Seine Vorfahren halfen ihm zurück ins Leben

Weil Georges Ançay sein Gedächtnis verloren hatte, machte er sich auf die Suche nach seinen Wurzeln. Bei der Aufarbeitung der ­Familiengeschichte stellte er Erstaunliches fest.

Eine Selbsttherapie brachte ihm die Erinnerung zurück: Georges Ançay in der Kirche von Fully. Foto: Luca Da Campo (Strates)

Eine Selbsttherapie brachte ihm die Erinnerung zurück: Georges Ançay in der Kirche von Fully. Foto: Luca Da Campo (Strates)

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Die Unterwalliser Gemeinde Fully hat Georges Ançay viel zu verdanken. Der 82-jährige ehemalige Winzer ist zum Gedächtnis für das ganze Dorf geworden. Dabei hat der stets gut gelaunte Walliser einmal sein ganzes Erinnerungsvermögen verloren. Er war 55 Jahre alt, als seine Lebensgeschichte eine dramatische Wende zu nehmen schien.

Georges Ançay erwachte eines Morgens, von allen Kräften verlassen. Er konnte nicht einmal mehr aufstehen. Statt in seinen Rebhängen ob Fully landete er an diesem Tag im Universitäts­spital Lausanne. Die Ärzte diagnostizierten ein Aneurysma, eine sackförmige Arterienerweiterung an der Aorta, der Hauptschlagader zum Herz. Georges Ançay drohte innerlich zu verbluten. Sofort wurde er operiert. Die Ärzte retteten ihm das Leben, doch der Vorfall hatte Folgen: Georges Ançay konnte sich an nichts mehr erinnern. Er hatte sein Gedächtnis verloren, weil sein Hirn durch das Aneurysma kurzzeitig ungenügend mit Sauerstoff versorgt worden war. Was sollte er nun tun?

Pfarrer hatte Geistesblitz

Dem katholischen Dorfpfarrer Jacques Antonin kam eine zündende Idee. Eines Tages tauchte er bei seinem ehemaligen Schulkollegen Georges Ançay mit einem dicken alten Buch voller Namen auf. Es war das Buch, in dem Fullys Geistliche schon während Jahrhunderten eintrugen, welche Kinder sie getauft und welche Paare sie verheiratet hatten. «Wenn du dich um die Geschichte deiner Familie kümmerst, wird sich dein Gedächtnis von alleine erholen», sagte er seinem ehemaligen Schulkollegen. Und der Geistliche hatte recht.

Die interaktive Namenskarte

Georges Ançay wurde zum Genealogen. Er therapierte sich selbst. Akribisch arbeitete er sich in die Vergangenheit vor. Die Spurensuche führte zurück ins 18. Jahrhundert. Er tippte, Generation um Generation, sämtliche Namen der Vorfahren in seinen Computer ein, um das Puzzle zu weitläufigen Stamm­bäumen zusammenzusetzen. Georges Ançay hatte viel zu tun. Was er erst seit kurzem weiss, ist: Gemäss Statistik ist in keiner Schweizer Gemeinde ein ausländischer Familienname im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung stärker verbreitet wie das Geschlecht Ançay in Fully: 60 Einträge weist das elektronische Telefonbuch auf.

Ein Beamter verschrieb sich

Woher seine Familie stammt, weiss ­Georges Ançay heute genau: vom Weiler La Villaz in der Gemeinde Vallorcine im französischen Departement Haute-Savoie – nur gerade 30 Kilometer von Fully entfernt hinter der Grenze. Doch der Winzer staunte, als er entdeckte, dass seine Familie ursprünglich Ancey und nicht Ançay hiess. Der Urahne, mit dem die Familiengeschichte in Fully beginnt, hiess Pierre-Basile Ancey. Dieser war ein für seine Zeit fortschrittlicher Mann. Er zog 1806 aus dem französischen Dörfchen Vallorcine nach Fully und heiratete hier die 21-jährige Witwe Marie-Angélique Darbellay. Pierre-Basile Ancey adoptierte auch deren Tochter aus der früheren Ehe, wobei das Paar in der Folge zehn weitere Kinder zeugte.

Ungeklärt blieb die Frage, warum die Familie heute Ançay und nicht wie einst Ancey heisst. «Da muss sich auf der ­Gemeindeverwaltung von Fully wohl jemand verschrieben haben», mutmasst Georges Ançay. Der Fehler wurde jedenfalls nie korrigiert. Spätestens mit der Einführung der AHV im Jahr 1948 habe die Orthografie definitiv gewechselt. Aus Ancey wurde Ançay.

Georges Ançay hat seine Recherchen in einem dicken Buch zusammengetragen: «Généalogie Famille Ançay» heisst es. Nebst Hunderten von Namen fand er auch Dokumente wie Briefe und Fotos, welche ausgewanderte Familienmitglieder aus den USA oder Brasilien ihren Verwandten ins Wallis sandten. Der 82-Jährige, der sich einst an nichts mehr erinnern konnte, ist längst zum Gedächtnis von ganz Fully geworden. Wer etwas über seine Vorfahren wissen will, meldet sich nicht bei der Gemeinde, sondern gelangt direkt an Georges Ançay. Und auch in seine Reben ist der Winzer längst zurückgekehrt. Zum ­Beweis schenkt er eigenen Wein aus: «À votre santé!»

Erstellt: 08.01.2015, 19:13 Uhr

Serie

Nachnamen in der Schweiz

Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat alle Einträge privater Haushalte des Onlinetelefonbuchs Search.ch auf eine Schweizer Karte kartografiert und Muster herausgearbeitet.
Mithilfe des QR-Codes rechts können Sie
auf der interaktiven Karte prüfen, wie Ihr Name in der Schweiz verteilt ist. Dieser Artikel ist der fünfte Teil einer Serie über Nachnamen in der Schweiz.
Tagesanzeiger.ch/Newsnet

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