Hintergrund

Schwere Vorwürfe gegen Professor Christoph Mörgeli

Der Medizinhistoriker und SVP-Nationalrat wird in einem Bericht von seinem Chef harsch kritisiert. Die Rede ist von Fehlern im Museum und unprofessioneller Betreuung der Sammlung.

35 Besucher pro Tag: Christoph Mörgeli in seinem Medizinhistorischen Museum.

35 Besucher pro Tag: Christoph Mörgeli in seinem Medizinhistorischen Museum. Bild: Sabina Bobst

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Man kennt ihn in erster Linie als engagierten Zürcher Nationalrat, als Chefideologen der SVP und als scharfzüngigen Kolumnisten der «Weltwoche». Allzeit bereit drischt Christoph Mörgeli auf seine politischen Gegner ein, scheut keine persönliche Attacke und wettert gegen den Staat. Immer wieder kritisiert er dessen Ausmass und stellt einzelne Aufgaben und Exponenten infrage.

Solche Fragen muss sich auch der Staatsangestellte Mörgeli gefallen lassen, der als Konservator des Medizinhistorischen Museums und der dazugehörigen Objektsammlung an der Uni Zürich wirkt: Ist er das Geld wert, das die Steuerzahler in ihn und sein Museum stecken? Wie steht es um seine wissenschaftliche Leistung? Und macht er seine Arbeit korrekt? Auf der Suche nach Antworten konsultierte der «Tages-Anzeiger» erst einmal Mörgelis eigene Internetseite. Dort verweist der Titularprofessor auf den aktuellen Akademischen Bericht des Medizinhistorischen Instituts, zu dem sein Museum gehört. Bloss: Der Link führt ins Leere.

Auch auf der Website des Instituts sucht man vergeblich nach dem neusten Jahresbericht. Dort sind zwar alle Ausgaben von 1998 bis 2010 fein säuberlich aufgeführt. Jener von 2011 fehlt aber – dies im September 2012. Ein Versäumnis? Nein, ergibt eine Anfrage bei Professor Flurin Condrau, der das Institut seit Februar 2011 leitet. Stattdessen teilt der neue Chef von Christoph Mörgeli schriftlich mit: «Ich habe meinen Akademischen Bericht 2011 fristgerecht abgeliefert. Die Universitätsleitung hat den Bericht bisher jedoch nicht freigegeben.» Weiter will sich Condrau nicht äussern – «aus rechtlichen Gründen».

«Unzweifelhaft veraltet»

Das lässt aufhorchen. Wird da etwas unter dem Deckel gehalten? Jemand geschützt? Und vor allem: Was steht in diesem Bericht? Der «Tages-Anzeiger» hat sich die 30 Seiten beschafft. Seit Mai sind sie innerhalb der Uni einem breiten Kreis elektronisch zugänglich. Und was darin steht, ist tatsächlich brisant. So schreibt der 47-jährige Condrau über das vom 52-jährigen Mörgeli betreute Museum:

«Die in den 1980er-Jahren kuratierte Dauerausstellung ist heute teilweise fehlerhaft, unzweifelhaft veraltet und museologisch überholt. Der neuen Direktion drängt sich der Eindruck auf, dass die in der Schweiz gut vorangekommene Professionalisierung der Museumsarbeit bisher am Medizinhistorischen Museum vorbeigegangen ist. Kurzfristige Bereinigungen der Dauerausstellung sind unumgänglich, aber mittelfristig werden wir uns mit einer Neukonzeption befassen müssen, wenn das Museum nicht geschlossen werden soll. Aktuell stellt das Museum für die wissenschaftliche Medizingeschichte in Zürich eine grosse Belastung und sicherlich kein Asset dar.»

Konkret wirft der Bericht Mörgeli vor, die Dauerausstellung des Museums seit ihrer Eröffnung vor 22 Jahren praktisch nicht verändert zu haben. Diesen Eindruck kriegt auch, wer das Museum besucht. Im Schaukasten zum Thema Aids sind zahlreiche Präservativpackungen mit Condomeria-Klebern ausgestellt. Die Telefonnummer auf diesen Klebern beginnt immer noch mit der Vorwahl 01. Wählt man sie mit der neuen Vorwahl 044, stört man eine Privatperson, die nichts mit dem Kondomgeschäft zu tun hat.

