«Selbst Umweltschützer waren für den Bau von Kernkraftwerken»

Hans-Rudolf Lutz war der erste Direktor des Kernkraftwerks Mühleberg. Wie blickt «Atom-Lutz» auf sein Lebenswerk zurück – jetzt, da Mühleberg bald vom Netz geht?

Seine Ideen passen nicht in die heutige Zeit: Hans-Rudolf Lutz. Foto: Samuel Schalch

Seine Ideen passen nicht in die heutige Zeit: Hans-Rudolf Lutz. Foto: Samuel Schalch

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Dass er irgendwie nicht in diese Zeit passt, das ist ihm klar. Andere mögen denken, seine Ideen seien von vorgestern. Er selbst ist überzeugt, dass sie von übermorgen sind. «Kommen Sie, von hier aus sehen wir den Kühlturm», sagt Hans-Rudolf Lutz. Er tritt auf die Terrasse seines Hauses im solothurnischen Lostorf und zeigt auf den Kühlturm von Gösgen. Der Wind bläst den Dampf ­Richtung Westen, Richtung Frankreich, wo sie noch Kernkraftwerke bauen. Nicht wie die Deutschen. Die schalteten eben erst Block B von Gundremmingen ab – die erste von zwei 1300-Megawatt-Anlagen. «Eine Kapitalvernichtung», sagt Lutz. «Den hätte man noch 20 bis 30 Jahre weiterbetreiben können.»

Hans-Rudolf Lutz, 85-jährig, setzt sich vor seinen Apple-Bildschirm und öffnet die Website Electricitymap.org. «Da: Deutschland ist braun.» Braun bedeutet: viel CO2 pro Kilowattstunde. Deutschland verbrennt viel Braunkohle. Frankreich ist grün, weil der Strom dort aus Atomkraftwerken kommt. Ebenso Finnland, wo in zwei Jahren das erste Lager für hoch radioaktive Abfälle in Betrieb gehen soll. «Leuthard äfft Merkel nach», sagt Lutz. «Warum kann sie nicht Finnland nachäffen?»

Die Elektrizitätsproduktion in Europa und die daraus resultierenden CO2-Emissionen um 16.38 Uhr gemäss Electricitymap.org. (14. Februar 2018)

Lutz stammt aus Bern. Sein Vater war Posthalter im Matte-Quartier. Er selbst sass eine Zeit lang in Bern im Grossen Rat. Dort war er nicht der einzige Lutz. Direkt vis-à-vis von ihm sass noch einer, einer von der SP. Einig waren sie sich selten: «In 80 Prozent der Abstimmungen haben sich unsere Stimmen gegenseitig aufgehoben.» Zu verdanken hat er dem anderen Lutz aber seinen Übernamen: «Atom-Lutz». So war in Gesprächen klar, von wem die Rede war. «Gestört hat mich das nicht. Die Bezeichnung stimmt ja», sagt er.

Sie stimmt tatsächlich. Lutz’ Leben ist ein Leben für die Atomkraft – oder die Kernkraft, wie sie die Befürworter nennen. Nach einem Physikstudium schrieb er eine Doktorarbeit am Eidgenössischen Institut für Reaktorforschung, das später im Paul-Scherrer-Institut aufging. Seinen Berufseinstieg machte er in Mühleberg. Er wurde zum ersten Direktor des neuen Atomkraftwerks.

Konzertkritik mit Folgen

Die Art, wie er zu der Stelle kam, erachtet er heute als schicksalhaft: Lutz ist Geiger. Noch heute spielt er ab und zu, auch wenn ihm das Hörgerät dabei Mühe macht. Damals, 1965, spielte er im Badener Stadtorchester, einer Amateurformation. Nach einem Auftritt des Orchesters erschien im «Badener Tagblatt» einen Verriss. «Der Autor hat uns an Profiorchestern gemessen.» Lutz war wütend, kündigte das Abonnement des «Badener Tagblatts» und abonnierte die NZZ. Zwei Wochen später erschien dort ein Inserat der BKW. Der Berner Energiekonzern suchte einen Physiker für das Kernkraftwerk Mühleberg, das 1972 in Betrieb gehen sollte. Lutz bewarb sich, sagte aber schon beim Vorstellungsgespräch, dass er eigentlich nicht Physiker, sondern Direktor des neuen Werks sein wolle. So kam es.

