Sie nannten ihn «Rico»

Efrem Cattelan ist tot. Unter dem Decknamen «Rico» hatte der Oberst die geheime P-26 gegründet und geführt. Erst spät durfte er seine Widerstandsorganisation verteidigen. Einige Geheimnisse nimmt er nun mit ins Grab.

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Als die «Weltwoche» 1990 den Chef der schweizerischen Geheimgruppierung P-26 enttarnte, war die Überraschung perfekt. An der Spitze stand kein schnittiger Kämpfer und auch kein Vertreter der damals noch recht grossen Stahlhelm-Fraktion im Eidgenössischen Militärdepartement. Der Basler Efrem Cattelan war optisch eine Mischung aus Papa Moll und Michail Gorbatschow. Und er war ein humorvoller Mensch. Möglichkeiten und Grenzen schätzte er realistisch ein – sowohl persönlich als auch für seine mythenumrankte Organisation. Doch das erfuhr damals kaum jemand, denn Cattelan musste abtauchen, während er und seine P-26 zum Skandalthema wurden.

Erst eineinhalb Jahrzehnte später erlaubte der Bundesrat dem Pensionär, mit den Medien über seine elf Jahre an der Spitze der P-26 zu reden. «Ich bin kein de Gaulle», erklärte Cattelan rückblickend, «kein Che Guevara in jungen Jahren, kein Tito oder Mao. Das alles bin ich nicht.» Seine Unauffälligkeit hatte ihn Ende der 70er-Jahre für seine neue Aufgabe prädestiniert. Hätte Efrem Cattelan, Doktor der Jurisprudenz, mehr Charisma gehabt, wäre er nie und nimmer auserkoren worden, um eine schweizweite Widerstandsorganisation aufzubauen. Doch der Vizedirektor der National-Versicherung wirkte wie ein Durchschnittstyp: ein Bürgerlicher ohne Parteibuch, Kommandant eines Infanterieregiments, eine Ehefrau, zwei Söhne, Einfamilienhaus mit Flachdach im Baselbiet. Null Extravaganzen. «Sonst hätte ich meine Tätigkeit nicht über ein Jahrzehnt lang ausüben können, ohne dass die Nachbarschaft etwas merkte», erklärte Cattelan.

«Drôle de guerre» und Infarkt

Wäre die Schweiz besetzt worden, wäre Cattelan kaum an der P-26-Spitze geblieben. Ein Charismatiker, ein schnittiger Kämpfer, ein Nichtdurchschnittlicher, ein Anti-Cattelan hätte den Mann mit Tarnnamen «Rico» abgelöst. Das Kommando hätte ein helvetischer de Gaulle oder Tito übernommen, von denen Cattelan gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, mit 13, 14 Jahren, in den Radiokommentaren Jean-Rudolf von Salis’ gehört hatte. Sein Berufsziel war schon damals Berufsmilitär. Nach dem Jusstudium in Basel wurde Cattelan tatsächlich Armeeinstruktor, bevor es ihn in die Assekuranz zog. Die Karriere verlief gut, bis er 1978 Kollegen und Vorgesetzte bei der National-Versicherung verblüffte. Der 48-Jährige kündigte, gründete die «Consec AG für Personal- und Kaderschulung». Die Tarnfirma bezog stattliche Büros im Zentrum Basels. Eine chaotische Zeit folgte. Der Vorgänger, der ­berühmt-berüchtigte Oberst Albert Bachmann, musste wegen eines Skandals gehen. Dessen Geheimorganisation war verbrannt, «Rico» nun auf sich ­allein gestellt.

«Drôle de guerre» nannte er die Anfangszeit gegenüber Martin Matter, dem Autor des Buchs «P-26. Die Geheim­armee, die keine war». Es war mehr ­«guerre» als «drôle». Cattelan erlitt bald einen Herzinfarkt. «Die Spitalwochen und die Rehabilitation waren meine fruchtbarste Zeit. Ich las und las», erzählte Cattelan Matter. «So entstand die Grundkonzeption der Widerstandsorganisation.» Inspiriert hatte ihn vor allem Mao. Als die Mauer fiel, bestand die P-26 aus elf Berufsmilitärs, einem halben Dutzend Frauen und 400 Männern. Alle waren Cattelans: unauffällige, aber lebenserfahrene Schweizerinnen und Schweizer. Sie bildeten Kleingruppen, «Urzellen», verteilt übers ganze Land.

Es waren «nur Häuptlinge, kein Indianer», wie Cattelan zu sagen pflegte, die wussten, wie man tote Briefkästen anlegt, sabotiert, funkt und einen Kampf psychologisch führt. Im Ernstfall, so war minutiös geplant, hätten die Häuptlinge Indianer für flächendeckenden Widerstand rekrutiert. In Verstecken warteten Sanitätsmaterial, Pistolen, Spezialgewehre mit Schalldämpfer, Sprengstoff, aber auch eine «Kriegskasse» mit Goldplättchen auf sie. Viele Standorte der geheimen Lager hat Cattelan nie verraten. Seine Schweigepflicht ist nie ganz aufgehoben worden.

Er fühlte sich unverstanden

Als die P-26 aufflog, gab es für «Rico» viel Häme, eine Morddrohung, aber auch Applaus und Unterstützung – wenn auch beides kaum öffentlich. Die Schweiz war zu geschockt vom Fichenskandal. Cattelan durfte im Militärdepartement bleiben – als wissenschaftlicher Mitarbeiter. «Medien und Politik bauschten die Rolle der P-26 auf», fand Cattelan Jahre später. «Wider besseres Wissen kochten viele Politiker von links bis rechts ihr politisches Süppchen, als sie fälschlicherweise von einer illegalen Geheimarmee sprachen». Cattelan fühlte sich unverstanden. Als vor fünf Jahren das Redeverbot für die P-26-Angehörigen teilweise fiel, verteidigte er sich in Interviews und Vorträgen. Den Vorwurf, für seine Geheimtätigkeit habe keine Gesetzesgrundlage bestanden, konterte er mit dem Hinweis, es habe eine «verfassungsmässige Basis» gegeben. «Rico» bestritt auch «die Gefahr eines Missbrauchs durch Selbstaktivierung», welche eine parlamentarische Untersuchungskommission gewittert hatte. Gegen die Unterstellung derselben PUK, die P-26 hätte auch nach einem demokratischen Machtwechsel putschen können, verwahrte er sich mit der ihm eigenen Mischung aus Charme und Präzision. Efrem Cattelan starb am Montag nach kurzer Krankheit im Alter von 82 Jahren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2014, 02:02 Uhr

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