Ittigen

Sepp Blatters Bruder und die umstrittenen Werbeevents

Marco Blatter, Ex-Chef von Swiss Olympic, vermittelt Motivationsanlässe der Firma PM International ans Haus des Sports in Ittigen. Speziell: Die Stimmung an den Events erinnert an religiöse Erweckungen.

Die Kunst des Überredens: Umstrittenes Empfehlungsmarketing im Haus des Sports in Ittigen.

Die Kunst des Überredens: Umstrittenes Empfehlungsmarketing im Haus des Sports in Ittigen. Bild: Urs Baumann

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«Wer will ein neues Auto?» ruft Roland H. Wunder. Hände fliegen in die Höhe. Der Referent heizt weiter ein: «Wer will schöne Ferien, wer will Geld verdienen?» Noch mehr Hände, noch mehr Begeisterung. Die rund 100 Teilnehmer erleben zwei Stunden raffinierte Überzeugungskunst. Manchmal erinnert die Stimmung an religiöse Erweckung.

Wunder ist Motivationscoach und vertritt die Firma PM International. Wunder schwärmt in einem Saal im Ittiger Haus des Sports vom Empfehlungsmarketing. Wer einsteigt, verkauft ein Produkt nicht nur direkt, sondern rekrutiert weitere Anbieter und erhält Provisionen auf dessen Verkäufen. Das System lebt davon, dass stets neue Partner dazustossen. Wer auf dieser Pyramide oben ist, profitiert vom Umsatz der Angeworbenen. PM International vertreibt vor allem Fitline, Nahrungsergänzungen nicht nur für Sportler, sondern gemäss Werbung für jedermann.

Profitiert vom guten Namen

Die Einstiegsabende sind meist in Geschäftsräumen oder Hotelsälen. In der Region Bern hingegen ist der Motivationsanlass seit Juli 2012 im Haus des Sports in Ittigen. Die Organisatoren profitieren damit vom guten Namen des Zentrums, in dem neben dem Dachverband Swiss Olympic 15 Sportverbände zuhause sind.

Das Haus des Sports vermietet Seminarräume auch an Aussenstehende. Geschäftsführer dieses Dienstleistungsbetriebs ist Hans Babst. Er habe noch keinen PM-Abend besucht, erklärt er. Die Verbindung zu PM International sei über den früheren CEO von Swiss Olympic erfolgt. Marco Blatter ist das, der Bruder von Fifa-Präsident Sepp Blatter.

Undurchsichtige Entschädigungen

Das Lokal sei ausgezeichnet ausgestattet, gut erreichbar und günstig zu mieten, sagt Blatter. Weil Fitline ein hervorragendes Produkt sei, passe der Veranstaltungsort gut zum Angebot. «Die meisten Besucher bemerken gar nicht, dass sie im Haus des Sports sind.» Blatter war auch schon Referent an PM-Anlässen. Im Vertriebssystem ist er «Marketing Manager» und kann dabei seine Verbindungen zur Sportwelt nutzen: «Ich verdiene monatlich 700 bis 1000 Franken», verrät er.

PM-Mitarbeiter können sich über mehrere Ebenen hinaufarbeiten, vom «Geschäftspartner» zum «International Marketing Manager». Die Entschädigungen sind schwer überblickbar. In Blogs wird erwähnt, dass Erfolgreiche monatlich mehr als 1000 Franken verdienen können. Der Hauptsitz von PM International ist in Luxemburg, der Schweizer Ableger in Thayingen SH.

«Heimtückisches System»

Geschäftsführer Thomas Rauscher lobt das System: Wer sich einsetze, lerne und sich entwickle, habe Erfolg. Ausserdem könne man seinen Bekanntenkreis nutzen. wie viel Umsatz und wie viele Vertriebspartner die Schweizer Organisation habe, verrät er nicht. Doch erwähnt er, dass PM mit Fitline-Produkten Sportler unterstützt, etwa Beat Hefti, der im Zweierbob WM-Silber holte.

Empfehlungsmarketing, auch Direkt- oder Networking-Marketing genannt, ist kein Schneeballsystem und deshalb legal. Branchenkenner warnen dennoch. Daniel Schlachter vom Verband «Heimarbeit.ch»: «Die Firmen wecken Erwartungen, die nur ganz selten erfüllt werden.» Der Aufbau funktioniere so lange bis der Bekanntenkreis abgeklappert sei. Wer darüber hinaus akquirieren wolle, erlebe arge Frustrationen. Heimtückisch sei das System, weil oft sozial Schwächere oder wenig Qualifizierte hereinfallen würden.

Kontaktperson zugeteilt

Sara Stalder vom Schweizerischen Konsumentenschutz bestätigt dies. Sie fügt an, dass sich Nahrungsergänzungen besonders gut für Strukturvertriebe eignen: «Wie das Marketingsystem beruht auch die Wirkung dieser Produkte auf Versprechungen und Hoffnungen.»

Wer über Empfehlungsmarketing zu Geld kommen will, muss Leute anwerben. Das erfährt der Journalist. Bei der öffentlichen Ittiger Veranstaltung mit Roland H. Wunder bekam er eine Kontaktperson zugeteilt. Die Frau lud ihn zu einer Folgeveranstaltung ein. Das Meeting in ihrer Wohnung, war kein wirklicher Erfolg: Der Ehemann wollte Fernsehen, die Tochter Klavier üben. Die Computerpräsentation blieb stecken. Und das Produkt schmeckte so wie andere Sportler-Getränke. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.02.2013, 09:54 Uhr

Marco Blatter, Ex-Chef Swiss Olympic. (Bild: Keystone )

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