Servieren geht über Studieren

Die Bologna-Reform führt sich selber ad absurdum: Trotz stressiger Punktejagd bleibt der Werkstudent die Regel.

Oper, Krebsliga, Argus, Kulturstiftung Haus Appenzell – alles Arbeitgeber der Werkstudentin Ladina Cavelti.

Oper, Krebsliga, Argus, Kulturstiftung Haus Appenzell – alles Arbeitgeber der Werkstudentin Ladina Cavelti. Bild: Doris Fanconi

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Sie arbeiten als Hilfspfleger in Spitälern, sitzen an der Migros-Kasse, helfen auf Zeitungsredaktionen aus und betätigen sich im Service. Drei Viertel der 200'000 Studierenden in der Schweiz haben einen Nebenjob, wie jüngst eine Studie des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigt. Das Erstaunliche: Es sind praktisch gleich viele wie vor der Bologna-Reform. Trotz Jagd nach Kreditpunkten, Prüfungen nach jedem Semester und Studienzeitbeschränkung erwirtschaften die jungen Leute nebenher ein Drittel der Mittel, die sie fürs Studium und den Lebensunterhalt brauchen.

Neuntes Semester im Bachelor

Ladina Cavelti, 26, studiert an der Uni Zürich Psychologie im Hauptfach, Jura und Wirtschaft in den Nebenfächern. Sie ist bereits im neunten Semester, aber den Bachelor hat sie noch nicht ganz geschafft. Dabei betrüge die Regelstudienzeit für den ersten Bologna-Abschluss sechs Semester. Doch die junge Frau ist Werkstudentin. Gejobbt hat sie schon immer. Sie gab Nachhilfeunterricht, arbeitete am Opernhaus als Beleuchtungsstatistin, tippte bei der Krebsliga Daten ein. Derzeit hat sie eine Stelle beim Schweizer Medienbeobachter Argus, zu 40 Prozent, und schneidet am Computer Zeitungsartikel aus. Arbeitsbeginn ist morgens um sechs, gegen Mittag geht sie an die Uni. Im Herbst hilft sie ausserdem bei Ausstellungen der Zürcher Kulturstiftung Haus Appenzell mit.

Als angehende Psychologin faszinieren sie «die Abgründe des Menschen». Ihr Berufsziel ist aber nicht die Psychotherapie, sondern die forensische Psychologie. Am liebsten würde sie dereinst als Rechtspsychologin bei der Polizei Gutachten erstellen. Und gerne würde sie den Master an einer englischen Uni machen, weil es dort exzellente Kriminologen gibt. Ausgerechnet in England, wo die Studiengebühren exorbitant hoch sind. «Ich müsste im Lotto einen Sechser gewinnen», sagt sie und lacht.

Gefangen im Normierten

Viel zu lachen haben die Studierenden heutzutage nicht. Längst sind die Zeiten vorbei, als das Hochschulstudium noch eine anregende Nebenbeschäftigung war, zumindest für Phil-1er. Man liess sich an der Uni blicken, wenn einen die Vorlesung wirklich interessierte, engagierte sich im Übrigen in allerlei Politgrüppchen und sonstigen Zirkeln – und brüstete sich damit, wenn man die Normstudienzeit um Jahre überzog. Es war auch möglich, die Seminararbeit über Dürrenmatt zwei Semester verspätet abzugeben, dafür ausgebaut zu einer halben Lizenziatsarbeit. Und der Professor honorierte sie mit der Bestnote.

Im Bologna-System ist hingegen alles genormt: die Studienzeit, die hohe Prüfungskadenz, die Lerninhalte. Diese werden meist gemäss Multiple-Choice-Verfahren getestet. Mit der Folge, dass die Studierenden wie verrückt Wissen pauken, auf Kosten von Vertiefung und problemlösendem Arbeiten. «Es herrscht ein Bulimie-Lernen», sagt der Zürcher Soziologieprofessor Kurt Imhof: «Reinfuttern, rauskotzen, vergessen.»

Pervertiertes Bummeln

Das Paradoxe daran: Die meisten Studierenden beugen sich zwangsläufig dem Bologna-System – und führen es zugleich ad absurdum. Dies in dreierlei Hinsicht:

Erstens sollte Bologna ein effizienteres und schnelleres Studieren ermöglichen. Das Gegenteil ist der Fall. Gemäss einer jüngsten Erhebung des Bundesamts für Statistik dauert ein Studium unter dem Bologna-Regime im Schnitt 6,3 Jahre – drei Monate länger als früher. Der Grund: Die verschulten Lehrgänge lassen sich schlecht mit Nebenjobs kombinieren, die zur Finanzierung des Studiums nötig sind. Das Beispiel von Ladina Cavelti ist also nicht etwa die Ausnahme, sondern die Regel. Die Bummelstudenten von einst sind mit der Bologna-Reform nicht verschwunden, sondern leben in pervertierter Form weiter – aber unter erheblich mehr Stress.

Marktfähigkeit des Studiums nicht erhöht

Zweitens sollte Bologna die Marktfähigkeit des Studiums erhöhen. Das Gegenteil ist der Fall. Wie eh und je haben nach Studienabschluss bei der Stellensuche jene bessere Chancen, die bereits Erfahrungen in der realen Arbeitswelt vorweisen können. Doch im straff durchorganisierten Studium ist dies eigentlich nicht vorgesehen. Die Studierenden tun es trotzdem. «Mein Job bei Argus qualifiziert mich zwar nicht direkt für meinen Traumberuf», sagt Ladina Cavelti. Bei einer Bewerbung könne sie aber nachweisen, dass sie wisse, «wie es in der Privatwirtschaft läuft».

