«Viele meiner ­Gspändli verstehen nicht, was ich da genau mache»

Für das Winzerfest betreiben Tausende Freiwillige gigantischen Aufwand. Zum Beispiel Vivienne Roland, 11 Jahre alt.

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Vivienne Roland (11), Sängerin

«Ich freue mich mega auf diesen Auftritt»: Vivienne Roland. Fotos: Olivier Vogelsang

«Mein Moment wird bei Kapitel 4 kommen. Dann, wenns thematisch um ‹la taille›, den Schnitt der Reben, geht. Sobald die Altsängerin ihr Solo beendet hat, muss ich nach vorn treten. Hinter mir der 150-köpfige Kinderchor, vorn die 20'000 Zuschauer. Ich werde ganz allein singen. ‹Im Morgengrauen, schon bei der Arbeit, geniesst er seine Pause, die Stille wird er nur unterbrechen, wenn etwas Schöneres, Stärkeres sich vordrängt.› Und so weiter.

Ob mich der Gedanke an diesen Moment nervös macht? Non, pas vraiment. Ehrlich jetzt, ich freue mich mega auf diesen Auftritt. Dafür habe ich viel geübt.

«Für mich war immer klar, dass ich da mitmachen will.»

Letzten September begannen die Proben, eine Stunde pro Woche. Im Juni war es dann jeder zweite Tag. Wie viele Stunden sind da zusammengekommen, Maman? Sechzig? Pas mal. Zu viel ist mir das jedenfalls noch nie geworden. Jetzt, kurz vor den Sommerferien, ist sowieso nicht mehr viel los in der Schule. Kein Stress also. Viele meiner ­Gspändli verstehen nicht richtig, was dieses Fête eigentlich bedeutet, geschweige denn, was ich da in Vevey genau mache. Egal.

Für mich war immer klar, dass ich da mitmachen will. Maman und Papa singen mit, mein Bruder Julien geht auf die Bühne als Spielkarte. In unserer Familie haben Reben schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Grand-maman besitzt in St-Saphorin und Dézaley Parzellen, die ein Vetter bewirtschaftet. Meine Eltern sind Lehrer, aber es war immer klar, dass wir bei der Ernte im Herbst helfen. ‹Les vignes›, die Reben, gehören zu unserem Leben, zu meinem Leben. Dass ich jetzt, nachdem meine Grossmutter 1955 bereits mitgemacht hat, dabei sein werde, erfüllt mich mit Stolz, ehrlich jetzt.»


Blaise Duboux (53), Winzer und Mitglied der Confrérie des Vignerons de Vevey

«Kommen Fragen, muss ich Antworten geben»: Blaise Duboux. Foto: Olivier Vogelsang

«Meine Arbeit als Winzer in Epesses ist schon an normalen Tagen streng. Vor und während der Fête des Vignerons ist alles nochmals ein wenig anspruchsvoller. Heute bin ich um 4 Uhr morgens aufgestanden und zum Arbeiten in die Reben gegangen. Ich führe das Weingut in siebzehnter Generation und habe mich auf biologischen und nun auch biodynamischen Weinbau spezialisiert.

Heute haben wir die Reben mit einem Produkt be­handeln müssen. Zum Glück haben wir bislang wettermässig ein gutes Jahr, was meine Arbeit erleichtert. Um 10 Uhr fuhr ich dann nach Vevey an die Fête des Vignerons.

Als Mitglied der Confrérie des Vignerons, die das Fest organisiert, bin ich als einer von acht Beratern dafür zuständig, dass der Geist der Fête im Theater ist. Was das bedeutet? Konkret soll ich schauen, dass in der Arena mit all ihren technischen Installationen alles so ist, dass es zum historischen Erbe der Fête passt.

Im Probenalltag muss ich mich aber vor allem darum kümmern, dass alle miteinander reden und eine gute Stimmung herrscht. Kommen Fragen, muss ich Antworten geben. Je nach Situation bin ich ein wenig Psychologe, manchmal Motivator und habe generell einen riesigen Respekt davor, dass Tausende von Menschen aus der Region alles dafür geben, um ein tolles Fest zu haben.

«Je nach Situation bin ich ein wenig Psychologe, manchmal Motivator.»

Dieses Jahr bin ich zum dritten Mal an der Fête dabei. 1977 spielte ich den Sohn des Bäckers und kam mit einem kleinen Esel in die Arena. 1999 sang ich im Chor der Herbstwinzer mit. In diesem Jahr helfe ich jetzt bei den Organisatoren mit. Als Mitglied der Confrérie ist es während der Fête meine Aufgabe, Gäste zu empfangen.

