«Sie haben recht, das war ein Risiko»

Stephan Klapproth macht bei «10 vor 10» Schluss. Der Moderator über seine Sioux-Methode und wie nahe er an Giannis Varoufakis dran war.

Stephan Klapproth prägt seit langem das Nachrichtenmagazin «10 vor 10». Bild: Sandra Bäbler

Stephan Klapproth prägt seit langem das Nachrichtenmagazin «10 vor 10». Bild: Sandra Bäbler

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Herr Klapproth, in einer Ihrer ersten «Sternstunden Philosophie» interviewten Sie eine chinesische und eine türkische Starmoderatorin. Die beiden Frauen redeten Sie an die Wand. Sind Sie als Moderator gescheitert?
Na ja, ausreden lassen ist wohl die schlimmste journalistische Todsünde nicht. Aber Sie haben recht: Berufskolleginnen einzuladen, die ebenfalls auf Wortführerschaft trainiert sind, war ein Risiko. Ich beobachtete das Ganze mit einem gewissen Spass. Ich wusste aber, dass der Moment kommen wird, in dem ich den Kolleginnen sage: Der Chef bin ich.

Dieser Moment kam sehr spät.
Mag sein. Aber ich dachte mir, wenn schon, dann lieber von zwei weiblichen Kolleginnen überfahren werden als von Männern!

Ach ja?
Das liegt wohl an meiner frühritterlichen Erziehung: Zur Seite treten, wenn Damen reden, fällt mir leichter.

Sie haben also keine Angst vor einer öffentlichen Blamage?
Wer moderiert, muss bereit sein, im Dienst der Sache auch mal dümmer auszusehen, als er ist. Für mich war das Interview vor allem ein Experiment. Ich wollte mit einer Vertreterin des chinesischen Staatsfernsehens über Pressefreiheit sprechen. Wenn ich dabei mit dem strengen westlichen Zeigefinger hantiere, kommt es zu einem sterilen Streit zwischen Ost und West. Darum entschied ich mich für einen anderen Weg. Ich nenne es die Sioux-Methode.

Sioux-Methode?
Ich schleiche mich dem Thema sozusagen in Mokassins an. Dafür nehme ich in Kauf, etwas softer zu wirken, ein bisschen schüchterner, zögernder. Ich habe diese Anschleichmethode übrigens auch auf meine Mindmap gezeichnet.

Solche Sachen stehen auf diesen bunten Papieren, die Sie in die Sendung mitbringen?
Ich habe verschiedene Äste eingezeichnet, auf denen die Meinungs- und Pressefreiheit mit Stichworten im Uhrzeigersinn zunehmend deutlich benannt ist.

Noch stehen Sie an zwei Fronten; die Sternstunden einerseits und die Newsfront anderseits. Wann nehmen Sie Abschied von «10 vor 10»?
Am 4. September werde ich schätzungsweise mein 2000stes und zugleich auch mein letztes «10 vor 10» moderieren.

Lassen Sie sich dafür etwas Spezielles einfallen?
Der verbale Planungshorizont eines Newsmoderators ist der jeweilige Abend. Wie ich mich verabschiede, habe ich mir noch nicht überlegt.

Nach 2000 Sendungen dürften Sie sich ruhig richtig inszenieren.
Dienen und verschwinden, sagte mal ein Wirtschaftsboss zu mir. Wobei es bei mir natürlich kein vollständiges Verschwinden ist.

Aber fast. Die wenigsten schauen «Sternstunde Philosophie».
Nun ein paar volle Fussballstadien sinds zahlenmässig in der Regel schon. Und von einem Publikum, das auch anspruchsvolle Vertiefung nicht scheut, träumt jeder Fernsehmacher.

Sind Sie ein Newsjunkie, der nun auf Entzug geht?
Der Unterschied zwischen «10 vor 10» und der «Sternstunde Philosophie» ist kleiner, als ich es mir vorgestellt hatte. Man versucht in beiden Formaten komplexe Zusammenhänge zu verstehen und sie auf etwas Handliches herunterzubrechen. Bei «10 vor 10» geht es eher um was, wer, wann, wo, wie. Bei der «Sternstunde» widmen wir uns mehr dem «Warum».

Hatten Sie genug von den anderen fünf W?
Nein. Die sind Voraussetzung fürs sechste W. Und auch der Adrenalinkick ist nicht weg. Die 57 Minuten, die zwar nicht live sind, aber unverändert gesendet werden, haben die Intensität von «Alles oder nichts».

Konkret?
Schon nach ein paar Minuten Gespräch frage ich mich, müsste alles anders sein? Nein, es läuft prima! Nein, es ist daneben! Innerlich mache ich die ganze emotionale Achterbahnfahrt durch, die man auch live erlebt. Ausserdem bin ich noch ein Greenhorn – die Lernkurve ist gross, aber auch die Chance, in eine falsche Richtung loszutraben. Es ist ein grosses Abenteuer.