Drittens sollte Bologna die Mobilität im europäischen Hochschulraum erhöhen. Auch das funktioniert nicht: Gemäss der BFS-Studie entscheiden sich nur «marginal» mehr Studierende für ein Auslandsemester als vor der Reform. Der Grund: Die Studenten müssen davon ausgehen, dass ihnen die an einer ausländischen Uni erworbenen Kreditpunkte nicht angerechnet werden. Und auch hier gilt überdies: Vielen fehlen die finanziellen Mittel. Denn dass man im Ausland einen Nebenjob finden würde, ist illusorisch.

Negatives Fazit

Fazit: Bologna hat die wirtschaftliche Situation der Studierenden nicht einkalkuliert. Mit drei Viertel Werkstudenten bleibt ein auf Effizienz und Mobilität getrimmtes Studium eine Illusion.

Zugleich verschärft Bologna die Chancenungleichheit. Noch immer stammen 46 Prozent der Uni-Studierenden aus einem akademischen Elternhaus, während bloss 10 Prozent aus Unterschichtfamilien kommen. Sie und Studierende aus dem unteren Mittelstand sind aber besonders auf einen Nebenjob angewiesen. Denn auch das Stipendienwesen liegt im Argen: Der Realwert der Beiträge ist um ein Viertel tiefer als vor 15 Jahren, und die Bezügerquote stagniert bei 10 Prozent.

Gegen das «Bulimie-Lernen»

Nach den Studentenprotesten im Herbst 2009 gärt es nun aber auch bei Studienreformern und Bildungspolitikern. Die Remedur geht in zwei Richtungen: Erstens wird bei Bologna zurückbuchstabiert. An der philosophischen Fakultät der Uni Zürich gibt es ein Projekt gegen das «Bulimie-Lernen». Es soll künftig deutlich weniger Prüfungen geben – und im Gegenzug wieder vermehrt schriftliche Arbeiten.

Zweitens stehen die Studienbeihilfen auf der politischen Agenda. In den Kantonen läuft die Ratifizierung eines Konkordats der Erziehungsdirektorenkonferenz. Ziele sind eine schweizweite Harmonisierung und Mindeststandards (16'000 Franken für ein Vollstipendium). Dem Verband der Studierendenschaften geht dies aber zu wenig weit. Er hat eine Volksinitiative lanciert, die «existenzsichernde Stipendien» (bis 22'000 Franken) fordert. Die Unterschriftensammlung läuft noch bis Januar 2012.

Erstellt: 02.01.2011, 20:26 Uhr

Herkunft der Einnahmen in Prozent.

Ausgaben bei auswärtigem Wohnen pro Monat in Franken.

Doppelbelastung für 3 von 4 Studierenden.

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«Es sei denn, man lebt spartanisch»

Sie ist ein typisches Mittelschichtkind, aufgewachsen in einer Familie ohne akademischen Hintergrund. Der verstorbene Vater war Posthalter. Die Mutter ist gelernte Sozialpädagogin. Weil die beiden Frauen in einer Art WG zusammenleben, bleiben Ladina Cavelti die Mietkosten erspart.
Dass sie ihr Leben ansonsten selber finanziert, ist der Werkstudentin wichtig. Mit den rund 1700 Franken, die ihr 40-Prozent-Job monatlich einbringt, schafft sie das locker. Zumindest, wenn man die Durchschnittszahlen zum Massstab nimmt, welche die BFS-Studie «Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Studierenden» ermittelte: 1210 Franken pro Monat benötigen Studierende, die bei den Eltern wohnen. Ausserhalb des Elternhauses sind es 1870 Franken.
Die Angaben zu einzelnen Budgetposten erscheinen Ladina Cavelti allerdings zu tief, «es sei denn, man lebt sehr spartanisch». 130 Franken für Freizeitaktivitäten? «Die sind mit einem einzigen Skitag weg.» 600 Franken für ein WG-Zimmer? «Das ist für Zürich extrem knapp.» 70 Franken für Kommunikation? «Das geht nur mit einem Natel Prepaid, sicher nicht mit einem iPhone.»
Ob sie allenfalls Stipendien erhielte, hat sie gar nicht erst versucht herauszufinden. Von Mitstudierenden weiss sie aber, «dass es sehr schwierig ist». In der Tat: Der Kanton Zürich zahlt zwar mit durchschnittlich 7300 Franken die höchsten Beiträge, hält aber die Bezügerquote auf tiefen 5 Prozent.
«Ein Studium ist zwar nach wie vor ein Privileg», betont sie, die kürzlich in den Studierendenrat gewählt wurde. Zu höheren Semestergebühren sagt sie trotzdem kategorisch Nein. Auch dann, wenn nur ausländische Studierende betroffen wären: «Für diese sind schon die Lebenshaltungskosten höher als in ihrem Herkunftsland.» Falls man den Zustrom ausländischer Studierender limitieren wolle, dann nur über Qualitätskriterien. «Eine sehr schwierige Thematik. Ich bin froh, dass ich nicht mitentscheiden muss.»

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