die führende Anbieterin von Schweizer Stiersperma. Sie beliefert Züchter und Zwischenhändler auf der ganzen Welt und hat einen Jahresumsatz von rund 55 Millionen Franken. Bis Mitte der 90er-Jahre hiess die Firma noch Schweizerischer Verband für Künstliche Besamung und hatte eine Monopolstellung in der Schweiz. Seit 2004 konzentriert sie sich unter englischem Namen vermehrt auch auf das Exportgeschäft.

Dieses boomt: Im letzten Geschäftsjahr wurden 556'352 Samendosen ins Ausland verkauft, 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Seit 2004 hat sich der Export versechsfacht. Vor allem in Polen, Österreich, Rumänien und der Türkei ist der Schweizer Samen begehrt, aber auch auf den Weiden Lateinamerikas und in ganz Westeuropa werden damit Kälber gezeugt. Simmental, Brown Swiss und Red Holstein sind die meistverkauften Rassen.

«Dürfen, nicht müssen»

Bei der künstlichen Besamung wird der Mutterkuh Sperma von Menschenhand eingesetzt. Das hat aus Züchtersicht den Vorteil, dass man nicht mehr auf den erstbesten Deckstier vom Nachbarhof angewiesen ist. Man kann seine Kühe von internationalen Stars begatten lassen. Produziert ein Bulle über Jahre Nachwuchs von aussergewöhnlicher Fleischigkeit oder überdurchschnittlicher Milchkraft, so kann es sich lohnen, dessen Samen zu bestellen.

Swissgenetics gewinnt ihr Sperma im Produktionszentrum Mülligen AG. Auf dem Hof leben rund 150 hauseigene Stiere, zweimal pro Woche müssen alle auf den Bock. «Dürfen, nicht müssen», sagt Exportchef Moser. «Die Stiere machen das gern.» Die Form des Bocks ist nicht wirklich kuhähnlich, genügt aber, um im Stier den Trieb zu wecken.

Auch «gesexte» Dosen im Angebot

Das Sperma wird in einem Glas aufgefangen, unterm Mikroskop geprüft und in bunte Plastikröhrchen abgefüllt. Ein Sprung ergibt zwischen 50 und 1200 Röhrchen, je nach Stier und Tagesform. Die Röhrchen, genannt Samendosen, werden verschweisst, tiefgefroren und in flüssigem Stickstoff gelagert. Einen Monat bleiben sie in Quarantäne. Sollte ein Spenderstier plötzlich erkranken, hätte man Zeit, den Samen zu entsorgen.

Stickstoff, Hightech, Bullenlust: Die Kombination sei zwar nicht alltäglich, aber auch keine Hexerei, findet man bei Swissgenetics. Schliesslich verkaufe man naturbelassenen Samen. Am Erbgut wird nichts verändert. Höchstens umsortiert: Seit einigen Jahren werden auch «gesexte», also geschlechtergetrennte Samendosen verkauft. Eine Maschine trennt vor der Abfüllung die X- und Y-Chromosomen. So kann der Kunde wählen, ob aus der Samendose Kuh oder Bulle entstehen soll.

Mehrsprachige Stierkataloge

Verschifft wird das kalte Sperma in milchkannenartigen Kühlkanistern. Im Lager warten Dutzende Behälter auf den Versand. «Nicaragua» steht handgeschrieben auf dem einen, «Iran» auf dem zweiten. «Der für den Iran ist schon seit zwei Jahren fertig», sagt ein Mitarbeiter. Aber ständig fehle irgendein Dokument für die Einfuhr. Im Stickstoff bei minus 196 Grad bleibt Rindersamen fast unbeschränkt haltbar. «Wir haben in unserem Lager noch Sperma aus den 60er-Jahren», sagt Hans-Ulrich Moser. Proben von jedem Stier wandern ins Archiv.