Gravierender ist der Fehler auf dem Informationstableau zu Aids: «Eine wirksame Therapie gibt es bisher noch nicht», steht dort geschrieben. Das war 1990 korrekt. Heute nicht mehr. In Condraus Jahresbericht ist von «inhaltlichen Fehlern und Unklarheiten» die Rede, die zu bereinigen seien. Mörgeli hat nun ein Anpassungskonzept erarbeitet. Künftig sollen die Museumsbesucher informiert werden, dass seit 1996 eine Kombi-Therapie Aidspatienten das Leben erleichtert.Das Museum würde auch gewinnen, wenn es eine Beteiligung zuliesse – etwa mit Computern oder Experimenten. Heute findet keine solche Interaktion mit den täglich rund 35 Besuchern statt. Erste personelle Konsequenzen hat Condrau bereits gezogen: Für Sonderausstellungen ist nicht mehr Mörgeli zuständig, sondern ein anderer Mitarbeiter.

Umfassende Schimmelsanierung

Noch mehr Sorgen macht sich der Institutsleiter wegen der sogenannten Objektsammlung, die Konservator Mörgeli betreut. Laut dem Regierungsrat des Kantons Zürich handelt es sich um «die weltweit grösste Universitätssammlung ihrer Art». Zu deren Betreuung wurde das Medizinhistorische Institut 1951 gegründet. Die Sammlung soll rund 100 000 Objekte umfassen. Wobei: Wie gross und bedeutend sie wirklich ist, weiss niemand so genau, weil lediglich 20 Prozent der Objekte katalogisiert sind. Condrau schreibt im von der Unileitung nicht freigegebenen Bericht:

«Der Objektsammlung des Medizinhistorischen Instituts und Museums geht es nicht gut. Sie wurde seit Jahren nicht professionell betreut: Mehrere Zehntausend unkatalogisierte Objekte verstauben in offenen Regalen. Aktuell ist noch nicht einmal die Grundreinigung des Depots geregelt. Wir können nicht von einer wissenschaftlichen Sammlung ausgehen und stehen vor schwierigen Entscheidungen. Dabei geht es auch ganz konkret darum, ethischen, rechtlichen und wissenschaftspolitischen Schaden vom Institut, der Fakultät und letztlich auch der Universität fernzuhalten.»

Der Bericht spricht von einem «sichtbaren Durcheinander in den Lagern». Auch ist offenbar die Feuchtigkeit nicht unter Kontrolle. In der Hälfte der Entfeuchter sei im Herbst 2011 keine Kühlflüssigkeit mehr vorhanden gewesen, schreibt Condrau, «was die abrupt steigenden Feuchtigkeitswerte erklärte». Dies, nachdem die Sammlung zuvor einer «umfassenden Schimmelsanierung» unterzogen worden war.

Wider die Würde des Menschen

Der neue Institutsleiter liess die Sammlung im Sommer 2011 durch eine internationale Expertenkommission unter der Leitung von Professor Robert Jütte aus Stuttgart evaluieren. Auch dieser Bericht liegt dem «Tages-Anzeiger» vor. Dort steht: «Die in einem Kellerraum gelagerten menschlichen Knochen sind teilweise dem Staub und Ungeziefer direkt ausgesetzt.» Auch seien etliche menschliche Präparate konservatorisch nicht entsprechend gelagert. «Die Schäden sind bereits sichtbar.» Die beiden Wasserleichen stünden zwar in einem Behälter, der mit Papier eingepackt sei. «Allerdings ist fraglich, ob das Klima in den Kästen wirklich für die Lagerung von Wasserleichen geeignet ist», schreibt Jütte. Auch seien einige Behälter mit Feuchtpräparaten nicht dicht. Da es sich beim Konservierungsmittel wohl um Formaldehyd handle, bestehe die Gefahr von gereizten Augen und Atemwegen.

