Glattal Zürich

Schwindelerregende Hauptstadt der Verdichtung

Rasant verwachsen die Gemeinden um den Flughafen Zürich zur jüngsten Grossstadt im Land. Sie kommt der Restschweiz als Agglo-Unort vor. Die Glattalbahn hält die Boomzone wie ein Rückgrat zusammen.

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Einen Auswärtigen kann in der Glattalbahn ein leichter Schwindel ergreifen. Die Bahn fährt durch eine Szenerie aus Beton, Glas und Metall, in der sich ständig Proportionen und Dimensionen verschieben. Die Fahrt von Dübendorf nach Kloten ist eine 10 Kilometer lange Baustellenbesichtigung. Entlang der Linie 12 der Verkehrsbetriebe Glattal, die den Norden Zürichs wie eine Wachstumskurve durchzieht, werden neue Stadtteile, Strassen und Parks aus dem Boden gestampft. Wäre jemand ein halbes Jahr weg und käme zurück, hätte er Mühe, sich zurechtzufinden.

Der Glattal-Flow

Den Kirchturm von Wallisellen kann man im Häusermeer glatt übersehen. Einst steckte er eine übersichtliche Topografie mit Dorfkern ab und gab Orientierung. Die verliert man heute inmitten der spiegelnden Glasfronten. Ein richtiges Zentrum gibt es in der jüngsten Grossstadt der Schweiz nicht, dafür ein Subzentrum am andern. Zahllose Menschen unterschiedlicher Nationalitäten sind mit der Glattalbahn unterwegs. Der Magnetpol, der sie anzieht, ist nicht Zürich, sondern die globalisierte Zone um den Flughafen mit ihren Arbeitsplätzen.

Schön ist es nicht im Glattal, aber aufregend. Die Glattalbahn gleitet durch eine mehrstöckige Stadtlandschaft, die in der kleinräumigen Schweiz ihresgleichen sucht. Ins Tiefparterre versenkt sind sechsspurige Autobahnen, auf Brücken fahren Intercitys und S-Bahn-Züge, über den fünf- bis zehnstöckigen Gebäuden heben die Jets vom Flughafen donnernd ab in den Himmel. Hier irgendwo befindet sich der besterschlossene Ort im Land. Auto, Bus, Tram, Bahn und Flugzeug verkehren dort im Dauertakt.

Glühender Hotspot

Das Glattal – benannt nach dem Flüsschen Glatt, das im Greifensee entspringt und in den Rhein mündet – ist der glühendste Hotspot im Land. Glow – Glut: So nennt sich das Standortnetzwerk der acht aus allen Nähten platzenden Gemeinden, die nördlich von Zürich zusammengewachsen sind: Rümlang, Kloten, Opfikon, Wallisellen, Dietlikon, Bassersdorf, Wangen-Brüttisellen und Dübendorf. Unter dem Namen Flughafenregion Zürich bilden sie auch einen wirtschaftlichen Zusammenschluss.

«So viele Baukräne wie hier drehen sich nirgendwo sonst in der Schweiz», sagt Willi Bleiker, Glow-Geschäftsführer, mit unüberhörbarem Stolz. Der Glow-Perimeter bilde eine Stadt von der Grösse Winterthurs mit 110000 Einwohnern und Arbeitsplätzen. Es ist die Hauptstadt der Verdichtung.

Bleiker zählt die Grossprojekte im Glattal so rasant auf, als wolle er das Entwicklungstempo der Boomregion aufnehmen. Die Investoren sprechen gern im Superlativ. Der Stadtteil Glattpark in Opfikon ist «das grösste Entwicklungsgebiet der Schweiz», der geplante «Circle»-Komplex am Flughafen «die kleinste Grossstadt der Schweiz».

Zubetonierter Unort

Ausserhalb von Zürich begegnet man dem Glattal mit Skepsis. «Walliselle» ist auf dem gleichnamigen Album von Endo Anacondas Berner Band Stiller Has der Inbegriff für die gesichtslose Agglo-Schweiz. «Es ist für die ganze Schweiz zentral, dass es nicht nur zubetonierte Landschaften wie das Glattal gibt», sagte der Berner Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher kürzlich in einem Interview und hielt dem Unort Glattal die idyllische Erholungslandschaft des Emmentals entgegen.

Nichtzürchern liegt das Glattal fern, obwohl auch sie vom dort erwirtschafteten Gewinn oder dem zentralen Flughafen profitieren, ohne die Nebenwirkungen mittragen zu müssen. Wenn es gegenüber dem Glattal eine positive Emotion gibt, dann nur das Mitleid mit den vom Fluglärm geplagten Bewohnern.

Eine Tramlinie stellt sich quer

Was ist das Glattal? Stadt, Agglomeration oder eine neue, in der Schweiz noch unbekannte Siedlungsform? «Das Glattal ist Agglomeration, wobei Agglomeration die heutige Form der Stadt ist», sagt Architekturkritiker Benedikt Loderer. Wachstum finde heute in den Agglomerationen statt. Die unter Schutz gestellten dörflichen Innenstädte von Zürich, Bern oder Basel mit ihren historischen Kulissen sieht Loderer bloss noch als Quartiere von Agglomerationen.

Das Glattal ist laut Loderer entgegen der öffentlichen Entwicklungsplanung, die Subzentren in Bülach und Wetzikon vorsah, ungeplant zusammengewachsen. Die Treiber der Verstädterung einstiger Dörfer waren ökonomische Hotspots mit zahlreichen Arbeitsplätzen: das 1975 eröffnete Shoppingcenter Glattzentrum, der Flughafen Zürich und das Fernsehstudio am Leutschenbach. Die Zwischenräume baute man ab den 1960er-Jahren mit Wohnblocks zu.

