Pisa-Studie: Schweizer sind nur noch Mittelmass

Die Schweizer Jugendlichen schneiden in allen Fächern schlechter ab als noch 2015.

«Ich lese nicht zum Vergnügen»: Jugendliche haben weniger Freude an Büchern oder Zeitungsartikeln. Foto: Gaetan Bally, Keystone

«Ich lese nicht zum Vergnügen»: Jugendliche haben weniger Freude an Büchern oder Zeitungsartikeln. Foto: Gaetan Bally, Keystone

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Fast jeder vierte Jugendliche in der Schweiz ist leseschwach; er kann die Grundidee eines Textes nicht erkennen und auch dessen Informationen nicht nutzen. Der Anteil dieser leseschwachen Jugendlichen ist seit der letzten Pisa-Studie im Jahr 2015 um vier Prozentpunkte auf 24 Prozent gestiegen. So erreichten die 15-Jährigen in der neusten Pisa-Erhebung von 2018 bei der Lesekompetenz nur noch Mittelmass. Die Schweiz rangiert auf Platz 27, nach Deutschland und Frankreich, aber noch vor Italien.

Bei der Pisa-Erhebung lösten 15-jährige aus 79 Ländern Aufgaben zu Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. In der Schweiz beteiligten sich rund 6000 Schülerinnen und Schüler des Jahrgangs 2002.

Am besten – wenn auch leicht schlechter als 2015 – schneiden die Schweizer Jugendlichen in Mathematik ab. Überdurchschnittlich viele haben gute oder sehr gute Ergebnisse erzielt. In Europa sind nur noch die Esten besser.

Ebenfalls gut schnitten die Schweizer Jugendlichen in Naturwissenschaft ab. In allen drei Fächern führen China, Singapur und Macau jeweils die Liste an.

Die Freude sinkt

Schweizer Jugendliche können gemäss der Pisa-Studie nicht nur schlechter lesen als früher, sie haben auch deutlich weniger Freude daran. Vielen bereitet es keinen Spass mehr, ein literarisches Buch oder einen Zeitungsartikel zu lesen. Auf die Frage, wie oft sie in der Freizeit lesen, antworteten mehr als die Hälfte: «Ich lese nicht zum Vergnügen.» Das sind deutlich mehr als noch im Jahr 2000. Auch in den anderen untersuchten Ländern sinkt die Lesefreude.

Als Grund nennt die OECD den digitalen Wandel; das Smartphone habe die Art und Weise, wie Menschen Informationen lesen und austauschen, verändert. «Bücher werden heute von den sozialen Medien, von Netflix und anderen Freizeitbeschäftigungen konkurrenziert», sagt auch Dagmar Rösler, die Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH).

Würden die Jugendlichen lieber lesen, zeigt die Pisa-Studie auf, würden sie auch Texte besser verstehen. Silvia Steiner, die Präsidentin der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK), sagt: «Wir müssen uns fragen, wie es uns gelingt, dass Jugendliche wieder mehr Lust am Lesen bekommen.» In den Kantonen seien bereits eine Reihe von Projekten lanciert und Konzepte ausgedacht worden, um die Lesekompetenz zu erhöhen. Zum Beispiel für eine engere Zusammenarbeit zwischen Schulen und Bibliotheken. Aber: Auch die Eltern spielten eine wichtige Rolle.

Die Schulen ­versuchen heute viel stärker, auf das Individuum einzugehen.

Für Rudolf Minsch vom Wirtschaftsverband Economiesuisse haben die Anstrengungen der Schulen allerdings noch zu wenig gefruchtet. Jahrelang habe man der Schule viele zusätzliche Aufgaben aufgebürdet – etwa zwei Fremdsprachen auf Primarschulstufe. Dabei sei das Hochdeutsch essenziell für die gesamte Bildungskarriere; hier dürften keine Kompromisse gemacht werden.

Matthias Aebischer, SP-Nationalrat und Präsident des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung, macht derweil eine «Verluderung der Sprache» aus. Dagegen müsse die Schule ankämpfen. Die Schüler sollten viel schreiben und Texte lesen, die sie wirklich interessieren.«Das Beste, was geschehen kann, ist, dass die Kinder zum Beispiel ‹Harry Potter› entdecken und dann siebenmal durchschnittlich 600 Seiten lesen», sagt Aebischer.

Dafür, dass viele andere Länder beim Lesen besser abschneiden, hat der Nationalrat eine Erklärung. Hochdeutsch sei in der Schweiz noch immer eine Fremdsprache. In Frankreich müssten die Schüler nur lernen, so zu schreiben, wie sie auch sprechen. Für Migranten sei es in der Schweiz sogar noch schwieriger: Hochdeutsch sei ihre zweite Fremdsprache. Wie der OECD-Bericht auch zeigt, ist die Zahl der Jugendlichen mit Migrationshintergrund in der Schweiz zwischen 2009 und 2018 um 10 Prozentpunkte gestiegen, was überdurchschnittlich ist.

Kinder früh fördern

Insbesondere fremdsprachige Kinder aus finanziell schlechtgestellten Familien schneiden in allen Fächern unterdurchschnittlich ab. «Wir müssen über die Chancengerechtigkeit sprechen», sagt Dagmar Rösler vom LCH. Die Schulen müssten vor allem Kinder im Vorschulalter stärker fördern. Heute kämen Mädchen und Knaben in den Kindergarten, die kaum Deutsch verstünden und gleichzeitig aus finanziell schlechtergestellten Familien kämen. Dieses Defizit könnten sie während ihrer ganzen Schulkarriere kaum mehr aufholen.

Eine weitere Massnahme, die bereits umgesetzt wird, ist, dass Kinder und Jugendliche ihre Hausaufgaben vermehrt in der Schule und nicht zu Hause lösen, damit alle die gleichen Chancen haben. «Chancengleichheit haben wir nie», sagt EDK-Präsidentin Silvia Steiner. Doch die Schulen versuchten heute viel stärker, auf das Individuum einzugehen und die Fähigkeiten der Kinder gezielt zu fördern.

Erstellt: 03.12.2019, 21:43 Uhr

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