Sieben Schweizer Diplomaten, die Aussergewöhnliches erreichten

Verhandlungsführer auf dem Gipfel: Diese Schweizer haben im In- oder Ausland besonders erfolgreich vermittelt.

Viele Schweizer Diplomaten erreichten Höhen für die Eidgenossenschaft: Die weltweit grösste Schweizer Flagge am Säntis. (1. August 2015)

Viele Schweizer Diplomaten erreichten Höhen für die Eidgenossenschaft: Die weltweit grösste Schweizer Flagge am Säntis. (1. August 2015) Bild: Keystone

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Mit Jacques de Watteville hat die Schweiz wieder einen «Super-Diplomaten». Doch was braucht es überhaupt, um auf diesem Gebiet erfolgreich zu sein? «Ein Diplomat muss zu vielem fähig sein, auch dazu, meist nicht im Vordergrund zu stehen», sagt Benedikt de Tscharner. Er blickt selbst auf eine lange Diplomatenkarriere zurück, unter anderem war er von 1997 bis 2002 Schweizer Botschafter in Frankreich. Es sei analytische Knochenarbeit, von der die Aussenwelt oft nicht viel merke. Trotzdem gelte es, bescheiden zu bleiben.

«Ich sage jenen, die sich für diesen Beruf interessieren: Ihr müsst lernen, Euch nicht zu langweilen, wenn in Eurem Gastland gerade nichts Weltbewegendes geschieht.» Auch jene, die etwas abseits des Weltgeschehens stationiert seien, dürften darüber nicht das Interesse an der anderen Kultur verlieren.

Für Alt-Botschafter Paul Widmer, der unter anderem in New York, Berlin, Jordanien und Kroatien stationiert war, sind eine gewisse Umgänglichkeit und Ausdrucksfähigkeit unverzichtbar. «Dazu kommt natürlich die Dossierkenntnis, und wenn man Freude am geselligen Leben hat, ist das auch nicht schlecht.»

Max Schweizer, Präsident des Netzwerk Swiss Diplomats, sagt: «Die Unterstützung durch die Zentrale und die aktuellen politischen Trends spielen auch eine Rolle dabei, ob jemand Karriere macht.»

Die Zusammenstellung grosser Schweizer Diplomaten und Diplomatinnen basiert auf den Vorschlägen der drei Ex-Diplomaten Schweizer, de Tscharner und Widmer.

Johann Rudolf Wettstein1594–1666

Raus aus dem Heiligen Römischen Reich. Foto: Wikipedia

Johann Rudolf Wettstein war mehr als ein Basler Bürgermeister. Er kämpfte dafür, Basel und die Eidgenossenschaft aus der Reichsgerichtbarkeit des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation herauszulösen. 1648 erreichte er nach zähen Verhandlungen tatsächlich eine formelle Anerkennung, die einer weitgehenden Unabhängigkeit sehr nah kam. An den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden hatte Wettstein teilgenommen, ohne zuvor eingeladen worden zu sein und zu Beginn war er nur von Basel, nicht aber von der Eidgenossenschaft entsandt worden. Benedikt de Tscharner bezeichnet Wettstein als «Urvater der Schweizer Diplomatie». Wettstein, der Sohn eines Spitalmeisters, hat sich laut dem Historischen Lexikon der Schweiz (HLS) bemüht, das Wohl der Eidgenossenschaft über die Stärkung der eigenen Konfession zu stellen. 1881 wurde in Basel eine Brücke nach ihm benannt.

Charles Pictet de Rochement1755–1824

Der schlaue Schafzüchter. Foto: Keystone

Charles Pictet de Rochement gilt als Landesvater der Schweiz. Der Grund: 1815 erreichte er die internationale Anerkennung der immerwährenden Neutralität und der territorialen Unverletzlichkeit der Schweiz. Ein riesiger diplomatischer Erfolg, der ihm auch dank seiner guten Kontakte gelang. Bei den Verhandlungen um die Anerkennung durfte Rochement nicht dabei sein. Trotzdem schrieb er den Text der Deklaration selbst und übergab ihn einem russischen Delegierten, mit dem er sehr gut befreundet war. Dieser russische Freund namens Johannes Kapodistria (der später der erste Präsident Griechenlands wurde) tat danach in der Verhandlung so, als stamme der Text aus seiner eigenen Feder. So schleuste Rochement die Schweizer Position geschickt in die Diskussion ein. Zuvor hatte Rochement zwei Jahrzehnte lang auf Politik verzichtet und stattdessen eine Zeitschrift herausgegeben und Merinoschafe gezüchtet. Seine Wollschals erlangten laut dem HLS «eine gewisse Bekanntheit».

Johann Konrad Kern1808–1888

Napoleons Jugendfreund. Foto: Wikipedia

Kern war ein Thurgauer Jurist, wirtschaftsliberaler Politiker, Diplomat und Unternehmer. Und ein Jugendfreund und Vertrauter Napoleons III. Die Heirat mit einer vermögenden Frau ermöglichte es Kern, sich ganz seiner politischen Karriere zu widmen. Nach kantonalen und nationalen Erfolgen auf diesem Gebiet wurde er nach Paris entsandt. Denn dort war sein ehemaliger Freund Napoleon unterdessen an der Macht. Die Schweiz hatte ein grosses Interesse daran, jemanden wie Kern in dessen Nähe zu wissen. «Er war dafür der beste Mann», sagt Benedikt de Tscharner, «einer für die schwierigen Aufgaben.» Eine solche hatte Kern dann auch mit der Neuenburgkrise. Das Gebiet war zwischen 1815 und 1856 sowohl eidgenössischer Kanton als auch preussisches Fürstentum gewesen. Nach einem missglückten Putsch bewies Kern «grosses Verhandlungsgeschick» als diplomatischer Sondervertreter der Schweiz bei den Vermittlungsbemühungen in Paris. Ausserdem war er in die Schaffung und in den Ausbau der ETH involviert, an der Entwicklung des neuen Schweizerischen Eisenbahnnetzes beteiligt, Präsident des Bundesgerichts und er gilt als Begründer der schweizerischen Berufsdiplomatie.

