Sie feiern grün und sehen schwarz

Die Grüne Partei wird 30 – wie lange wird es sie noch geben? Die Partei leidet unter der Konkurrenz, die sich ebenso ökologisch gibt.

Die Grünen leiden unter der Konkurrenz, die sich ebenso ökologisch gibt: Maya Graf (links) bei einer Wahlveranstaltung (Archivbild).

Die Grünen leiden unter der Konkurrenz, die sich ebenso ökologisch gibt: Maya Graf (links) bei einer Wahlveranstaltung (Archivbild).

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Alles grünt, Frühlingserwachen. Nur Allergikern ist zum Weinen zumute. Morgen Samstag grünt es in Biel besonders stark. Dort feiern die Grünen ihren 30. Geburtstag, im Calvinhaus übrigens – irgendwie passt das zu dieser Partei.

Der Reformator Johannes Calvin predigte den Verzicht auf jede Vergnügung. Er erhob die Selbstgenügsamkeit zur Kardinaltugend. Die Grünen stehen in Calvins Tradition. Sie wollen «der Profitmaximierung Einhalt gebieten», wie sie in ihrem Manifest («Eine andere Welt ist möglich») schreiben. Ein Manifest übrigens, das selbst Nichtallergikern die letzte Freude am Frühling austreibt. Denn «der gegenwärtige Zustand der Erde», lesen wir darin, «gibt kaum Anlass zur Hoffnung».

Bluff mit Altersangabe

Die Grünen möchten den «Zuwachs des internationalen Lastwagen- und Flugverkehrs» begrenzen. Sie wollen die Gentechnologie beschränken. Sie möchten den Privatverkehr in den Städten verbieten. Sie handeln streng nach Calvins Devise, wonach nur die von Gott gesandten Katastrophen gleich­mütig hinzunehmen, die von Menschen verursachten aber aufs Erbarmungs­loseste zu bekämpfen seien.

Dreissig Jahre sind ein relativ jugendliches Alter. Wobei gesagt werden muss, dass die Grünen mit dieser Altersangabe ein bisschen bluffen. Eigentlich haben sie nämlich schon 42 Jahre auf dem Buckel. 1971 fanden sich Freisinnige, Liberale und Sozialdemokraten in Neuenburg zusammen, um den Bau einer Autobahn durchs Stadtzentrum zu bekämpfen. Das mouvement populaire pour l’environnement war geboren – eine Vorläuferin der heutigen Grünen Partei. 1983 schlossen sich dann verschiedene grüne Gruppierungen zur Föderation der Grünen Parteien der Schweiz zusammen.

Ökologisch sind alle

Die Geburtstagsfeier findet unter ­erschwerten Bedingungen statt. Alle sind ja so grün heute. Da fällt es den Originalgrünen schwer, mit grünen Postulaten überhaupt noch aufzufallen. «Handeln, nicht lamentieren» will zum Beispiel die SVP. Sie fordert in ihrem Parteiprogramm dazu auf, den «Umweltschutz nicht den Linken zu überlassen». Die FDP plädiert für eine «Wirtschaftspolitik, die umweltpolitischen Zielen verpflichtet» ist. Die CVP ist für eine «nachhaltige Entwicklung», um «die Umweltverschmutzung in den Griff zu bekommen». Die SP schliesslich strebt eine «sozial-ökologische Wirtschaftsdemokratie» an.

Das ist viel Konkurrenz und doch noch längst nicht alles. Eine Partei ­namens Grünliberale erobert bei den Wahlen 2011 auf einen Schlag 14 Sitze in der Vereinigten Bundesversamm-lung – die Grünen hingegen mussten lange kämpfen, bis sie auf ihre derzeit 17 Mandate kamen.

Spass: Nie relevante Kategorie der Grünen

Eine CVP-Bundesrätin namens ­Doris Leuthard, die als Nationalrätin noch Mitglied des atomfreundlichen Nuklearforums war, beschliesst mit einem Federstrich, was die Grünen seit Jahrzehnten verlangen: den Ausstieg aus der Atomenergie. Und eine Autoindustrie, deren Produkte die Grünen stets verteufelten, bringt mittlerweile Fahrzeuge auf den Markt, die auch unter der Motorhaube so grün sind wie nie zuvor.

Macht angesichts dieser Entwicklungen ein runder Geburtstag überhaupt noch Spass? Spass war nie eine relevante Kategorie für die Grünen. Sie tragen schwer am Wissen, dass der Globus «dem Verderben geweiht ist», wie es in ihrer Wahlplattform 2011 heisst. Sie sehen schwarz und feiern trotzdem grün.

«Wenig bewegend und beweglich»

Die Endzeitpropheten, die sich in der Rolle der Retter sehen, sind schon ein paarmal totgesagt worden. «Die Grünen kommen wie die Maikäfer und werden wieder verschwinden», prophezeite 1983 Andreas Herczog, Nationalrat der Progressiven Organisationen der Schweiz (Poch), voller Häme.

1995 erklärte der damalige SP-Präsident Peter Bodenmann die Grünen ebenfalls kurzerhand für erledigt. Sie seien, schrieb er in der «Roten Revue», in ihrem «ökologischen Kerngeschäft zu wenig bewegend und beweglich». Parteipolitisch, versprach Bodenmann, werde es fortan «links als Machtfaktor nur mehr die SP» geben.

Seither sind die Grünen selbst­bewusst gleich mehrfach bei Bundes­ratsersatzwahlen angetreten. Zehn ihrer Vertreter sitzen in kantonalen Regierungen. In Basel, Liestal, Schaffhausen und Lausanne stellen die Grünen das Stadtpräsidium. Mag die Welt auch untergehen – die Grünen leben, noch. (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.04.2013, 10:31 Uhr

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