Schwer bewaffnete Banden drängen in die Schweiz

Geldtransporter, Bancomaten: Kriminelle Profis aus dem nahen Ausland sind ein Problem. Das spürt auch das Tessin.

Herausgesprengt: Im Tessin – wie hier in Novaggio – sind professionelle Diebesbanden unterwegs, die es auf Bancomaten abgesehen haben. Foto: Pablo Gianinazzi (Keystone)

Herausgesprengt: Im Tessin – wie hier in Novaggio – sind professionelle Diebesbanden unterwegs, die es auf Bancomaten abgesehen haben. Foto: Pablo Gianinazzi (Keystone)

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Anfang Dezember gab es im Waadtländer Dörfchen Daillens mitten in der Nacht eine Explosion – ein Geldtransporter stand in Flammen. Die Täter entkamen mit einer unbekannten Summe Bargeld über die nahe französische Grenze. Seit 2017 war dies der sechste schwere Überfall dieser Art.

Geknallt hatte es zuvor bereits mehrere Male auf der anderen Seite der Alpen. Im Tessin. Auch dort nahe der Grenze. Vor der Raiffeisenbank von Monteggio überfielen im Sommer vier maskierte Männer einen Geldtransporter. Ein Augenzeuge, der anonym bleiben will, hat alles beobachtet: den ungleichen Kampf, die Geiselnahme des einen Fahrers und die Flucht der Bande, die mit dem Geld Richtung italienische Grenze verschwand.

Was erst vor ein paar Jahren begann, hat sich 2019 nun akzentuiert: mit grosser Brutalität durchgeführte Überfälle von Profis, die die Landesgrenze für sich zu nutzen wissen. Das Tessin steht dabei besonders im Fokus der Kriminellen.

Grosse Zerstörung

Bereits im Frühling war die kleine Bank von Monteggio Ziel einer Attacke. Damals musste der Bancomat dran glauben. Genau wie zuvor in Coldrerio, Arzo, Novaggio oder Taverne.

Polizisten untersuchen die Überreste eines in der Nacht auf Samstag, 11. Mai 2019, gesprengten Geldautomaten in Stabio im Tessin. Foto: Davide Agosta (Keystone)

Längst war zu diesem Zeitpunkt klar, dass im Tessin – besonders in jenen verlassenen Orten, die nahe der Grenze liegen – Profi-Bankräuber am Werk waren. Und diese agierten in einer Weise, die den Grenzkanton, der einiges gewohnt ist, überrumpelte. Um die Automaten zu knacken, griffen die Kriminellen zu drastischen Mitteln. Die Banden sprengten die Geldautomaten in die Luft. Die Zerstörung war stets gross, die Übeltäter verschwanden nach wenigen Minuten mit der Beute. Siebenmal schlugen sie 2019 im südlichen Tessin zu – zuletzt Ende Oktober.

Die Tessiner Polizei konnte bis heute keinen der Täter festsetzen. Klar ist, dass sie aus Italien kommen und auch wieder dorthin verschwinden. Mit gestohlenen Autos nutzen sie die kleinen Grenzübergänge, die seit dem Schengener Abkommen 2008 unbewacht sind.

«Schengen!» Im Rustico-ähnlichen Gemeindehaus von Monteggio kommt Piero Marchesi sofort auf dieses Reizwort. «Schengen», ruft der Bürgermeister, «macht uns das Leben hier an der Grenze schwer – und den Kriminellen aus Italien leicht. Ich bin darum gegen das Abkommen.»

Marchesi, Kantonalpräsident der SVP, beackert das Thema seit Jahren. Er ist ein Ragazzo des Sottoceneri, in Monteggio aufgewachsen. Die Probleme der Grenzregion muss ihm keiner erklären. Er berichtet von den Einbrüchen, die stattfinden, wenn alle gemeinsam auf der Piazza Feste feiern; von den Landwirtschaftsgeräten, die verschwinden. Nur in der Deutschschweiz, da wurden die Probleme in den Grenzregionen lange kleingehalten.

Das soll sich jetzt ändern. Marchesi hat nach dem Überfall auf den Geldtransporter in seiner Gemeinde medienwirksam einen Brief an Bundesrat Ueli Maurer geschrieben. Er forderte darin, dass die kleinen Grenzübergänge aus Sicherheitsgründen in der Nacht geschlossen werden. Die Nachbargemeinden unterstützten den Vorstoss.

Die Antwort aus Bern war: Nein. Doch der Disput mit Bundesbern mitten im Tessiner Wahlkampf kam Marchesi dennoch zugute. Seit dieser Legislatur ist der 38-Jährige Nationalrat.