Seine erste Aufgabe war es, Schulungen durchzuführen. Er entwickelte eine sechswöchige Ausbildung zur Funktionsweise von Kernkraftreaktoren. Die Teilnehmer waren Angestellte von BBC, Sulzer und anderen Firmen sowie Absolventen des Technikums (heute: Fachhochschule). Ein Dutzend von ihnen stellte Lutz nach dem Kurs ein, als Betriebspersonal für das neue Atomkraftwerk. In der Bevölkerung habe damals eine positive Einstellung zur Kernkraft geherrscht, sagt Lutz. «Selbst Umweltschützer waren für den Bau von Kernkraftwerken.» Später kippte die Stimmung. Wann genau das gewesen sei, könne er nicht sagen. Aber schon bald nach der Inbetriebnahme von Mühleberg seien erste kritische Stimmen aufgekommen.

Lutz ist Präsident des Vereins Kettenreaktion, der den Bau neuer Kernkraftwerke in der Schweiz propagiert.

Die kritischen Stimmen sollten auch seinen Werdegang noch beeinflussen. In den 70er-Jahren hätte Lutz Direktor des geplanten Atomkraftwerks Kaiseraugst werden sollen. «Ein tolles Werk wäre das geworden», sagt Lutz. «Neueste Technik von Siemens und General Electric.» 20 Jahre lang wurde geplant. Fast ebenso lange wehrten sich Umweltschützer und Teile der Bevölkerung gegen das Werk. «Die Bewegung der Gegner schien an Schwung zu verlieren, da kam Tschernobyl», erzählt Lutz. 1988 wurde das Projekt endgültig begraben. Lutz blieb die Aufgabe, alles ordnungsgemäss zu beenden. Auch seine nächste Aufgabe war essenziell für die Atomkraft in der Schweiz. Lutz war verantwortlich für den Bau des Zwischenlagers in Würenlingen, wo heute mangels eines Endlagers der ­gesamte radioaktive Abfall der Schweiz gelagert wird.

«Ein Jahrhundert-Unsinn»

Wie sieht Lutz die Atomkraftgegner? «Das sind Leute, die halt nicht viel wissen über die Technologie», sagt er. Noch heute, 20 Jahre nach seiner Pensionierung, setzt er sich für die Atomkraft ein: Er ist Präsident des Vereins Kettenreaktion, der den Bau neuer Kernkraftwerke in der Schweiz propagiert. Der Verein existiert weiter, auch wenn das, was er will, heute gesetzlich verboten ist. Denn mit der Energiestrategie 2050, die das Volk letztes Jahr annahm, ist festgeschrieben worden, dass keine neuen Atomkraftwerke gebaut werden dürfen. Die Annahme der Energiestrategie sei für ihn ein Tiefschlag gewesen, sagt Lutz. «Ein UdV», sei das. Ein «Untergang der Vernunft». «Ein Jahrhundert-Unsinn. Schreiben Sie das ruhig.»

Vergangenen November diskutierte der Verein Kettenreaktion an seiner Generalversammlung, wie es angesichts des Verbots weitergehen soll. Einer beantragte die Auflösung des Vereins, ein anderer eine thematische Verschiebung. «Aber das wurde mit grosser Mehrheit abgelehnt», sagt Lutz. «Wir kamen zum Schluss, dass wir uns gerade jetzt, wo es sonst niemand mehr tut, um so mehr für die Kernkraft einsetzen müssen.»

2500 Mitglieder hatte der Verein einst. Heute sind es noch rund 700. Was ist mit den anderen passiert? «Gestorben», sagt Lutz. «Wir sind etwas überaltert.» Doch das soll sich ändern. Es sei eine Verjüngungskampagne geplant. Als Erstes wolle man auf die Mitarbeiter der Atomkraftwerke zugehen. Von denen sei nämlich fast niemand Mitglied.

Lutz glaubt daran, dass die Zeit seiner Ideen noch kommt. Ein Freund habe ihm einmal gesagt: «Lutz, du lebst 50 Jahre zu früh.» Das sei 30 Jahre her. Also sei er jetzt vielleicht noch 20 Jahre zu früh. Als Nächstes wird Lutz nun aber miterleben müssen, wie Mühleberg, wo seine Karriere begann, abgeschaltet wird. Das wird nächstes Jahr der Fall sein. «Dann», sagt er, «werde ich vielleicht schon ein Tränchen verdrücken.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2018, 21:03 Uhr

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