Für den Anstieg des Schweizer Samenexports gibt es mehrere Ursachen. Ein wichtiger Grund ist, dass Swissgenetics seit 2004 das Vertriebsnetz des kanadischen Händlers Semex mitbenutzen kann. Semex ist ein Branchenriese, verkauft mehrere Millionen Samendosen pro Jahr. Dank ihm hat Swissgenetics Zugang zu 110 Abnehmern in 80 Ländern. Die Schweizer liefern direkt und zahlen den Kanadiern eine Kommission.

«Das gute Image der Schweiz spielt sicher eine Rolle»

Weshalb aber sollten brasilianische oder österreichische Züchter sich Nachwuchs von Schweizer Stieren wünschen? «Das gute Image der Schweiz spielt sicher eine Rolle», sagt Exportchef Moser. Das Geschäft mit dem Stiersperma funktioniere zwar anders als das mit den Luxusuhren, doch die hohen Schweizer Produktions- und Lieferstandards seien im Ausland bekannt.

Hinzu kommt gezielte Werbung: Moser und sein vierköpfiges Team besuchen Tierausstellungen auf der ganzen Welt und verteilen mehrsprachige Stierkataloge. Darin werden die Bullen der Swissgenetics einzeln vorgestellt. Pro Stier werden auch gegen 100 seiner Töchter vermessen, vom Euter bis zum Huf, sodass eine Statistik Aufschluss über die Gestalt und Produktivität des Nachwuchses geben kann.

Simmentaler Kuh aus Polen

Mancherorts ist spezifisches Rassensperma gefragt. Polen etwa hat einen grossen Bestand an Kühen der Rasse Simmental und importiert deshalb Samen von reinrassigen Simmental-Stieren. Die polnische Population gibt es schon seit mehr als 150 Jahren. Damals trieben Schweizer Hirten und Händler grosse Herden nach Nord- und Osteuropa. Die ruhigen, zutraulichen Simmentaler Rinder wurden auch als Transporttiere verwendet. Schon 1871 gewann ein polnischer Züchter mit einer Simmentaler Kuh die Goldmedaille auf einer Wiener Viehmesse. Laut dem polnischen Fleckviehzuchtverband erlebt das Simmentaler Vieh seit den 90er-Jahren einen Popularitätsschub. Heute zähle die Population mehr als 30'000 reinrassige Tiere, Tendenz steigend. Swissgenetics verkauft den Samen über eine lokale Firma mit Schweizer Kreuz und unter der Aufschrift «Original Simmental».

Expansion nach China?

In Österreich sind die Züchter an zähem Braunvieh interessiert, an robusten Tieren, die mit alpinen Verhältnissen zurechtkommen. «Den Österreichern gefällt unsere Philosophie der Ganzheitlichkeit. Die wollen keine Leistungsextreme, sondern gesunde Tiere», sagt Hans-Ulrich Moser. Österreich kaufe im Hochpreissegment ein. «Durchschnittliches Sperma haben sie selber», sagt Moser. Der Preis pro Samendose variiert zwischen einem und 30 Euro.

Auch in China würde Swissgenetics gerne Fuss fassen. Einfach wird das nicht. Eben hat eine Schweizer Delegation einen Hof bei Shanghai besucht. Die 300 Kühe im Stall hat Moser als «Turbogenetik aus Amerika» identifiziert: Hochleistungsvieh. Selbst deren Heu sei extra aus Kalifornien und Australien angeschifft worden. Mit so etwas will Moser nicht konkurrieren: «Ich bin kein Grüner, aber das ist nicht in Ordnung.» Extreme Produktionswerte von über 11'000 Kilogramm Milch pro Kuh und Jahr seien nicht das Ziel von Swissgenetics. Dennoch bleibe man an China dran. Sollte sich die Nachfrage von der Höchstleistung zur Hochwertigkeit verschieben, so steht die Schweiz auch in dieser Exportbranche bereit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2012, 07:09 Uhr

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