Durch eine «Planung von unten», erzählt Loderer, sei aus dem Gespräch mehrerer Gemeindepräsidenten die Glattalbahn entstanden. Sie führe als einzige Tramlinie der Schweiz nicht radial von einer Innenstadt an die Peripherie, sondern verlaufe quer zu dieser Hauptrichtung. «Dass die Glattalbahn eine andere Farbe hat als die Stadtzürcher Trams und nicht zu den Verkehrsbetrieben der Stadt Zürich gehört, ist ein Signal», sagt Loderer. Das Signal laute: «Das Glattal ist etwas Eigenes, das sich abgrenzt von Zürich. Und die Agglomeration Zürich ist ein polyzentraler Organismus.»

Neue Städte mit Kunstsee

Man kann im Glattal die Zukunft besichtigen, die auf die Schweiz zukommt, wenn es mit ihrem Bevölkerungswachstum so weitergeht wie heute. Es gibt hier verrückte Epizentren der Entwicklung. Siebzehn Baukräne drehen sich im Ballett über dem 72000 Quadratmeter grossen Richti-Areal am Bahnhof Wallisellen (www.richti.ch). «Hier wird ein Stadtteil für 3000 Arbeitsplätze und 1200 Bewohner gebaut», sagt Loderer. Das Besondere daran: Die Planung sehe keine Agglobaublöcke vor, sondern eine Blockrandbebauung mit Gebäuden um begrünte Innenhöfe.

Gleich neben dem TV-Hochhaus am Leutschenbach mit dem Freiluftwetterstudio auf dem Dach entsteht auf 12,8 Hektaren eine noch grössere Kleinstadt. Im Glattpark (www.glattpark.ch), von dem eine erste Bauetappe vollendet ist, werden dereinst 6000 Menschen wohnen und 7300 arbeiten. So viele Menschen brauchen Auslauf. Dafür steht der riesige Opfikerpark zur Verfügung. «Auch ein Park ist heute in einer Agglomerationsstadt ein künstlich angelegtes Bauwerk», sagt Loderer. Das erkennt man am 550 Meter langen und 41 Meter breiten künstlich angelegten See mit Sandstrand und Schilfgürtel.

Die Verbindung von Biotop und Pool hat bis jetzt erst in Privatgärten Einzug gehalten. Im Opfikerpark ist sie in der grossen Dimension geschaffen worden. Kinder plantschen im grünen Wasser, eine Frau schwimmt der bolzengerade geschnittenen Front des Schilfs entlang. Für eine Sekunde spiegelt sich ein niedrig anfliegender Jet im See. Von der Aussichtsplattform auf dem Lärmschutzhügel an der Autobahn betrachtet, erinnert die geometrische Ordnung von Wohnblocks, Park und See an designte Zukunftsstädte wie Brasilia. Für Ruhe, Ordnung und Animation sorgen die Parklotsen der Gemeinde Opfikon.

Am Flughafen Kloten beginnt nächstes Jahr der Bau des Komplexes «The Circle» (www.thecircle.ch). Es wird das grösste Hochbauprojekt der Schweiz sein. Auf 37000 Quadratmetern werden 210000 Quadratmeter Nutzfläche aufeinander getürmt in einem halbrunden Glaspalast, der die ein- und ausfliegende Kundschaft des «Prime-Segments» anziehen soll. Weltkonzerne können hier eine Art Aussenschalter beziehen. Die Konferenzräume für transkontinentale Meetings fassen 1500 Personen. Die zwei Hyatt-Hotels bieten 550 Zimmer an. In einer ambulanten Klinik können sich Gutbetuchte beim Zahnarzt das Gebiss und beim Schönheitschirurgen die Brüste richten lassen.

Grenzen des Wachstums

«Ja, das Glattal boomt. Besuche ich das schöne Bern, bin ich in einer anderen Welt», sagt René Huber, Stadtpräsident von Kloten und Präsident der Flughafenregion Zürich, die derzeit beschäftigt ist mit der Stellungnahme zum Flughafen-Staatsvertrag zwischen Deutschland und der Schweiz. Zeigt der Fluglärm der glühenden Boomregion die Grenzen der Überhitzung auf? «Der Flughafen ist Fluch und Segen zugleich. Aber der Fluglärm ist in meinen Augen nicht das Hauptproblem, noch mehr belastet uns der landseitige Verkehr am Boden», findet Huber.

Allerdings betrifft der Flugverkehr auch den Boden, von dem es laut Huber zum Überbauen noch genug gäbe. In der Fortsetzung der Flugpisten sind auf dem regionalen Richtplan die im Tagesverlauf schwankenden Lärmkurven eingezeichnet. Wo es zu laut ist, dürfen keine neuen Wohnbauten erstellt und alte nur saniert, aber nicht vergrössert werden. Mitten im Zentrum von Kloten sei so ideal gelegener Baugrund blockiert, sagt Huber.

Eine Grenze kennt das Wachstum im Glattal bestimmt nicht: die Gemeindegrenze. Für einen Politiker der SVP – eine Partei, die sonst die Gemeindeautonomie hochhält – bewegt sich René Huber locker im Grossperimeter der Flughafenregion: «Sie bildet vielleicht dereinst die Glattalstadt.» Gemeindefusionen seien allerdings noch kein Thema, sagt Huber. Wozu auch? Ökonomisch ist das Glattal längst eine einzige Powerregion, in der grossräumig gedacht wird. Die Glattalbahn hält sie wie ein Rückgrat zusammen.

Literatur: Glatt! Manifest für eine Stadt im Werden, von der Architektengruppe Krokodil, 144 Seiten, Park Books 2012, 55 Fr.

Erstellt: 22.07.2012, 16:14 Uhr

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