Hintergrund

Sie nennen sich Öko-Krieger

Greenpeace kultiviert das Bild des heldenhaften Umweltschützers. Die Aktivisten handeln aber auf eigenes Risiko – die Organisation kann rechtlich kaum belangt werden. Das weckt Kritik.

Hohe Risikobereitschaft: Greenpeace-Aktivisten beim Versuch, ein japanisches Walfangschiff zu behindern (Januar 2011).

Hohe Risikobereitschaft: Greenpeace-Aktivisten beim Versuch, ein japanisches Walfangschiff zu behindern (Januar 2011). Bild: Keystone

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Greenpeace-Aktivisten leben gefährlich. In der Geschichte der Umweltorganisation haben sich wagemutige Männer und Frauen wiederholt in brenzlige Situationen begeben – teils unter Todesangst. 1985 etwa versenkte der französische Geheimdienst das Schiff «Rainbow Warrior», das zu einer Protestfahrt gegen französische Atomtests am Mururoa-Atoll aufbrechen wollte. Greenpeace-Fotograf Fernando Pereira konnte das Boot nicht rechtzeitig verlassen. Der Vater zweier Kinder starb.

Auch heute müssen die Aktivisten auf alles gefasst sein, wie der jüngste Vorfall in der Arktis gezeigt hat. Den 28 Aktivisten und 2 Journalisten drohen wegen Piraterie bis zu 15 Jahre Haft. Ob sie im Gefängnis landen, ist unklar.

Sicher ist hingegen: Sie werden in den eigenen Reihen gefeiert. Kumi Naidoo, Geschäftsführer von Greenpeace International, lobt sie als «tapfere Aktivisten», die sich «mutig» jenen entgegenstellten, die in der schmelzenden Arktis nach Öl bohren.

Der Aktivist als Held: Dieses Bild kultiviert Greenpeace. Auf der Website ist eine Serie über «Öko-Krieger» aufgeschaltet. Zu Wort kommen – zumeist junge – Frauen und Männer, die von «magischen Momenten» schwärmen: «Plötzlich taucht eine Idee auf, und man erkennt es an den glänzenden Augen der Sitzungsteilnehmer: Das ist es, das müssen wir machen.»

Kein Arbeitsvertrag

Man erfährt auf der Website weiter, dass der Aufenthalt auf einem Greenpeace-Schiff «keine Spazierfahrt, aber sicher ein bleibendes Erlebnis» sei. Man müsse bereit sein, «an seine Grenzen zu gehen». Greenpeace International mit Sitz in Amsterdam sucht «begeisterte» Freiwillige, die «aufregende Aktionen» auf hoher See erwarten. Zwar beschäftigt Greenpeace weltweit mehr als 1000 Mitarbeiter, davon rund siebzig in der Schweiz. Doch die spektakulären Einsätze sind zumeist das Werk von Freiwilligen. Ohne sie würde Greenpeace massiv an Schlagkraft einbüssen.

In Kontrast dazu steht, wie Greenpeace mit den Aktivisten umgeht. Zwar gibt ihnen die Organisation inhaltlichen und kommunikativen Support, wie Sprecher Yves Zenger sagt. «Die Aktivisten handeln aber freiwillig und auf eigenes Risiko.» Greenpeace kläre sie über die möglichen Gefahren eines Einsatzes genau auf. «Sie sind sich deshalb bewusst, worauf sie sich einlassen.»

«Risiko einseitig verteilt»

Dies versichert auch Eduard Weber, Vater des in Russland inhaftierten Schweizers Marco Weber. Bezeichnenderweise war er es, der letzte Woche vor den Medien die Beweggründe für ein Umweltengagement unter erhöhter Gefahr schilderte – nicht Vertreter der Organisation: Marco sei sich der Gefahr sehr wohl bewusst gewesen, sagte sein Vater.

Greenpeace betont gerne, die Aktivisten würden stets nach dem Prinzip des gewaltfreien Widerstands handeln. Vereinbart ist das freilich nirgends. Einen Arbeitsvertrag schliesst Greenpeace mit den Freiwilligen nicht ab, weshalb Rechte und Pflichten von Arbeitnehmer und -geber offen bleiben. Wie der Versicherungsschutz geregelt ist, dazu will sich Greenpeace nicht äussern. Denkbar ist, dass die Aktivisten vor dem Gang ins Ausland eine Unfallversicherung abschliessen – auf privater Basis.

Greenpeace kann sich so als eine unerschrockene Organisation präsentieren, was im Kampf um neue Spenden und Mitglieder ein entscheidender Vorteil gegenüber der Konkurrenz sein kann. Zugleich läuft sie kaum Gefahr, für ihre Aktionen juristisch belangt zu werden. Unter Umweltschützern wird dies durchaus kritisch gewürdigt: Die Aktivisten, so heisst es, seien der Gratisbrennstoff, mit dem Greenpeace seine PR-Maschinerie auf Hochtouren laufen lassen könne. Zitieren lassen will sich niemand – aus Angst, einen Zwist in der Öko-Familie zu provozieren. Wer mit seinem Namen hinsteht, drückt sich diplomatisch aus. Der Zürcher Nationalrat Daniel Vischer (Grüne), selber nie Greenpeace-Aktivist, hält das Konstrukt für «problematisch», weil die Risikoverteilung einseitig sei.

Dass Greenpeace junge Idealisten geradezu anstachelt, sich im Dienst der Umwelt in Gefahr zu begeben, bestreitet die Organisation. Sprecher Zenger sagt, jeder Aktivist entscheide selber, wie weit er sich an Aktionen beteiligen wolle. Auch lasse Greenpeace die Aktivisten nie im Stich: «Einerseits stellen wir den juristischen Beistand vor Ort sicher», sagt Zenger. Anderseits versuche Greenpeace, wie jetzt in Russland, politischen und öffentlichen Druck aufzubauen.

