Sieben Gründe für den Wolfsabschuss

Das Bundesamt für Umwelt definiert mit einem neuen Schema die Gefährlichkeit von Wölfen. Das weckt Kritik.

Das undatierte Bild aus einer Fotofalle zeigt Jungwölfe des Calandarudels, Jahrgang 2014. Foto: Amt für Jagd und Fischerei Graubünden

Das undatierte Bild aus einer Fotofalle zeigt Jungwölfe des Calandarudels, Jahrgang 2014. Foto: Amt für Jagd und Fischerei Graubünden

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Ein praktisches Instrument für eine objektive Lagebeurteilung – oder ein Freipass für den Abschuss von Wölfen? Um das revidierte Wolfskonzept des Bundes ist ein Zwist entbrannt. Die kantonalen Jagdbehörden sollen künftig besser beurteilen können, inwieweit sich ein Wolf problematisch verhält – neu anhand ­eines Schemas. Dieses konkretisiert die Rechtsbegriffe der eidgenössischen Jagdverordnung, die im letzten Sommer in Kraft getreten ist. Und es definiert, unter welchen Voraussetzungen der Abschuss des – hierzulande geschützten – Wolfs erlaubt ist. Das Schema unterteilt das Verhalten der Grossraubtiere in «unbedenklich», «auffällig», «unerwünscht» und «problematisch». In letztere Kategorie fallen sieben Verhaltensarten, die einen Abschuss rechtfertigen:

• Der Wolf taucht mehrfach während der Aktivitätszeit des Menschen (6 bis 22 Uhr) in einer Siedlung auf.

• Der Wolf folgt dem Menschen trotz dessen Versuchen, ihn zu vertreiben.

• Der Wolf nähert sich zwischen 6 und 22 Uhr in offenem Gelände Menschen an und bleibt mehrere Minuten in einer ­Distanz von weniger als 50 Metern.

• Der Wolf nähert sich zwischen 6 und 22 Uhr in einer Siedlung dem Menschen an und lässt sich nur schwer vertreiben.

• Der Wolf nähert sich dem Menschen mit Hunden an und reagiert mit Drohverhalten oder Angriff auf die Hunde.

• Der Wolf tötet einen Haushund in ­einer Siedlung.

• Der Wolf reagiert unprovoziert aggressiv auf den Menschen – mit Drohgebärden oder einem Angriff.

«Raum für Interpretationen»

Ausgearbeitet hat die Novität das Bundesamt für Umwelt (Bafu) mit den Kantonen sowie der Koordinationsstelle für Raubtierökologie und Wildtiermanagement (Kora). Ausgeschlossen von den Arbeiten waren hingegen die Umweltverbände – weil sie politische Organisationen und keine Fachgremien seien, sagt Bafu-Experte Reinhard Schnidrig, oberster Jagdinspektor des Landes. Prompt kommt nun aus diesem Kreise Kritik. Pro Natura und der WWF Schweiz sehen den Fokus zu sehr auf die Gefährlichkeit und Schäden gesetzt. Mit dem neuen Konzept werde natürliches Wolfsverhalten unnötig und vorschnell als gefährlich interpretiert. Schnidrig widerspricht: «Wir stigmatisieren die Wölfe nicht als aggressive Tiere. Wir wollen einzig keine Wölfe in Siedlungen.» Auf diesem Grundsatz baue das Schema auf.

Doch auch das Schema selber halten die Umweltverbände für mangelhaft. «Es lässt zu viel Raum für Interpretationen offen», sagt Mirjam Ballmer von Pro Natura. Folgt etwa ein Wolf einem Menschen «trotz dessen Vertreibungsversuchen», wie es im Schema wörtlich heisst, ist das ein Abschussgrund. Was damit im Detail gemeint sei, bleibe jedoch unklar, so Ballmer. Ein Händeklatschen? Ein Zuruf? Ein Steinwurf? Unpräzise sei auch die Formulierung, wonach ein Wolf abgeschossen werden darf, wenn er «unprovoziert aggressiv» auf Menschen reagiert. Bafu-Experte Schnidrig entgegnet, es sei nicht möglich, mit einem solchen Schema jeden erdenklichen Fall abzudecken. Es handle sich um Leitlinien, die den kantonalen Jagdbehörden mehr ­Sicherheit im Umgang mit den Wölfen geben sollten.

Die Umweltverbände kritisieren weiter, das Schema konstruiere neue Konflikte, werde doch die Aktivitätszeit des Menschen in der Spanne zwischen 6 und 22 Uhr definiert. Der Wolf aber sei in der Dämmerung aktiv, sodass es zwangsläufig zu «problematischen» Begegnungen komme. Auch diesen Einwand lässt Schnidrig nicht gelten: Ziel sei es, Situationen mit potenzieller Gefährdung für den Menschen möglichst frühzeitig zu entschärfen. Die Kantone werden nun Erfahrungen mit dem neuen Schema sammeln. In Stein gemeisselt ist der Kriterienkatalog nicht, wie Schnidrig sagt. Er werde nun jedes Jahr auf Verbesserungen hin überprüft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2016, 18:35 Uhr

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