Sie interviewen nun die ganz grossen Zeitgenossen. Ehrfurcht?
Wenn man sich das Lebenswerk einer Persönlichkeit anliest, steigt die Ehrfurcht vor dem Autor – wenn er gut ist. Den Wirtschaftspublizisten Nassim Taleb zum Beispiel fand ich nach dem ersten Buch «Der schwarze Schwan» gut, aber unzumutbar chaotisch. Doch als ich dann für die Sendung seine anderen Bücher gelesen hatte, glaubte ich um Mitternacht vor der Sendung zu erkennen, dass dieses Chaos Methode hat – und zwar wirklich, er ist ja Statistiker. Und dann kam die Ehrfurcht. Ich lag falsch mit meiner Kritik. Und dann musste ich die Sendung neu arrangieren.

Das hat man gespürt. Es war ein eher steifes Gespräch, Taleb dozierte viel…
Für talebsche Verhältnisse war das schon eher locker. Ich hatte ihn stundenlang auf Youtube analysiert und auch einen Livevortrag besucht, er gilt ja als arrogant…

…und er hasst Journalisten.
Ich wollte eigentlich mit der Frage einsteigen: Sie mögen Leute wie mich nicht? Doch kamen mein Produzent und ich zum Schluss, dass dies Talebs Lust am Dialog nachhaltig zu verderben drohte – und wir zogen die Sioux-Methode inklusive gut illustrierten Dozierens bei einer so grossen Nummer vor.

Der ehemalige deutsche Aussenminister Peer Steinbrück, bei dem man die Kavallerie auffahren kann, liegt Ihnen mehr.
Klar! Bei Steinbrück – er ist ein leidenschaftlicher Streiter – ging ich auf volles Risiko.

Wer wäre Ihr absoluter Wunschgast?
Ich war sehr nah dran, mitten in der Griechenlandkrise den damaligen Finanzminister Giannis Varoufakis in der Sendung zu begrüssen.

Sie sind ein Varoufakis-Fan?
Nein, politisch fand ich die Neomarxisten aus Athen ziemliche Wildheuer. Aber gleichzeitig beobachtete ich erstaunt, wie die europäischen Medien mehrheitlich die Syriza-Draufgänger zu Spinnern stempelten. Professor Varoufakis, ein beschlagener Ökonom, hat zwei Bücher über die Finanzkrise und die Weltwirtschaft geschrieben. Ich habe sie gelesen und mir schien: Der vermeintliche Spinner kommt der Wahrheit mitunter ziemlich nah.

Welcher Wahrheit?
Der ökonomischen. Griechenland wurde gar nicht gerettet. Man hat den «faulen» Griechen zwar in der Tat rund 300 Milliarden Euro geschickt, aber das meiste Geld floss über Banken wieder aus Griechenland weg zu den Gläubigern. Das belegt sogar eine EZB-Studie. Das hätte ich gerne unter dem provokativen Titel «Die Rettungslüge» zur Diskussion gestellt. Mein Traum wäre, Varoufakis und seinen deutschen Amtskollegen Wolfgang Schäuble darüber streiten zu lassen – unter einem radikal neutralen Moderator aus der Schweiz.

Warum soll man «Sternstunde Philosophie» anschauen?
Weil sie sich den grössten Luxus im TV-Zeitalter leistet: Zeit fürs Warum, für Vertiefung. Was übrigens grosse Namen aus aller Welt als Gäste förmlich anzieht. Und gleichzeitig pflegen wir auch die leisen Töne. Für mich war eine sehr schöne Erfahrung die Begegnung mit dem Psychologen Walter Mischel, dem Erfinder des Marshmallowexperiments…

… in dem es darum geht, Kindern Süssigkeiten vorzusetzen und so die Selbstkontrolle zu testen. Zu welcher Kategorie hätten Sie gehört – zu jenen Kindern, die sofort ein Marshmallow essen, oder zu jenen wenigen, die warten können und dann zwei Marshmallows kassieren?
(zögert) Ich habe nicht jede Zuckerwatte sofort weggefressen, wenn das längerfristige Ziel gut genug war. Aber vielleicht bin ich jetzt etwas selbstgerecht. Ich weiss aus Erzählungen, dass ich sehr eigene Prinzipien hatte: Steile Hänge habe ich mir mit dem Schlitten lieber selber zugetraut als mit Erwachsenen, bei denen ich nicht wusste, ob sie wirklich etwas draufhatten.

Waren Sie mutig, oder hatten Sie Vorbehalte gegenüber anderen?
Eher skeptisch, mich anderen auszuliefern. Kombiniert mit dem Ansatz, mich als Dreikäsehoch notfalls lieber zu überschätzen und dafür halt in die Wand zu fahren.

Ist das heute noch Ihr Lebensmotto?
Es ist wohl noch immer meine innere Natur: Lieber etwas zu viel wagen als etwas zu wenig. Ich glaube, ich bin Journalist geworden aus dieser Lust heraus, nach ganz vorne zu gehen.