Die ganze Schweiz, also Menschen aus allen Kantonen, sind bei uns zu Gast und bringen einen Teil ihrer Kultur und auch Wein mit. Darauf freue ich mich. Basel-Stadt kommt mit einem kleinen Fastnachtsumzug an den Genfersee. Graubünden wandert mit einem Säumerzug über die Alpen bis zu uns. Solche ­Momente sind einzigartig.»


Annette Müller (47), Tänzerin und Choreografieassistentin

«Wir wollen dem Publikum ein Spektakel bieten»: Annette Müller. Foto: Olivier Vogelsang

«Die Spannung steigt. Bis zur Premiere am kommenden Donnerstag feilen wir in der Theaterarena an letzten Details. Mitwenigen Ausnahmen sind wir Schauspielerinnen, Sänger und Tänzer allesamt Laien. Wir stammen aus der Region, arbeiten als Bäcker, Ärzte, Winzer oder Lehrer, leben seit Monaten für die Fête und haben alle dasselbe Ziel: Wir wollen dem Publikum ein Spektakel bieten, an das sich die Zuschauer noch in zwanzig Jahren erinnern werden. Insbesondere die Musik ist in diesem Jahr wahnsinnig schön.

Als Gymnasiallehrerin habe ich mir ein halbjähriges Sabbatical genommen, um als Choreografieassistentin helfen zu können. In dieser Rolle kann ich sagen: Die Choreografie ist so präzise wie nie zuvor. Jedes Bewegungsfeld, jeder Schritt, jede Armbewegung, alles ist auf Plänen notiert. Selbst die Richtung und der Radius der Bewegungen.

Obwohl ich einige Tanzerfahrung habe, ist es auch für mich anstrengend, mich in den Grafiken mit Pfeilen und Dreiecken zurechtzufinden. Ich muss die Tänzerinnen und Tänzer anleiten und falls nötig Leute ersetzen. Bei den asymmetrischen Choreografien ist das sehr anspruchsvoll.

«Wir arbeiten als Bäcker, Winzer oder Lehrer, leben seit Monaten für die Fête.»

Selbst habe ich natürlich auch eine Rolle, sogar zwei. Ich trete als Knospe auf und bin eine der hundert Schweizerinnen. Es wird meine dritte Fête des Vignerons sein. Bei der ersten im Jahr 1977 war ich zu klein. Ich musste zuschauen, während meine sieben Jahre ältere Schwester in der Arena auftrat. Das war eine wahnsinnige Enttäuschung. Aber beim Zuschauen entschied ich, in welcher Rolle ich bei der nächsten Fête auftreten wollte. Es gab eine blonde Frau in einem wunderschönen roten Kleid, die als Göttin Ceres auftrat und auf einem von Ochsen gezogenen Wagen stand. Diese Rolle gefiel mir.

1999 war ich dann eine Meerjungfrau und trug ein blau-silbernes, glitzerndes Kleid. Aber nicht nur. Eine Schauspielerin, die die Tochter von Ceres spielte, erlitt eine Blinddarmentzündung. So durfte ich einige Male in dieser Rolle auftreten. Ich trug ein rot-goldenes Kleid samt Diadem und fühlte mich wie eine Prinzessin.

Welche Rolle ich wohl bei der nächsten Fête des Vignerons spiele? 1999 gab es die Gruppe Les Convives de la Noce. Sie trugen fantastische Kostüme und tanzten Walzer. In diesem Jahr gibt es die Gruppe leider nicht. Aber vielleicht in zwanzig Jahren wieder. Das wäre was.»

Erstellt: 14.07.2019, 21:15 Uhr

20 Vorstellungen, 20'000 Zuschauer

Die Fête des Vignerons in Vevey ist Volksfest, Kulturspektakel und Zeremoniell in einem. Es gibt sie seit 1797, und sie findet in einem Rhythmus von 20 bis 25 Jahren statt. Das Fest ist der Höhepunkt in einem Waadtländer Winzer­leben. Das Spezielle an ihm ist: Die Schauspieler, Tänzerinnen und Sänger sind mit wenigen Aus­nahmen alle Laien und stammen aus der Region. Dieses Jahr haben 6500 Freiwillige geprobt. Ein Stadion für 20'000 Personen wurde auf den Marktplatz von Vevey gebaut. Die Premiere zur diesjährigen Fête des Vignerons ist am 18. Juli. Die letzte der zwanzig Aufführungen unter der Regie von Daniele Finzi Pasca findet dann im August statt. (phr)

www.fetedesvignerons.ch

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