«Die Schweiz ist nicht bereit für solch schwer bewaffnete Banden.»Luca Tenzi, Tessiner Sicherheitsspezialist

Das Thema Grenzsicherheit werde er nun in Bern auf die Agenda bringen, sagt der frisch gewählte Bundespolitiker. Der SVP-Politiker wird dabei auf die jüngsten Ereignisse hinweisen. Auf die Serie im Tessin, aber auch auf jene in der Romandie.

Laut Luca Tenzi, dem international gut vernetzten Tessiner Sicherheitsspezialisten, wird sich die Schweiz künftig vermehrt mit solchen schweren Überfällen beschäftigen müssen. Für ihn sei einzig überraschend, dass solche Überfälle in der reichen Schweiz erst jetzt Realität seien. «Wenn man sich die Aktivitäten von Banden aus dem Grossraum Mailand oder Lyon der letzten 20 Jahre anschaut, war das nur logisch. Der Kriminologe sagt auch: «Die Schweiz ist nicht bereit für solch schwer bewaffnete Banden.»

Grenzschliessung bringt nicht viel

Fabio Ghielmini ist stellvertretender Grenzwachtkommandant der Region Tessin. Er steht oft an der Grenze, auch an der grünen, mitten im Wald. Natürlich sagt er: «Wir sind bereit.» Das Grenzwachtkorps arbeite mit der neuesten Technik, das Kontingent wurde aufgestockt, die Zusammenarbeit mit den italienischen Kollegen intensiviert.

Seit diesem März patrouillieren schweizerisch-italienische Viererteams regelmässig auf beiden Seiten der Grenze. Seit kurzem sind gemischte Teams auch in den Bündner Bergen unterwegs. Aber Ghielmini sagt auch, dass im Tessin mit seinen 1889 Grenzkilometern, viele davon in unwegsamem Gelände, eine totale Kontrolle unmöglich sei. Das sei bereits vor Schengen so gewesen.

«Eine Schliessung der kleinen Zollübergänge bringt aus unserer Sicht nicht viel.» Dies zeigte auch ein 2018 durchgeführter Test: Während sechs Monaten schlossen die kleinen Übergänge von 23 bis 5 Uhr. Laut den Behörden hatte diese Massnahme keinen Effekt auf die Kriminalitätsstatistiken.

Aber auch Zöllner Ghielmini weiss, dass es hier nicht nur um Zahlen geht, sondern dass sich viele Schweizer nicht an einen verwaisten Zollübergang gewöhnen wollen. Er verharmlost nichts und erzählt von kriminellen Clans, die unkontrolliert vom Süden her ins Tessin dringen und Einbrüche verüben. Er berichtet auch von Bankräubern, die mit gestohlenen Autos spurlos verschwinden.


Adieu Bankraub Ein Abgesang auf ein Verbrechen, das Träume bedient, Mythen geschaffen und die Filmgeschichte bereichert hat.


Es sind solche Aktionen, die die Menschen erschrecken. Sie führen in der Bevölkerung zu einem diffusen Gefühl der Unsicherheit – und dem ist nur schwer beizukommen. Dabei sprechen die Fakten für die Arbeit der Behörden. Seit 2013 ist die Zahl der Einbrüche im Tessin jedes Jahr zurückgegangen. Das gilt auch für das Mendrisiotto und die Grenzregion rund um Lugano.

Volle Bancomaten

Gemeindepräsident Piero Marchesi kennt die Statistiken der Tessiner Polizei. Er gibt zu: «Ja, das Tessin ist sicher. Es wird gut gearbeitet an der Grenze. Aber wir müssen für die Zukunft viel mehr investieren.» Ghielmini und seine Mitarbeiter sind in den nächsten Tagen besonders gefordert: Rund um die Feiertage sind viele Diebe unterwegs. Die Strassen sind nach Feierabend leer. Und die Bancomaten, die den Bargeldfluss in der Schweiz am Laufen halten, sind kurz vor Weihnachten gut gefüllt.

Erstellt: 17.12.2019, 06:06 Uhr

Schwere Überfälle: Die Massnahmen

Die Raiffeisenbank bietet das grösste Netz an Bancomaten – vor allem in Randregionen. Sie ist damit Hauptleidtragende der Raubserie. Auf Anfrage will die Bank aus sicherheitstechnischen Gründen keine Angaben zu ihren Massnahmen machen. Klar ist: Die neuen Automaten sind robuster und dürften mit einem System ausgestattet sein, dass bei einem Angriff die Geldnoten einfärbt. Zudem führen gefährdete Standorte weniger Bargeld. Ähnliche Massnahmen werden für Geldtransporte diskutiert. Im Waadtland hat die Regierung beschlossen, dass Geldtransporte nur noch in schweren gepanzerten Fahrzeugen erfolgen dürfen. Die Geldmenge wurde auf 10 Millionen Franken limitiert. (cix)

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