Mindestlohn

Simona M. hat drei Jobs – und ist trotzdem arm

Sie putzen, backen Pizzas und helfen in Kinderkrippen. Aber der Lohn kann ihre Existenz nicht sichern. Drei Beispiele.

«Ich bin doch kein Roboter»: Simona M. schildert ihre Arbeit. Video: Melanie Finschi

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Simona M. ist nicht die typische Putzfrau. Sie ist jung, hat eine kaufmännische Ausbildung und Ambitionen auf mehr. Wenn ihre älteren Kolleginnen bei der Reinigungsfirma nach Hause gehen und den Fernseher andrehen, setzt sich Simona M. hinter die Bücher und büffelt. Sie will Deutsch lernen, um bald einen besseren Job machen zu können. Simona M. ist 27 Jahre alt. Nach der Heirat mit einem Schweizer zog sie im vergangenen Herbst aus Kalabrien nach Luzern.

In der Schweiz schlägt sich Simona M. durch den stressigen Alltag. «Manchmal dreht sich bei mir alles im Kopf», sagt sie, «ich bin doch kein Roboter.» Täglich pendelt sie zwischen drei Jobs. Der Wecker geht los um fünf Uhr früh. Um sechs beginnt die Putzschicht bei Manor. Zweieinhalb Stunden dauert der Einsatz, zwei Stockwerke muss sie erledigen.

Für die zusätzliche Parkettfläche, die sie seit kurzem in dieselbe Putzschicht hineinquetschen muss, hat Simona M. kaum Zeit. Sie muss auf den Bus, um rechtzeitig an den nächsten Arbeitsort zu kommen: eine Kindertagesstätte, wo sie den Mittagstisch betreut – kochen, servieren, aufräumen. Siebzig Kinder essen in zwei Schichten.

Über den Lohn beklagen will sich Simona M. nicht. Auch wenn sie pro Stunde in ihren drei Jobs nur rund 18 Franken erhält – netto. «Logisch, dass ein paar Franken pro Stunde etwas ausmachen würden», sagt sie. Aber die Arbeit würde dadurch nicht weniger streng. «Ich schaffe das schon», sagt sie auf Italienisch – «aber auch nur, weil ich jung bin.» Auf Schweizerdeutsch fügt sie an: «Oder?»

Zwischen den drei Jobs bleibt nachmittags etwas Zeit. Wenn sie nicht im Deutschkurs ist, trifft sich Simona M. im Coop-Restaurant zum Kaffee. 8 Franken kostet das, Simona M. und ihre Freundin wechseln sich mit Zahlen ab. Abends in den Ausgang geht sie praktisch nie. Dann putzt sie in einem Shoppingcenter in Kriens, die Schicht dauert bis um zehn Uhr. «Abends einfach einmal nichts zu tun, wäre schön», sagt die Frau mit den schwarzen Haaren. Ihren Mann sieht sie unter der Woche nur im Vorbeigehen. So nach dem Muster «ciao, ciao!» sagt Simona M. und winkt.

Traum vom Komfort

Früher, in Italien, leitete sie ein Team von acht Leuten und organisierte das Marketing für eine Versicherung. Heute beisst sich Simona M. durch Vokabeln, besucht Ausbildungen und schreibt Bewerbungen. «Ich will nicht nur zu Hause sein, während mein Mann arbeitet», sagt sie. Sie will einen eigenen Job haben, nicht vom Ehemann abhängig sein, selbst zum Haushalt beitragen.

Simona M. träumt von einer komfortableren Wohnung – von profanen Dingen wie einer Waschmaschine, die sie nicht nur alle zwei Wochen benutzen darf.

Kennen gelernt hat sie ihren Mann in Italien, die Hochzeit wurde im Süden gefeiert. In die Schweiz zu kommen, war keine einfache Entscheidung, erzählt Simona M. Dass es hier so schwierig werden würde, hätte sie nicht gedacht. «Freundschaften zu pflegen, ist nicht einfach, wenn man abends immer weg ist.»