Walter Stucki1888–1963

Der selbstbewusste Retter. Foto: Keystone

Früher wurde er «der grosse Stucki» genannt, und gross war auch sein Selbstvertrauen. Der Sohn eines Schulinspektors war rasant aufgestiegen und hatte sich als geschickter Verhandler schnell einen Namen gemacht. Er war Direktor der Handelsabteilung und Gesandter in Paris und Vichy. In Vichy hatte er dann den grössten Erfolg seiner Diplomatenkarriere: 1944 vermittelte er zwischen den vorrückenden Alliierten, den abziehenden Deutschen und den französischen Widerstandskämpfern. Der grosse Stucki rettete Vichy damit vor der Zerstörung durch die Nazis. «Vom Auftreten her hätte einer wie er heute keine Chancen mehr», sagt Max Schweizer. Tatsächlich hatte Stucki zeitweise den Bundesrat konkurrenziert: Er war in der FDP sehr populär und sollte 1934 und 1935 für den Bundesrat kandidieren. Doch Stucki lehnte zweimal ab. Ein «hochintelligenter Arbeiter» sei er gewesen, sagt Schweizer. Jemand, der dem äusseren Druck standhalten konnte. Stucki reformierte später die Ausbildung des diplomatischen Nachwuchses.

Olivier Long1915–2003

Diskreter Friedensbringer. Foto: Keystone

Als Algerien in den 50er- und Anfang der 60er-Jahre um seine Unabhängigkeit von Frankreich kämpfte, war Olivier Long ein diskreter und erfolgreicher Vermittler auf dem Weg zum Frieden. Er war massgeblich daran beteiligt, dass mit den Verträgen von Evian 1962 schliesslich ein Friedensabkommen geschlossen werden konnte. Für Paul Widmer ein «Musterbeispiel guter Diplomatie». Long wurde in der Nähe von Genf geboren, studierte in London, Harvard, Paris und Genf. Nach dem Militärdienst arbeitete er während des Zweiten Weltkriegs für das Rote Kreuz in verschiedenen Ländern Europas. Schon dort zeigte sich sein diplomatisches Geschick: Er verhandelte den Austausch von Kriegsgefangenen. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen als Vermittler der algerischen Unabhängigkeit schrieb er später auch Tipps für angehende Diplomaten auf. Die Hauptaufgabe eines Vermittler sei es, das Vertrauen beider Parteien zu gewinnen. Beide müssten einem in ihrer Not als Freund ansehen. «Nichts ist unmöglich, wenn man es tut, ohne Ansehen dafür zu wollen», schrieb Long – eine Bemerkung, die zeigt, wie zurückhaltend er auftrat. Und die gleichzeitig auch als kleine Spitze gegen weniger bescheidene Berufskollegen verstanden werden kann.

Edouard Brunner1932-2007

Mr. KSZE. Foto: Keystone

Paul Widmer findet für den in Istanbul geborene Edouard Brunner lobende Worte: «Brunner war ein ausserordentlich begabter Diplomat. Mit viel Kreativität schaltete er sich in der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit, der heutigen OSZE, in verfahrenen Situationen immer wieder mit Vermittlungsvorschlägen ein.» Die OSZE-Verhandlungen und die Unterzeichnung der Helsinki-Akte 1975 waren seine grössten Erfolge. Die Unterzeichnung gilt als historischer Durchbruch auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Laut Widmer war Brunners Stellung derart bedeutsam, dass ihn viele «Mr. KSZE» (Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) nannten. Angeblich passte Brunners Macht in Bern nicht allen. Später wurde er nach Washington versetzt, dann wurde er Sonderbeauftragter des UNO-Generalsekretärs im Nahen Osten und in Georgien. Brunner gilt als einer der prägendsten Schweizer Diplomaten der Nachkriegszeit und hat laut Wider «grosse Verdienste in der Überwindung des Kalten Krieges erworben».

Heidi Tagliavini*1950

Sprachbegabte Vermittlerin. Foto: Salatore Di Nofli, Keystone

Heidi Tagliavini wurde 2008 von der EU berufen, um in Georgien eine Fact-Finding-Mission durchzuführen und die Frage zu beantworten, warum es im Sommer jenes Jahres zu einem Krieg zwischen Georgien und Russland gekommen war. Laut Paul Widmer konnte sie mit ihrer «diskreten und kommunikativen Art das Vertrauen beider Seiten gewinnen». Max Schweizer attestiert ihr einen «gefestigten internationalen Ruf, unabhängig vom EDA». Tagliavini spricht mehrere Sprachen und führt Verhandlungen in Russland, Tschetschenien und Georgien in fliessendem Russisch. Später war sie auch in der Ukraine stationiert. Der Posten als Botschafterin in Moskau blieb ihr jedoch verwehrt. Eventuell sei da weibliche Konkurrenz durch ihre Chefin Micheline Calmy-Rey aus Genf im Spiel gewesen, sagt ein Vertreter der Zunft, der ungenannt bleiben möchte.

Welchen Diplomaten, welche Diplomatin halten Sie für herausragend? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in der Kommentarspalte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.08.2015, 18:11 Uhr

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