Die Expertenkommission mahnt, «dem ehemaligen Menschsein» künftig angemessen Rechnung zu tragen: «Es kann mit Blick auf die in der Bundesverfassung verankerte Würde des Menschen nicht angehen, dass z. B. Feuchtpräparate in suboptimal gefüllten Gläsern lagern, dass Präparate ohne Herkunftsnachweis oder dass sie in einem Durcheinander mit verschiedenen weiteren Gegenständen gelagert werden.»Mörgeli räumt ein, ein «klimatisches und ethisches» Problem zu haben. Er möchte nun die menschlichen Präparate einer Institution mit dafür ausgebildetem Personal übergeben – oder sie beerdigen. Nebst seinen eigenen 80 Stellenprozenten könne er nur 25 weitere Prozente für die Sammlung und das Museum einsetzen, sagt er. Das sei auch der Grund, weshalb die Inventarisierung nicht richtig vorankomme. Der Expertenbericht hält diesbezügliche Fortschritte aber für unabdingbar. Nur so sei das Potenzial der Sammlung für die Forschung erkennbar. Und nur dann lasse sich ihr aufwendiger Erhalt rechtfertigen.

Vorlesung fand noch nie statt

Nebst seiner Funktion als Konservator ist der jährlich mit 105 000 Franken entlöhnte Teilzeit-Professor Mörgeli auch in der Lehre tätig. Dazu schreibt Condrau im Akademischen Bericht:

«Für Studierende aller Fakultäten wurde die Medizinische Museologie angeboten. Diese Veranstaltung konnte aus Mangel an Studierenden weder im Frühlingssemester noch im Herbstsemester 2011 durchgeführt werden. Über die Gründe des mangelnden studentischen Interesses kann nur spekuliert werden, weil die Veranstaltung gemäss Aussage des Dozenten noch nie durchgeführt werden konnte und damit auch keine studentischen Evaluationsunterlagen existieren.»

Stattgefunden hat dagegen Mörgelis zweite Vorlesung mit dem Titel «Erzählte Medizingeschichte». Wobei Mörgeli nicht selbst unterrichtet, sondern alle 14 Tage ehemalige Ärzte und Medizinprofessoren von vergangenen Zeiten erzählen lässt. Studenten sieht man in dieser Veranstaltung nur wenige. Die durchschnittlich rund 30 Zuhörer seien grösstenteils Senioren, so Mörgeli. Ginge es nach ihm, würde er am liebsten eine Vorlesung über Totentänze – sein Spezialgebiet – halten. Noch hat er dafür aber keine Zusage erhalten.

Konfrontiert mit der Kritik an ihm, verweist Mörgeli auf einen Bericht der Evaluationsstelle der Uni Zürich, die 2006 seinem Museum ein gutes Zeugnis ausgestellt hat. Eine Befragung der Besucher habe ergeben, dass diese sehr zufrieden gewesen seien. Den ganzen Bericht will Mörgeli aber nicht abgeben. Dieser sei vertraulich. Auch die Evaluationsstelle selbst gibt ihn nicht heraus. Laut Stellenleiter Hans-Dieter Daniel wäre der Bericht nicht sehr aussagekräftig. Denn eine Untersuchung blicke jeweils sechs Jahre zurück. Zum Teil seien die Daten also bereits 12-jährig.Mörgeli verweist auch auf eine Mitarbeiterbeurteilung von 2004 durch seinen ehemaligen Chef, Beat Rüttimann. Sie fiel sehr gut aus. Über die aktuelle Beurteilung durch Condrau möchte Mörgeli dagegen nicht sprechen. Diese sei vertraulich. Ob er seine Lehrbefugnis an der Uni halten kann, ist derzeit offen. Alle sechs Jahre muss sie überprüft werden, was letztmals 2007 der Fall war. Die nächste Überprüfung steht also im kommenden Jahr an. Und es ist nicht anzunehmen, dass Condrau seinen Mitarbeiter in den höchsten Tönen loben wird. Laut dem Reglement der medizinischen Fakultät könnte Mörgeli eine Besserungsfrist von bis zu drei Jahren eingeräumt werden. Fällt er auch dann durch, kann die Fakultät der erweiterten Universitätsleitung den Entzug des Titels beantragen.

Morgen: Wie medizinhistorische Fachkollegen Christoph Mörgeli wahrnehmen, wie er sich von ihnen abgrenzt und wie es um seine Forschung steht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2012, 06:38 Uhr

«Teilweise fehlerhaft, unzweifelhaft veraltet»: Blick ins Medizinhistorische Museum (Video ohne Kommentar). (Video: Newsnet)

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