Sie sind Alphatiere – und mögen sich nicht

Streitet SBB-Chef Andreas Meyer mit BAV-Direktor Peter Füglistaler, geht es um weit mehr als die Vergabe von Bahnlinien.

Meyer war früher Füglistalers Chef – heute ist es umgekehrt: SBB-Chef Andreas Meyer (links) und BAV-Direktor Peter Füglistaler (rechts) sind sich uneinig.

Meyer war früher Füglistalers Chef – heute ist es umgekehrt: SBB-Chef Andreas Meyer (links) und BAV-Direktor Peter Füglistaler (rechts) sind sich uneinig. Bild: Keystone

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Er wirkt immer, als hätte er gerade etwas ausgeheckt. Wenn Peter Füglistaler die Augenbrauen hebt und ansetzt zu einem seiner bedächtigen Sätze, dann wird Andreas Meyer unruhig. Früher, da war Meyer der Chef von Füglistaler. Früher, da war es umgekehrt. Heute sind die beiden Gegenspieler. Heute kämpfen sie auf Augenhöhe.

Peter Füglistaler (58) ist Chef des Bundesamtes für Verkehr (BAV). Das grösste und wichtigste Unternehmen, das sein Amt beaufsichtigt, sind die SBB. Andreas Meyer (57) ist deren Chef. Beide entzweit derzeit ein erbittertes Kräftemessen: der Kampf um die Fernverkehrslinien im Schweizer Bahnnetz. Füglistaler will den SBB zwei Linien wegnehmen und sie der BLS geben. Meyer wehrt sich mit allen Mitteln dagegen. Er will den Entscheid gerichtlich anfechten, falls das Bundesamt ihn wie angekündigt durchzieht.

Trotz der Differenzen: Meyer und Füglistaler haben auch einiges gemeinsam. Beide kommen aus einfachen Verhältnissen. Meyers Vater war SBB-Angestellter. Füglistaler ist Bauernsohn. Beide haben es durch Fleiss und Intelligenz zu etwas gebracht.

«Es wäre gefährlich für das System, wenn ich ein guter Freund von Andreas Meyer wäre.»Peter Füglistaler

Füglistaler wollte erst Lokführer werden, machte dann aber eine Banklehre. Später studierte er Volkswirtschaftslehre, stieg bei der Eidgenössischen Finanzverwaltung ins Berufsleben ein und machte anschliessend Karriere bei den SBB – bis er 2010 als Direktor ins Bundesamt für Verkehr wechselte. Er habe sich stark mit der Bahn identifiziert, heisst es. Und es habe ihn gestört, dass bei den SBB eine Zeit lang wenig bahn­affine Leute wichtige Stellen besetzten.

Der alte Chef

Meyer wollte nicht Lokführer werden. Dennoch arbeitete er schon früh für die SBB: Er finanzierte sein Jusstudium, indem er SBB-Waggons reinigte. Später baute er sich während eines MBA-Studiengangs in Fontainebleau ein grosses Beziehungsnetz auf. Er sei ein guter Netzwerker, heisst es. So führe er nicht nur mit Verkehrsministerin Doris Leuthard bilaterale Gespräche, sondern mit quasi allen Bundesräten. Ins Berufsleben stieg Meyer als Rechtskonsulent bei ABB ein. Bald verschlug es ihn nach Deutschland, wo er zuerst Geschäftsführer eines Anlagenbauers wurde und später Karriere bei der Deutschen Bahn machte.

2007 wurde Meyer SBB-Chef – und damit indirekt Vorgesetzter von Füglistaler. Dieser rapportierte als Finanzchef von SBB Infrastruktur an den Infrastrukturchef, der wiederum an Meyer rapportierte. Seit dieser Zeit, erzählen Branchenkenner, sei das Verhältnis zwischen den beiden angespannt.

Auf welcher Seite Doris Leuthard bei diesem Konflikt steht, ist unklar.

Auch wenn sie es nicht bestätigen, ist bekannt, dass sich Meyer und Füglistaler nicht verstehen. In Kommissionssitzungen sollen sie sich öfters gefetzt haben – hinter geschlossenen Türen. Aber auch öffentlich gibt es Kritik. Als im vergangenen Sommer nach einer Panne im süddeutschen Rastatt der halbe Bahnverkehr in Europa zum Erliegen kam, kritisierte Füglistaler die Bahnen heftig. Das Krisenmanagement sei ungenügend und zu langsam gewesen. Dass er damit auch Andreas Meyer angriff – offensichtlich –, sei Teil des Spiels, wie er einmal dem «Blick» sagte: «Es wäre gefährlich für das System, wenn ich ein guter Freund von Andreas Meyer wäre.»

Habe den Auftritt eines Start-up-Managers: SBB-Chef Andreas Meyer. Foto: Keystone

So wird auch der Kampf um die Fernverkehrslinien als persönliches Seilziehen wahrgenommen. Zwar bemühen sich beide um professionelles Verhalten. Aber dass Füglistaler den Entscheid auch zum Anlass nimmt, Meyer eins auszuwischen, ist kaum zu verhehlen. Meyer seinerseits fühlt sich vom Amt unfair behandelt. Insbesondere da die SBB nicht nur zwei Linien verlieren, sondern auch höhere Abgaben als die BLS an die Infrastruktur leisten sollen. Füglistaler sagt, dass damit dem kleineren Konkurrenten der Einstieg in den Fernverkehrsmarkt erleichtert werden soll. Meyer sagt, den einen werde ein bisschen geholfen, bei den anderen ein bisschen abgeschöpft.

