Schweizer ziehen ihr Schwarzgeld aus Liechtenstein ab

Steuerhinterzieher fürchten den geplanten automatischen Informationsaustausch mit dem Fürstentum.

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582 St. Gallerinnen und St. Galler sind vergangenes Jahr auf das Steueramt gegangen, manche in Begleitung ihres Treuhänders oder gar ihres Anwalts, und haben sich selber angezeigt. Ihr Vergehen: Steuerhinterziehung. Zusammen haben sie 169 Millionen Franken Schwarzgeld offengelegt, einen grossen Teil davon hatten sie im benachbarten Liechtenstein versteckt. Felix Sager, Leiter des Kantonalen Steueramts, war darob nicht erstaunt. Erstaunt hat ihn jedoch, wie viel es war: 72 Millionen Franken. Und dieses Jahr, so ist er überzeugt, kommt in Liechtenstein noch mehr Schweizer Schwarzgeld zum Vorschein.

Schweizer Steuerhinterzieher sind nervös – die Liechtensteiner Finanz­institute müssen voraussichtlich schon nächstes Jahr im Rahmen des automatischen Informationsaustauschs (AIA) Daten ihrer Kundinnen und Kunden sammeln, 2019 sollen das Fürstentum und die Schweiz erstmals Daten austauschen – und erfahren so vom Schwarzgeld ihrer Steuerpflichtigen.

Kommts zum Schlussspurt?

«Die 72 Millionen Schwarzgeld sind nur ein Anfang», sagt auch Christoph Lehmann vom St. Galler Beratungsunternehmen Steuerpartner. Da die Steuerpflichtigen erfahrungsgemäss bis zum letzten Moment zuwarten, rechnet er mit einem eigentlichen Schlussspurt: «2017 und 2018 werden noch viele Gelder aus dem Fürstentum offengelegt.»

In Liechtenstein liegt viel Geld aus der Schweiz: Nach Auskunft der Regierung wurden per Ende 2015 Vermögen von 210 Milliarden Franken verwaltet. Finanzmarktexperten gehen übereinstimmend davon aus, dass ein Viertel davon aus der Schweiz stammt. Die Liechtensteiner Finanzmarktaufsicht gibt dazu keine Auskunft. Simon Tribelhorn, Geschäftsführer des Liechtensteiner Bankenverbands, sagt immerhin: «Tatsache ist, dass der Schweizer Markt nebst dem in Liechtenstein nach wie vor zu den Kernmärkten gehört.»

«Erschrocken» ob der Menge

«Über die Jahre hat sich in Liechtenstein einiges Geld aus der Schweiz angesammelt», sagt Hans-Peter Portmann, FDP-Nationalrat und Vizepräsident des Zürcher Bankenverbands. Früher sei es gang und gäbe gewesen, dass sich Gewerbetreibende einen Teil der Einnahmen bar auszahlen liessen und sie ins Ausland brachten. «Dennoch bin ich erschrocken, wie viel Schweizer Schwarzgeld im Zuge der Steueramnestie zum Vorschein gekommen ist», sagt Portmann. Auch er, der bei einem Liechtensteiner Institut arbeitet, geht davon aus, dass noch mehr Schwarzgeld aus Liechtenstein offengelegt werden wird.

So gelangen heute laufend Personen an die St. Galler Steuerpartner, die ihr schwarzes Geld weiss machen wollen – das Unternehmen wirbt dafür auch in Ostschweizer Medien. Ein grosser Teil von ihnen hat es im Fürstentum deponiert, wie Lehmann sagt. Die Steuerpartner haben im ersten Quartal dieses Jahres schon mehr Kunden beraten, die ihr Schwarzgeld legalisieren wollen, als im selben Zeitraum im Vorjahr. Auch das St. Galler Steueramt verzeichnete bis Ende März mehr Selbstanzeigen, wie es auf Anfrage heisst. Zahlen gibt es aber erst nach 2017 bekannt.

«Treuhänder, die reine Steueroptimierung betreiben, haben keine Zukunft mehr.»Hans-Peter Portmann, Zürcher Bankenverband

Gerade in Liechtenstein haben viele Steuerhinterzieher ihr Geld in Stiftungen versteckt: 30 der 72 Millionen. Das restliche Schwarzgeld lag in Depots oder auf Bankkonti. St. Gallen hat als einziger Kanton die 2016 offengelegten Vermögen vertieft analysiert – und darüber informiert. In einer Medienmitteilung folgert der Steueramtschef trocken: «Scheinbar haben verschiedene Personen das Fürstentum Liechtenstein benutzt, um Schwarzgeld vor dem Schweizer Fiskus zu verstecken.»

