Schweizer Studenten sind auslandscheu

Trotz Erasmus bleiben viele Studierende lieber in der Schweiz – und kommen so schneller zu ihrem Diplom.

Zuhause ist es am schönsten: Lichthof der Universität Zürich.

Zuhause ist es am schönsten: Lichthof der Universität Zürich. Bild: Keystone

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Schon im Mittelalter schickte man die besten Studenten ins Ausland. Sie sollten an einer Universität lernen, die im jeweiligen Bereich führend ist. Wollte man Recht studieren, ging man nach Bologna, für Theologie nach Paris. Heute sind kulturelle Motive für den Austausch wichtiger geworden. Ein junger Mensch bewegt sich in einer anderen Kultur, reift durch die Erfahrung.

Während die Möglichkeit des studentischen Austausches in vielen Ländern rege genutzt wird, hinkt die Schweiz im europäischen Vergleich hinterher. Mit nur 6,3 Prozent ist die Quote von der in der Schweiz Studierenden, die eine gewisse Zeit ihres Studiums im Ausland verbringen, relativ tief. Dies zeigt ein Bericht des Bundesamtes für Statistik (BFS) über die Mobilität der Studierenden, der 2011 veröffentlicht wurde. Da die Befragung der Hochschulabsolventen nur alle zwei Jahre stattfindet, sind keine aktuelleren Daten verfügbar.

Lieber schneller zum Abschluss

Durch die Teilnahme am Erasmus-Programm wagten sich in den letzten Jahren zwar mehr Studenten ins Ausland, doch die politischen Richtlinien der Bologna-Reform dürften in den nächsten Jahren nicht erreicht werden. Die Erwartung im europäischen Hochschulraum wäre, dass 20 Prozent der Studenten einen Austausch machen. Direkte Konsequenzen habe dies, laut Antonio Loprieno, Präsident der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten, für die Bologna-Reform nicht. «In der Tat ist aber die Mobilitätsquote von Schweizer Studierenden im internationalen Vergleich tief», sagt Loprieno.

Dies liege daran, dass das Studium durch die Einführung von Bologna und dem damit verbundenen Punktesystem von Grund auf verändert wurde. Zwischen Bachelor und Master wurde eine Trennung vorgenommen. Viele Studenten gewichteten eine kürzere Studiendauer höher als den kulturellen Austausch. Dieses ökonomische Denken halte viele von einem Auslandjahr ab. Erasmus hat den administrativen Aufwand für einen Austausch stark reduziert. So würden im Durchschnitt für die dort erbrachten Leistungen mehr Punkte angerechnet als in einem selbst organisierten Aufenthalt, sagt Sarah Gerhard, Autorin des Mobilitätsberichts des BFS. Als sogenannte Free Mover können Studierende auch selbst die Initiative ergreifen und sich direkt bei einer Gasthochschule um eine Zulassung bewerben.

Nur jeder Vierte

Auf den ersten Blick scheint dies nach den jüngsten Ereignissen für Schweizer Studierende eine attraktive Möglichkeit zu sein, auch ohne Austauschprogramm ein Gastsemester zu besuchen. Zudem kann die Hochschule frei gewählt werden. Doch Zeit ist den Studenten kostbar, wie der Bericht zeigt. Nach der finanziellen Mehrbelastung und der Verlängerung der Studiendauer ist der Zeitaufwand eines der Hauptgründe, warum sie sich gegen einen Aufenthalt im Ausland entscheiden.

Der finanzielle Aspekt ist noch wichtiger: Die Schweiz gehört zu den drei Ländern, bei denen die Eltern mit 60 Prozent die Hauptfinanzierungsquelle für den Studienaufenthalt sind. Auch der Anteil der Studenten, die das Geld für den Aufenthalt mit eigener Erwerbstätigkeit aufbringen, ist im europäischen Vergleich sehr hoch. Die Stipendien in diesem Bereich sind in der Schweiz tiefer als in vielen anderen europäischen Ländern. Dies erklärt, warum Studierende mit Eltern ohne Hochschulabschluss aus finanziellen Gründen eher in der Schweiz mobil sind. Die Binnenmobilität ist insgesamt relativ hoch, unterscheidet sich aber stark nach Hochschultyp und Ausbildungsform. Über 80 Prozent der Studierenden in einem berufsbegleitenden Fachhochschulstudium besuchen ein Austauschsemester im Inland. An den Universitäten tut dies nur noch jeder vierte der mobilen Studierenden.

Hoher symbolischer Wert

Mengenmässig könnte der Anteil der vom Erasmus-Aus betroffenen Schweizer Studenten höher sein. Doch geht es für Loprieno auch vor allem um das Signal, welches ausgesendet wird. Die Beteiligung an internationalen Austauschprogrammen habe einen hohen symbolischen Wert. Das Geld, um die Mobilität zu unterstützen, sei aber vom Parlament gesprochen, jetzt müsse man Wege ohne Erasmus finden, um es den Studierenden zugänglich zu machen.

Den ausländischen Studenten hingegen zahlen die europäischen Universitäten nun kein Stipendium mehr für Schweizer Hochschulen. Die erste Folge wird wohl sein, dass nicht Schweizer im Ausland ausblieben, sondern die ausländischen Studenten Schweizer Universitäten meiden.

Erstellt: 01.03.2014, 07:08 Uhr

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