Sein Leben war ein einziges Streben

This Jenny arbeitete sich vom verwahrlosten Kind zum spendablen Multimillionär hoch. Nach der Krebsdiagnose beurteilte der frühere SVP-Ständerat seine Karriere mit gemischten Gefühlen.

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«Ich wähle This. Er ist einer von uns», sagt meine Bekannte. Das war 1998, als This Jenny für den Ständerat kandidierte. Im zweiten Wahlgang trat er, Landrat und Gemeinderat von Glarus, gegen den damaligen freisinnigen Regierungsrat Willy Kamm an. Der war bekannter als Jenny, und als FDP-Kandidat hat man im Kanton Glarus ohnehin den Bonus des breitesten Wählersegments. Dennoch schaffte der SVP-Politiker die Stichwahl. Eine deutliche Mehrheit der Wählerschaft hatte es meiner Bekannten gleichgetan. Jenny war nicht einer dieser «Gebildeten», wie die meisten anderen Politiker, sondern ein Normaler. Als Jugendlicher sei er vor den Ausgehlokalen umhergestrichen, erzählte die Bekannte, «weil er kein Geld hatte für den Eintritt oder für Getränke. Genau wie wir.»

Er sei ein verwahrloster, querulierender Junge gewesen, erzählte Jenny einmal, «heute würden die Behörden in einem solchen Fall zum Glück einschreiten.» Er sei auf sich allein gestellt gewesen, habe selber Holz hacken müssen, wenn ihm kalt gewesen sei, und Essen beschaffen müssen, wenn er Hunger gehabt habe. Es sei paradiesisch gewesen, als er mit 12 Jahren zur Grossmutter gekommen sei. «Dann hat sich endlich jemand um mich gekümmert.» Die spätere Wende in seinem Leben verdanke er einem Italiener, der sich als Gemüsehändler im Kanton Glarus einen Namen gemacht hatte und der als Einwanderer unter ähnlich schwierigen Bedingungen angefangen hatte. Seine Worte prägten sich dem jungen Maurerlehrling ein: «Du hast die Wahl: Nichts tun oder Gas geben.»

Eigene politische Linie

Jenny hat sich fürs Zweite entschieden. Wie stark Erlebnisse aus der Kindheit ein Leben lang prägen können, zeigt sein Beispiel exemplarisch. Als einziger SVP-Exponent befürwortete Jenny beispielsweise 2011 die Volksinitiative «Schutz vor Waffengewalt», die gefordert hat, dass Armeewaffen im Zeughaus gelagert werden müssen. Jenny hatte als Kind Nachmittage bei einem Freund verbracht, dessen Vater seine Frau und seine Kinder wiederholt mit einem Gewehr bedrohte. Voller Angst rannte der kleine This nach Hause, später sagte er: «Wer so etwas erlebt hat, kann diese Initiative unmöglich ablehnen.» Und als sein Parteikollege, Armeevorsteher Ueli Maurer, im Abstimmungskampf bedrohten Frauen riet, sich an die Polizei zu wenden, entgegnete Jenny: «Wer das sagt, hat keine Ahnung, wie es sich anfühlt, in einen Gewehrlauf zu schauen.»

Prägend war auch die Mittellosigkeit. Das Motto «Nichts wie weg aus diesem Elend» trieb ihn noch an, als er der Kindheit längst entkommen war, als er längstens reich an Geld und Ansehen war. In der Bauunternehmung Toneatti in Bilten begann er als junger Handwerker, als 38-Jähriger war er Geschäftsführer des 250 Mitarbeiter zählenden Betriebs. Später wurde Jenny Mehrheitsaktionär und Verwaltungsratspräsident. Die vormalige Eigentümerin, die Zürcher Unternehmerfamilie Spoerry-Toneatti, hatte es vorgezogen, ihm die Firma zu einem günstigeren Preis zu überlassen, statt auf dem freien Markt ein Maximum zu erzielen.

Keine Pause

Er habe sich nie eine Pause gegönnt, sagte Jenny. In seinem Leben gab es kein Innehalten, keine Weiterbildung, nur 24 Stunden Arbeit oder Abrufbereitschaft. Journalisten wussten das. Kein anderer Politiker beantwortete Anrufe zu jeder Tages- und Nachtzeit so konsequent, wie Jenny das getan hat. Gegessen hat er auch nicht richtig, sondern Snacks wie Joghurt und Kägifret. Das merkte er, als der Magenkrebs ihm das Essen vergällte – und begann es dann erst zu geniessen. Seinen fulminanten Aufstieg beurteilte er nun auf einmal zwiespältig, er machte das ruhelose Streben mitverantwortlich für den Krebs. Aber er verstand es auch, konnte sein eigenes Tun nachvollziehen: je mehr Geld, je mehr Ansehen, je weiter weg von der Kindheit, desto besser. Augenblicklich sah er beide Seiten der Medaille: Der wohlverdiente Lebensabend ist ihm nicht vergönnt. Anderseits verlässt er die Welt als spendabler Multimillionär, der nicht nur für seine Partnerin und seine Kinder sorgte, sondern auch für die Ex-Frau, die sich nach der Trennung keine Wohnung suchen musste. «Ich habe ihr ein Haus gebaut», sagte Jenny stolz im «Blick».

Und er sagte auch, dass er sich den Schluss zu schenken gedenke. Auf die letzten Wochen seines Lebens wolle er verzichten, weinende Leute am Sterbebett müsse er nicht haben. Er werde sich von Exit ein Giftcocktail verabreichen lassen. Das werde logistisch eine knifflige Angelegenheit, denn im Spital gibt es keine Sterbehilfe. Er müsse es daheim machen. Aber wie soll er, so äusserte er im Frühling nach der Krebsdiagnose seine Gedanken, rechtzeitig reagieren können, geschwächt und krank? Er hat es geschafft. Ein gutes Jahr nachdem sein gleichaltriger Glarner Ständeratskollege Pankraz Freitag überraschend gestorben ist, hat sich am Samstag auch This Jenny verabschiedet. Mithilfe von Exit, im 63. Lebensjahr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2014, 19:51 Uhr

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