Schweizer Tamilen: Kampf bis zum letzten Mann

Ihre Verwandten sterben in Sri Lanka, und dennoch fordern sie von den Tamil Tigers, den Kampf nicht aufzugeben – zu Besuch bei zwei eingebürgerten Tamilen-Familien in der Region Bern.

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Jeden Morgen und jeden Abend läuft bei der Familie Thangaraja* der Fernseher. Via Satellit empfangen sie tamilische Sender aus europäischen Ländern, die über die Lage im Kriegsgebiet in Sri Lanka berichten. Der Vater lebt seit 22 Jahren in der Schweiz und arbeitet in einem Restaurant. Die Mutter kam sechs Jahre später in die Schweiz und arbeitet als Putzfrau in einem Spital. Die drei Kinder wurden in der Region Bern geboren und gehen hier zur Schule. Sie sprechen breites Berndeutsch.

Der Sender berichtet über die Bombardierung des letzten Spitals in der sogenannten Sicherheitszone, wo die Kämpfer der Tamil Tigers zusammen mit schätzungsweise 50000 Zivilisten vom singhalesischen Militär umstellt sind. Mit starrem Blick verfolgt der Vater die Bilder der Toten. Bis vor einem Monat hielten sich auch sein Bruder, dessen Frau und ihre vier Kinder in der umkämpften Zone auf.

Alle sechs verloren das Leben

Sie flohen mit nichts als den Kleidern am Leib. Vom Bruder und von zwei der Kinder fehlt jede Spur. Vielleicht ging es ihnen wie der Schwester der Schwägerin, die mit ihren fünf Kindern auf Anweisung der Regierungssoldaten ihr Dorf verliess und sich in angeblich sicheres Gebiet begab. Noch auf dem Weg wurden sie wie auch andere Fliehende bombardiert. Alle sechs verloren das Leben.

Vielleicht sitzt der Bruder aber auch in einem Camp der Regierung fest. Weil sie befürchten, dass sich unter der geflohenen Zivilbevölkerung Kämpfer der LTTE befinden, halten die Regierungstruppen in zahlreichen Lagern 120000 Tamilen gefangen. Nachrichten aus diesen Lagern gelangen fast nur auf handgeschriebenen Zetteln nach draussen. Die tamilische Bevölkerung aus den Nachbardörfern, die manchmal Essen vorbeibringt, spielt den Postboten. Über Bekannte oder Verwandte gelangen diese Informationen via Telefon in die Schweiz. Nur so weiss die Familie Thangaraja*, dass die Schwägerin und zwei Kinder interniert und noch am Leben sind.

Verschleppte Jugendliche

Es klingelt. Zu Besuch kommt die Familie Sivaraja*. Es gibt Tee und Coca-Cola. Der Vater kommt von einer Mahnwache im Hof der Nydeggkirche. Normalerweise arbeitet er in der Küche eines Altersheimes. Seine Frau arbeitet als Hilfsarbeiterin in einer Fabrik. Der Sohn übersetzt für seinen Vater, der zwar seit 17 Jahren hier wohnt, wie alle anderen im Raum eingebürgert ist, aber nur wenig Deutsch spricht. Auch die Verwandten der Familie Sivaraja* wurden im Kriegsgebiet auseinandergerissen.

Als die Familie des Bruders vor den Regierungstruppen floh, trug sie den 95-jährigen Grossvater mit. Der Bruder wurde aber am Hals getroffen und liegt jetzt im Krankenhaus. Seine Frau, der Grossvater und die drei Kinder sind in drei verschiedenen Camps interniert worden.

Am meisten fürchtet sich die Familie Sivaraja* um Neffen und Nichten. Ein Knabe (17) und ein Mädchen (16) wurden in ein spezielles Lager in einer ehemaligen Technischen Schule gebracht, wo sie zu ihrer Beziehung zu den Tamil Tigers of Tamil Eelam (LTTE) befragt werden. Aus diesem Lager dringen kaum Nachrichten nach aussen. Niemand aus den beiden Familien habe sich aktiv am Kampf beteiligt, und dennoch befürchten alle das Schlimmste. Schon zahlreiche Jugendliche und junge Erwachsene seien von den Regierungstruppen entführt worden und spurlos verschwunden. Es gab auch Berichte über junge Frauen, die vergewaltigt und getötet wurden.

Anhänger der Tamil Tigers

Gesicherte Informationen sind kaum zu bekommen. Drei Journalisten des in London ansässigen Fernsehsenders Channel 4 sind unterdessen festgenommen und aus Sri Lanka ausgewiesen worden. Sie hatten das erste unabhängig gefilmte Material aus den Internierungslagern gebracht. Sie berichteten über Wasser- und Lebensmittelknappheit sowie über sexuellen Missbrauch. Die Regierung in Colombo wies dies zurück.

Die Familien Thangaraja* und Sivaraja* wollen nicht erkannt werden, weil sie befürchten, dass dies negative Auswirkungen für ihre Verwandten in Sri Lanka haben könnte. Sie wollen sich aber auch hier in der tamilischen Diaspora nicht zu stark exponieren, denn obwohl der grösste Teil der Tamilen wie sie hinter den Tigers steht, gibt es auch Unterstützer der Partei von Colonel Karuna, der früher als Mitglied der LTTE eine führende Rolle im Osten der Insel spielte.

2004 kam es zur Spaltung und zur blutigen gegenseitigen Bekämpfung der beiden Gruppen. Diese Spaltung hat entschieden zur militärischen Niederlage der LTTE beigetragen. Auch hier in der Schweiz sind die beiden Lager schon aneinandergeraten.

Für die Familien Thangaraja* und Sivaraja* sind alle Gruppen, die gemeinsame Sache mit den singhalesischen Regierungstruppen machen, Verräter. Den Tigers hingegen sprechen sie ihr volles Vertrauen aus. Dass die Tigers jetzt die eigenen Leute als Geiseln halten, betrachten sie als blosse Propaganda der Gegenseite. «Die Tigers sind nicht Terroristen, sie sind unser Militär; der Führer Prabhakaran ist unser Präsident, der Präsident der Tamilen.» Sie gehen auch davon aus, dass die meisten Tamilen in der Schweiz wie sie keine Kapitulation in der sogenannten Sicherheitszone wollen. Der Kampf gehe so oder so weiter, wenn nötig werde er von Frankreich, Kanada, der Schweiz oder England aus neu aufgebaut.

Enttäuscht über die Schweiz

Enttäuscht zeigen sich die beiden Familien von der offiziellen Haltung der Schweiz. Wenn im Gazastreifen Bomben fielen, so melde sich Aussenministerin Micheline Calmy-Rey schnell zu Wort. Im Falle von Sri Lanka sei es still geblieben, obwohl das Massaker weit grösser sei. Zumindest das Demonstrieren wollten sie sich nicht verbieten lassen, sagt der 21-jährige Sohn der Familie Sivaraja*. «Wenn die Bombardements wieder Hunderte von Toten gefordert haben, warten wir nicht auf eine Bewilligung für eine Demonstration», sagt er, «dann wollen wir auf die Strasse und der Welt unseren Schmerz zeigen.»

* Alle Namen geändert (Der Bund)

Erstellt: 16.05.2009, 09:52 Uhr

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