Unterschiedliche Konzepte

Allerdings ist das Risiko nicht wirklich kalkulierbar. Im Fall des umgekommenen Fernando Pereira, heisst es im Geschichtsbuch von Greenpeace, hätten staatliche Gewalt und Skrupellosigkeit ein Ausmass angenommen, das die schlimmsten Erwartungen übertroffen habe. Diesen Gefahren wollen sich längst nicht alle Umweltschützer aussetzen: Sie würden nie so weit gehen wie Greenpeace-Aktivisten, sagen etwa Mitarbeiter vom WWF, der einen anderen Ansatz pflegt: konstruktiv statt konfrontativ.

Auf dem Prüfstand steht das Verhältnis zwischen Greenpeace und seinen Aktivisten im Basler Fall: Am 1. Oktober hatten sich vier Greenpeace-Kletterer vom Dach des St.-Jakob-Parks in Basel abgeseilt, ein Banner ausgebreitet und so einen Spielunterbruch des Spiels FC Basel gegen Schalke 04 provoziert. Der FC Basel hat Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs eingereicht. Doch auch ihm selber droht eine Busse: Der europäische Fussballverband hat ein Disziplinarverfahren gegen die Basler eingeleitet. Bereits erwägt der Verein, Regress auf Greenpeace zu nehmen. Doch die Organisation blockt ab: «Wir haben nicht vor, Bussen der Uefa zu bezahlen», sagt Sprecher Zenger. Greenpeace investiere seine Spendengelder stattdessen in die Kampagne zum Schutz der Arktis.

So könnten am Ende die Aktivisten zur Kasse gebeten werden. Es wäre nicht das erste Mal. Wiederholt standen sie in den letzten Jahren vor Schweizer Gerichten und erhielten Bussen in vierstelliger Höhe, etwa wegen AKW-Störaktionen. Nur im Einzelfall kann es laut Sprecher Zenger vorkommen, «dass Greenpeace jemanden unterstützt». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2013, 08:19 Uhr

Greenpeace-Chef «extrem überrascht»

Die harte Reaktion der russischen Justiz auf den Greenpeace-Protest in der Arktis hat den Chef der Umweltorganisation, Kumi Naidoo, «extrem überrascht». Er sei vor einem Jahr bei einer ganz ähnlichen Protestaktion an der selben Bohrinsel dabei gewesen - «und sie haben nichts gemacht», sagte der Geschäftsführer von Greenpeace International der Nachrichtenagentur AFP in einem Interview. Die russische Küstenwache habe sich damals sogar geweigert einzugreifen, obwohl der Bohrinsel-Betreiber Gazprom sie darum gebeten habe. Greenpeace hat nach Aussage von Naidoo außerdem nie damit gerechnet, dass den Aktivisten eine Anklage wegen Piraterie drohen könnte. Vor jeder Protestaktion prüfe die Umweltorganisation alle möglichen Risiken. Mit Piraterie hätten sich die Planer aber nie beschäftigt. Piraten seien «bewaffnet, gewalttätig» und handelten zu ihrem «persönlichen Nutzen», sagte der Südafrikaner, der sich in seinem Heimatland in der Anti-Apartheid-Bewegung engagiert hatte. (AFP)

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Greenpeace-Aktivisten können noch nicht aufatmen

Die Greenpeace-Aktivisten könnte ihre Aktion beim Champions-League-Spiel im Basler St.-Jakob-Park teuer zu stehen kommen. Der FC Basel erwägt, eine allfällige Busse durch die Uefa auf sie abzuwälzen. Denkbar sind auch Schadenersatzforderungen, sollte der FC Basel ein Geisterspiel austragen müssen. Ein ähnlicher Fall, der sich ebenfalls in Basel ereignet hat, zeigt, dass dieses Szenario durchaus real ist. Am 3. September 2005 musste der Schiedsrichter im WM-Qualifikationsspiel zwischen der Schweiz und Israel die Partie unter­brechen. Fünf junge Männer waren auf das Spielfeld gestürmt und hatten zwei Transparente ausgebreitet, die Israels Palästinapolitik kritisierten. Die Sicherheitskräfte stoppten die Aktion nach wenigen Minuten. Die Demonstranten mussten sich hinterher vor Gericht verantworten – wegen Hausfriedensbruchs. Und erhielten eine bedingte Geldstrafe sowie die Verfahrenskosten in der Höhe von mehreren Hundert Franken aufgebrummt. Weit mehr Ungemach drohte ihnen jedoch im zivilrechtlichen Prozess. Die Fifa hatte nämlich den Schweizer Fussballverband mit 50'000 Franken gebüsst. Die Kosten übernahm die Stadionbetreiberin Basel United, die für die Sicherheit im Stadion verantwortlich zeichnete. Doch sie versuchte, die Rechnung den Demonstranten aufzubürden. Als sich diese zu zahlen weigerten, reichte Basel United einen Strafantrag ein. Der Zürcher Nationalrat Daniel Vischer (Grüne) vertrat die Demonstranten damals vor dem Zivilgericht Basel-Stadt. Basel United verlor seinen Schilderungen gemäss, weil sie von einem falschen Vertragsverhältnis ausging – nicht aber, weil Bussen generell nicht auf Störer abgewälzt werden können. Diese Frage sei höchstrichterlich damit noch immer ungeklärt, so ­Vischer. Allerdings liessen die Richter damals durchblicken, dass eine Kostenabwälzung möglich sei. (sth)

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