Künftig gerieten auch Stiftungen in den Fokus der Steuerbehörden, sagt Marcel Widrig, Partner und Leiter Privatkunden bei PricewaterhouseCoopers. Gedacht waren sie, um Vermögen zu schützen, wurden aber bald als Instrument zur Steuerhinterziehung «entdeckt» – Stifter geniessen mehr Anonymität als Inhaber von Bankkonti. «So haben Banken und Treuhänder in der Vergangenheit gut verdient», sagt Widrig. Mit dem Informationsaustausch erfährt der Fiskus aber nicht nur, wie viel Geld in einer Stiftung steckt, sondern auch, wer die Stifter und allenfalls die Begünstigten sind.

Varianten geprüft

Laut Medienberichten wollte Liechtenstein mit der Schweiz ursprünglich keinen Informationsaustausch eingehen. Stattdessen habe es eine Abgeltungssteuer vorgeschlagen. Das wäre weniger aufwendig gewesen – und die Besitzer der Vermögen wären anonym geblieben und hätten keinen Grund gehabt, ihr Geld in die Schweiz zu schaffen. Der Liechtensteiner Regierungschef Adrian Hasler lässt ausrichten, in den Gesprächen sei es nicht um Alternativen zum AIA gegangen, sondern lediglich um Varianten; bei Ländern, die national am Bankkundengeheimnis festhielten, sei es sinnvoll, verschiedene Möglichkeiten zu prüfen.

Liechtenstein ist mit dem neuen Standard jedenfalls mit keiner leichten Aufgabe konfrontiert, wie Hans-Peter Portmann sagt. Banken, die keine Gelder verlieren wollten, müssten ihren Kunden ein internationales Netzwerk anbieten können. Sie seien vorbereitet und hielten ihre Kundschaft schon länger dazu an, ihre finanzielle Situation zu ­bereinigen. «Aber Treuhänder, die reine Steueroptimierung betreiben, haben keine Zukunft mehr.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.05.2017, 23:37 Uhr

Schweizer Schwarzgeld ist in der Schweiz bald am sichersten

Wer Geld in Liechtenstein liegen hat, wird künftig automatisch gemeldet.

Bereits 2017 will die Schweiz den automatischen Informationsaustausch (AIA) von 38 auf 79 Staaten ausdehnen, darunter auch Liechtenstein. Zwar darf der Fiskus weiterhin nur bei Verdacht im In- und Ausland über Schweizer Steuerpflichtige Informationen einholen. Aus Staaten aber, mit denen der AIA in Kraft ist, bekommt er sie automatisch. Schweizer Steuerhinterziehern bleiben so immer weniger relativ sichere Staaten – nebst der Schweiz. Sollte die Volksinitiative «Ja zum Schutz der Privatsphäre» des Zürcher SVP-Nationalrats Thomas Matter angenommen werden, erhöhten sich die Hürden für Nachforschungen in der Schweiz zusätzlich.

Aus Lichtenstein können Schweizer ihr Geld bald nicht mehr unbemerkt repatriieren: Überweisen sie es elektronisch in die Schweiz, hinterlässt es eine Datenspur. Und mit eigenen Händen können sie grössere Vermögen nicht mehr zurückschaffen, da Liechtensteiner Banken nur noch dann Summen über 100'000 Franken pro Jahr bar auszahlen, wenn der Besitzer gute Gründe vorbringen kann; sie wollen nicht riskieren, sich wegen Beihilfe zu Steuerdelikten verantworten zu müssen.

Wann ist es zu spät?

So rät Christoph Lehmann vom St. Galler Unternehmen Steuerpartner seinen Kunden, «in den sauren Apfel zu beissen» und ihr Schwarzgeld offenzulegen. Im Zuge der kleinen Steueramnestie dürfen sie einmal im Leben unversteuerte Gelder legalisieren, ohne gebüsst zu werden. Sie müssen nur Nachsteuern und Zinsen auf höchstens 10 Jahre zurückzahlen. Machen Steuerpflichtige ihr Schwarzgeld aber erst dann sichtbar, wenn der Staat bereits davon weiss, ist es zu spät. Dann bekommen sie eine Busse. Wann also, so mag sich mancher fragen, der im Fürstentum unversteuerte Gelder liegen hat, könnte der Staat frühestens davon erfahren? Die Eidgenössische Steuerverwaltung lässt sie im Ungewissen. Auf Anfrage schreibt sie: «Eine Überprüfung muss im konkreten Einzelfall erfolgen.»

Die Vernehmlassung zum Informationsaustausch mit Liechtenstein und 40 weiteren Staaten wurde zwar erst kürzlich abgeschlossen, es ist jedoch der erklärte politische Wille, diesen Standard mit allen geeigneten Ländern abzuschliessen – dies soll sich positiv auf das Image des Schweizer Finanzplatzes auswirken. Bereits in Kraft ist er mit 38 Ländern, darunter alle 28 EU-Staaten.
Janine Hosp

(Tages-Anzeiger)

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