Video: «Für den Steuerzahler ist es günstiger»

Gibt sich diplomatisch: Der BAV-Direktor Peter Füglistaler zur Konzessionsvergabe. Video: SDA

Auf welcher Seite Doris Leuthard bei diesem Konflikt steht, ist unklar. Ihr Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) ist auf grösstmögliche Neutralität bedacht. «Das Uvek nimmt Kenntnis von der geplanten Konzessionsvergabe des BAV und auch davon, dass zwischen SBB und BLS nach wie vor Gespräche stattfinden», heisst es von der Medienstelle – was so gut wie gar nichts heisst.

Zwei Charaktere, zwei Ideen für
den öffentlichen Verkehr.

Der Streit zwischen Füglistaler und Meyer mag mit den jeweiligen Ämtern zu tun haben und tatsächlich Teil des Systems sein. Auch zwischen den Vorgängern, Benedikt Weibel und Max Friedli, gab es heftige Auseinandersetzungen. Bei Füglistaler und Meyer kommen zusätzlich sehr unterschiedliche Charaktere und Vorstellungen von den Prioritäten eines Bahnunternehmens hinzu.

Saubere Züge oder Visionen?

Füglistaler erwartet von den SBB in erster Linie pünktliche und saubere Züge. Zudem sollen die Bundesbahnen günstig arbeiten und die Mittel der Steuerzahler nicht verschwenden. Diese nüchternen Zielsetzungen passen zum Wesen Füglistalers – und stehen in scharfem Kontrast zur Selbstdarstellung der SBB. Während Füglistaler stets mit Krawatte auftritt und sich als «digital immigrant» bezeichnet, als jemand also, der den Umgang mit dem Internet erst lernen musste, verströmt SBB-Chef Andreas Meyer die Anpackmentalität eines Start-up-Managers aus dem Silicon Valley.

Meyer verzichtet gerne mal auf die Krawatte und hat bei den SBB das generelle Duzen eingeführt. In seinem Element ist er, wenn es um Visionäres geht: selbstfahrende Züge, Tür-zu-Tür-Mobi­lität, die Rolle der Bahn in einer Welt voller Uber und Fernbusse. Es sind die Lieblingsthemen des SBB-Chefs.

Rational, nüchtern, trocken: BAV-Direktor Peter Füglistaler. Foto: Keystone

Meyer ist angetreten, um die SBB gut am Markt zu positionieren. Er ist der Meinung, von der Politik diesen Auftrag zu haben. Beim Bundesamt ist man derweil der Ansicht, dass sich die SBB verhielten wie ein Privatunternehmen, das schalten und walten könne, wie es wolle. Dabei komme ein wesentlicher Anteil des Geldes vom Steuerzahler, und der Bund habe darum ein Wort mitzureden.

Ein Beispiel: Als Meyer vor den Medien darlegte, weshalb die SBB weiterhin sämtliche Fernverkehrslinien betreiben sollten, sprach er stets von einer Ausschreibung, die das Bundesamt durchgeführt habe. Beim Bundesamt legte man hingegen Wert darauf, dass es sich nicht um eine Ausschreibung, sondern um ein Konzessionsverfahren handle. Ein Verfahren also, bei dem am Schluss der Bund entscheidet. Er muss sich dabei nicht wie bei einer gewöhnlichen Ausschreibung darauf beschränken, Preise und Leistungen zu vergleichen, sondern darf auch gewünschte Auswirkungen auf das Gesamtsystem berücksichtigen: Angebotsverbesserungen durch mehr Wettbewerb beispielsweise.

Ritter gegen Schachspieler

Noch fast unterschiedlicher als ihre Ansichten ist jedoch ihre Wesensart: Meyer, sagt einer, der ihn kennt, agiere wie ein mittelalterlicher Ritter, der eine Festung einnehmen wolle: engagiert und energisch. Bei der Deutschen Bahn wurde er auch «Energie-Meyer» genannt – und das nicht nur, weil er das Ressort Energie unter sich hatte. Füglistaler hingegen verhalte sich wie ein Schachspieler, heisst es aus seinem Umfeld. Er antizipiere die gegnerischen Schritte, spiele strategisch und gehe davon aus, dass alle anderen das auch täten. Elegant und still.

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Noch bis nächste Woche hat Füglistaler Zeit, sich seinen nächsten Zug auszudenken. Am 23. Mai läuft die Frist für Stellungnahmen zum Fernlinien-Entscheid des BAV ab. Allgemein wird erwartet, dass Füglistaler auf der Vergabe der beiden Linien an die BLS beharren wird – und Meyer das nicht auf sich sitzen lassen möchte. Der Ritter und der Schachspieler – sie werden sich wiedersehen. Spätestens vor Gericht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2018, 09:45 Uhr

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