Schweiz

«Sie haben mich gefragt, ob ich gute Freunde in Einsiedeln hätte»

Einbürgerung abgelehnt: Der 75-jährige Amerikaner Irving Dunn sagt, was er gefragt wurde und wie er sich vorbereitete.

«Ich habe schlecht performt»: Der abgewiesene Irving Dunn. Foto: Sabina Bobst

«Ich habe schlecht performt»: Der abgewiesene Irving Dunn. Foto: Sabina Bobst

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Eine halbe Stunde lang wurde diskutiert. Unter Kronleuchtern und Stuck­decke flogen die Argumente hin und her, der reformierte Pfarrer beschwor die Bürger, dem Antrag des Bezirksrats nicht zu folgen, SVP-Anhänger hielten dagegen. Schliesslich entschieden die Einsiedlerinnen und Einsiedler am Montagabend per Handzeichen: Irving Dunn, pensionierter ETH-Chemie­dozent, seit 39 Jahren in Einsiedeln zu Hause, wird nicht eingebürgert.

Der 75-jährige Amerikaner habe zwar einen guten Leumund, geordnete finanzielle Verhältnisse und alle Sprachprüfungen bestanden, heisst es im Ablehnungsantrag des Einsiedler Bezirksrats. Dunn ist Mitglied des Segelclubs Sihlsee, Mitglied des Tennisclubs Einsiedeln und geht gerne wandern. Doch die Einbürgerungskommission war der Meinung, dass sich der Mann nicht genug angestrengt habe: Seine Kenntnisse der lokalen Politik und Geografie seien eindeutig ungenügend. Dunn sei zum Beispiel nicht in der Lage, die sechs Ortschaften des Bezirks Einsiedeln vollständig aufzuzählen. Zudem sei der Amerikaner zu wenig integriert. Er könne kaum Namen von Freunden und Bekannten in Einsiedeln nennen, eine Beteiligung am gesellschaftlichen Leben sei kaum ersichtlich. Auch ein Professor müsse sich an die geltenden Regeln halten, sagten verschiedene Leute am Montagabend an der Versammlung.

Prüfung statt Gespräch

Wie viele Seen gibt es im Kanton Schwyz? Welche davon liegen ganz auf Kantonsgebiet? Welche Firma in Einsiedeln ist der grösste Arbeitgeber? Und welche Feiertage gibt es nur in Einsiedeln? Solche Fragen musste der Akademiker an einem Abend im Herbst 2013 vor der Einbürgerungskommission beantworten. «Ich weiss, dass ich da schlecht performt habe», sagt der Abgewiesene. Aber er habe an diesem Abend nicht eine Prüfung, sondern ein ungezwungenes Gespräch erwartet. «Ich habe zwar im Internet recherchiert und Sachen über die Region gelernt», sagt er. Doch bei dem Gespräch sei er einfach müde gewesen und habe sich an viele Dinge nicht erinnern können.

«Man kann sich fragen, ob alle Fragen angemessen sind», sagt der Landschreiber Peter Eberle. Aber man sei nicht so pingelig, wie das jetzt töne: «Es kann gut sein, dass man nur die Hälfte dieser Fragen beantwortet und trotzdem eingebürgert wird, wenn die Gesamtbeurteilung positiv ausfällt.» Doch der pensionierte ETH-Professor sei bei der Einbürgerungsbehörde auch sonst schlecht angekommen. «Er hat das Ganze zu wenig ernst genommen und sich wohl auch schlecht verkauft», sagt Eberle, der selber nicht der Kommission angehört. Dem Gremium ist offenbar in den falschen Hals geraten, dass Dunn sein ehrliches Einbürgerungsmotiv genannt hat: Er macht sich Sorgen, dass er bei ­einem längeren Auslandsaufenthalt seine Niederlassungsbewilligung verlieren könnte. «Bei einem Unfall oder einem Spitalaufenthalt im Ausland könnte ich irgendwelche Fristen in der Schweiz verpassen», erklärt Dunn.

Das sei ein legitimes Motiv, aber es sei trotzdem undiplomatisch, diese praktischen Überlegungen als Hauptgrund zu nennen, sagt Eberle – andere reden an dieser Stelle von ihrer Liebe zur Schweiz. Im Ablehnungsantrag des Bezirksrats hiess es dann: «Die Antworten des Gesuchstellers haben ergeben, dass sich die Einbürgerungsmotive nicht aus der Integration, sondern aus persönlichen Vorteilen, welche sich der Gesuchsteller dadurch verspricht, ergeben.»

Kaum Bekannte?

Das alles wäre für Dunn nur halb so wild. Was ihn jedoch wütend macht, ist, dass man ihn als komplett unintegriert dar­gestellt hat: «Sie haben mich gefragt, ob ich gute Freunde in Einsiedeln hätte», erzählt er. Darauf habe er wahrheitsgetreu mit «Nein» geantwortet: Seine guten Freunde wohnen in Zürich und im Ausland. «Aber ich habe in Einsiedeln viele Bekannte, ich kenne die Namen der Leute in meiner Strasse, einige grüssen mich sogar.» Der Segelclub habe einen Leserbrief an die Lokalzeitung geschrieben, in dem er sich für Dunns Einbürgerung starkmachte. Trotzdem hiess es bei der Versammlung, Dunn könne kaum Namen von Bekannten nennen.

Der Amerikaner, der in Princeton dissertiert und in den USA, Deutschland und in der Türkei geforscht hat, ist 1971 in die Schweiz gezogen, nachdem ihm die ETH eine Stelle angeboten hatte. Seine Frau arbeitete bald als Englischlehrerin an der Klosterschule in Einsiedeln, und 1975 zog das Paar nach Gross, wo es drei Kinder grosszog. Wie kann es sein, dass die Familie nach 39 Jahren noch immer als schlecht integriert gilt? Die Freunde sagen, Dunn sei halt eher introvertiert und auf seine Karriere fokussiert gewesen. Dunn sagt selbstkritisch, nach dieser langen Zeit könnte man schon besser integriert sein. «Aber mit drei Kindern ist das Bedürfnis nach Gesellschaft nicht so gross.» Zudem lebten die Schweizer selber auch eher zurückgezogen. In den 39 Jahren sei er kaum in einem Schweizer Haushalt gewesen.

Dunn überlegt sich nun, den Entscheid ans Verwaltungsgericht weiterzuziehen. Einen Groll auf die Schweiz hegt er aber nicht. «Ich muss ja nicht hierbleiben, ich könnte nach Kalifornien zurückkehren», sagt er. Sein Bruder betreibt einen Weinberg im Napa Valley. Doch noch ist ihm Einsiedeln lieber.

Erstellt: 15.10.2014, 06:52 Uhr

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