Sexismus – sogar im Bundeshaus

Die Aktion #SchweizerAufschrei geht derzeit viral. Mit dabei: Bekannte Politikerinnen, die von Vorfällen aus dem Parlament berichten.

«Ein Bewusstsein für dieses Problem schaffen»: SP-Nationalrätin Mattea Meyer.

«Ein Bewusstsein für dieses Problem schaffen»: SP-Nationalrätin Mattea Meyer. Bild: Lukas Lehmann/Keystone

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Die Aktion #SchweizerAufschrei verbreitet sich gerade wie ein Lauffeuer. Unter diesem Hashtag erzählen Frauen auf Social Media davon, wie sie im Alltag Sexismus oder gar sexuelle Belästigungen erleben. Ein User zählte schon gestern Abend alleine auf Twitter 1136 Einträge zu diesem kontroversen Thema. Heute sind schon viele weitere dazugekommen. Und auch auf Facebook geht das Thema viral.

Die Geschichten sind teilweise erschreckend: Sie reichen von unangebrachten Sprüchen über Beleidigungen bis zu Begrapschen und Schlimmerem. So schildert eine Frau, wie sie am helllichten Tag am Zürcher Hauptbahnhof von einem Fremden berührt und beinahe weggezerrt wurde und niemand intervenierte. Eine andere beschuldigt ihren Chef, einen Gast in Schutz genommen zu haben, der sie beim Servieren in der Beiz begrapschte, weil dieser schliesslich immer Trinkgeld gebe.

Vor unterschwelligem Sexismus scheint sogar das Bundeshaus nicht gefeit zu sein. Unter den Frauen, die ihren Unmut äussern, befinden sich auch bekannte Politikerinnen. Min Li Marti, SP-Nationalrätin und Frau von Grünen-Parlamentarier Balthasar Glättli, beispielsweise ärgert sich über Ratskollegen, dir ihr empfahlen, sich ein kompliziertes Thema am besten von ihrem Mann erklären zu lassen.

Auch SP-Nationalrätin Mattea Meyer machte schon ähnliche Erfahrungen. Sie sei von Ratskollegen kichernd gefragt worden, wann es Nacktbilder von ihr gebe, schrieb sie auf Twitter. «Es geht darum, ein Bewusstsein für dieses Problem zu schaffen», sagt Meyer auf Nachfrage. Denn Alltagssexismus sei meist subtil und betreffe viele Frauen. «Die vielen einzelnen Erfahrungen werden durch den Aufschrei sichtbar. Die Debatte ist wichtig, weil sie Betroffene ermutigt, darüber zu sprechen, und sie sich nicht alleingelassen fühlen und Sexismus als normal empfinden», so die Politikerin.

Auch Ratskollegin Marti will mit ihrem Engagement Frauen Mut machen und sie darin bestärken, von ihren negativen Erlebnissen zu erzählen und sich zu wehren. Politische Vorstösse sind gemäss den beiden derzeit noch nicht geplant. Sie wollen in erster Linie die Öffentlichkeit für dieses Thema sensibilisieren.

Sowohl Meyer als auch Marti geben an, dass die Aussage von Andrea Geissbühler Hauptauslöser für ihr Handeln gewesen sei. Die SVP-Nationalrätin, deren Name in vielen #SchweizerAufschrei-Tweets auftaucht, sagte am Sonntag in einem Beitrag von TeleBärn, dass «naive Frauen, die fremde Männer nach dem Ausgang mit nach Hause nehmen und ein bisschen mitmachen und dann doch nicht wollen», eine Mitschuld an Vergewaltigungen hätten.

Dass Geissbühler ihre Aussage später als «Fehler» bezeichnete – unter anderem in einem Interview mit dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet – nützte nichts mehr. Verschiedene Frauen, darunter Franziska Schutzbach, die am Zentrum Gender Studies der Uni Basel lehrt, initiierten die Debatte #SchweizerAufschrei und knüpften damit an die deutsche #Aufschrei-Aktion an, die vor gut drei Jahren für Furore sorgte.

Jener Hashtag wurde 2013 sogar mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet, weil er eine «gesamtgesellschaftlich in aller Breite geführte Diskussion» im Internet auslöste und Menschen in ganz Deutschland bewegte. Er lancierte eine nationale Debatte. Dasselbe erhoffen sich die Schweizerinnen von #SchweizerAufschrei.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.10.2016, 12:24 Uhr

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