War das von jeher Ihr Traumberuf?
Als Kind wollte ich alles werden. Genährt auch aus einem Interesse für alles. Und irgendwann wurde mir klar, dass man als Journalist das Privileg hat, überall die Nase hineinstecken zu dürfen. Ab zarten 16 Jahren bin ich den Redaktionen meiner Heimatstadt Luzern auf den Pelz gerückt, bis sie den Widerstand aufgaben.

Und dann ging alles bis zum Schweizer Fernsehen wie durch Butter?
Ich habe immer viel Glück gehabt. Das eine ergab das andere.

Das glauben wir Ihnen nicht.
Sie sind ja tiefenpsychologisch erbarmungslos … es gab Rückschläge, ja. Ich wollte eigentlich Professor werden, weil ich eine sehr romantische Vorstellung von der Uni hatte. Mein Grossvater war Wissenschaftsphilosoph, und deshalb schien mir das höchste aller Gefühle, ein Forscher der reinen Wahrheit zu werden.

Und dann haben Sie gemerkt, dass Wahrheit nicht absolut ist?
Nein, ich hatte es gewagt, damals als Assistent an der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Genf meinen Professor durch die Blume zu kritisieren. Das liess dieser natürlich nicht auf sich sitzen. Er wollte mich mit allen Mitteln loswerden und teilte mir in einem Brief mit, dass meine Leistungen ungenügend seien.

Lassen Sie uns raten: Das konnten Sie nicht auf sich sitzen lassen.
Das hat den Robin Hood in mir geweckt. Ich habe verlangt, dass der Professor seine unwahren Unterstellungen zurückziehen soll, ansonsten würde ich mir rechtliche Schritte vorbehalten.

David gegen Goliath?
Ja, ich konnte nicht anders.

Wer hat gewonnen?
Ich habe tatsächlich einen Prozess gegen die Uni Genf geführt. Vor Gericht gewann ich mit links, doch an der Uni war ich über Nacht erledigt, ein Paria. Damals habe ich zum ersten Mal ungeschminkte Macht kennen gelernt. Das traf mich ziemlich hart.

Sie hätten sich auch konformer verhalten können, wie dies viele tun.
Ich war damals ein totaler Idealist, der glaubte: Wenn nicht an der Uni, wo ist sonst der Ort der Wahrheit? Aber ich bin reifer und pragmatischer geworden. Heute wende ich lieber eine List an.

Die Rolle des David, der sich gegen das Establishment stellt, scheint Ihnen zu gefallen.
Ich konnte schon in der Schule nicht auf den Mund sitzen. Ein Lehrer hat mal ein Spottgedicht über Gymnasiasten in der Lehrerzeitung geschrieben. Das fand ich so was von hochnäsig. Daraufhin habe ich ein Gegenspottgedicht am Anschlagbrett veröffentlicht, worauf ich natürlich ins Lehrerzimmer zitiert wurde. Aber ich war schwer zu killen, weil ich relativ gute Noten hatte.

Sie lieben das lockere Wort, kalauernde Überleitungen, für die Sie manche mögen, andere nicht ausstehen können.
Ja, ein Frechdachs nannte mich in der Presse einmal den König der Kalauer.

Ist das Ihr selbst gewähltes Markenzeichen?
Ich bin überzeugt, dass ein Kommunikator etwas wagen muss, um aus der Gleichförmigkeit herauszustechen.

Da dachten Sie: Ich werde lustig?
Als verspieltes Gemüt liebe ich das Wortspiel. Aber nicht auf Teufel oder Kalauer komm raus! Mich reizt es, die ritualisierte Newssprache und die Terminologie der Macht auf ihren doppelten Boden abzuklopfen. Das haben mir übrigens quasi wöchentlich Zuschauerinnen und Zuschauer auf der Strasse gedankt.

Geht es nicht eher um Ihre eigene Eitelkeit?
Wie meinen Sie das? Dass ich ein Zirkuspony bin, das immer noch ein Kunststück mehr draufhat? Mag mitspielen, aber nicht nur. Der Philosoph George Berkeley sagte: Sein heisst wahrgenommen werden. Wenn ich mit meinen Fähigkeiten und meinen paar Taschenspielertricks wahrgenommen werden möchte, tue ich dies im Dienst der Sache, zum Beispiel der News, die ich moderiere. Aristoteles legte jedem Kommunikator Logos und Pathos ans Herz. Den hätte ich übrigens noch lieber als Varoufakis in der Sendung. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.08.2015, 12:30 Uhr

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Wenn er hingegen schildert, wie er seine Gespräche vorbereitet, wird rasch klar, dass hier kein Luftikus am Werk ist. Der Vollblutmoderator geht akribisch vor. Seine Lust an der Herausforderung und das Interesse an den Menschen wirken echt. Der studierte Politologe lebt zusammen mit seiner Frau am unteren Zürichsee. An arbeitsfreien Tagen durchpflügt er gerne im Kajak dessen Wellen – dies erklärtermassen am liebsten alleine.

Nun sattelt Klapproth um. Künftig arbeitet er zur Hauptsache als Moderator der «Sternstunde Philosophie». Daneben führt er mit seiner Frau eine Kommunikationsfirma.

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