Highlight des Familienlebens ist derzeit die Pizzeria am Sonntag. Zweimal Margherita, ein Wasser und ein Sprite gibt es dann. «Macht fast 50 Franken», sagt sie, «fast drei Stunden Arbeit!» Simona M.s Lieblingspizza heisst Capricciosa, mit Schinken, Pilzen, Oliven und Artischocken. Auf diesen Luxus verzichtet sie jedoch zugunsten einer einfachen Margherita. Um zumindest ein bisschen Geld auf die Seite zu legen, wie sie sagt. Für später, damit es die Familie mit den Kindern besser hat.


Der irakische Pizzaiolo Ali K. verdient zu wenig zum Leben

Von Janine Hosp, Zürich

Ali K. ist ein grosser Mann. Knapp 1,90 Meter misst er. Wenn er durch die Wohnung führt, wirkt alles noch kleiner, als es schon ist; die Küche, das Zimmer der Töchter, in dem Betten und Schrank kaum Platz finden, das Sofa, auf das er sich nun setzt. Einzig der Fernseher wirkt nicht klein neben ihm. Hier, auf 73 Quadratmetern, lebt er mit seiner Frau Leila und den drei Töchtern, die jüngste ist 5, die älteste 14.

Ali K. hat Zimmerstunde. Der Iraker arbeitet als Pizzaiolo in einem Restaurant zwanzig Autominuten von seinem Wohnort entfernt. Seine Frau wurde kurzfristig zu einem Arbeitseinsatz gerufen, so sorgt er zu Hause für die Töchter, bis er am frühen Abend wieder zur Arbeit fährt.

K. (40) arbeitet 45 Stunden pro Woche, dennoch kann seine Familie nicht von seinem Lohn leben. 4080 Franken erhält er, Kinderzulagen inklusive. Nachdem er Miete (1610 Franken), Krankenkasse (320 Franken mit Prämienverbilligung) und Auto (530 Franken) bezahlt hat, bleiben der Familie 1620 Franken zum Leben. Der Arbeitgeber von K. will den Lohn nicht erhöhen; andere Restaurants würden auch nicht mehr bezahlen, meinte der. So unterstützt die Gemeinde die Familie mit bis zu 900 Franken.

Der Vater schämt sich

Aber auch das reicht nicht. Als die Kinder im Winter gute Schuhe und eine warme Jacke brauchten, hatte die Mutter schlaflose Nächte, wie sie später am Telefon sagt. Schliesslich kaufte sie jeden Monat jener Tochter etwas, die es am dringendsten brauchte. Die Kleider kauft sie an der Kinderbörse. Braucht ein Kind eine Zahnspange oder muss der Vater seinen Magen spiegeln lassen, hat die Familie ein Problem.

Als die Mädchen kleiner waren, konnten sie nicht verstehen, weshalb ihre Freunde in die Ferien verreisen und sie nicht. «Aber du arbeitest doch auch», habe seine älteste Tochter einmal zu ihm gesagt, erzählt K. «Da schämte ich mich. Ich schämte mich so», sagt der grosse Mann und schaut zu Boden.

Unter dem Ärmel seines TShirts schaut ein Teil einer Tätowierung hervor. K. zieht den Ärmel hoch, es ist eine Spur aus seinem früheren Leben. Er und vier Kollegen liessen sich das Ornament in den Arm stechen, nachdem sie eine harte Kampfausbildung überstanden hatten – als Zeichen, dass sie Brüder bleiben werden. Immer. Nach der Ausbildung arbeitete er für einen Vertrauten Saddam Husseins als Bodyguard. Er musste sich bei den Einsätzen vermummen, denn er schuf sich damit Feinde. Als Saddam 2003 gestürzt wurde, die islamistische Partei an Einfluss gewann, riet man ihm, das Land zu verlassen.

Und jetzt arbeitet er als Pizzaiolo. Er wollte sich schon zum Bäcker ausbilden lassen oder sich bei der Securitas bewerben. Dann würde er mehr verdienen und bräuchte kein Geld von der Gemeinde. Aber K., anerkannter Flüchtling, hat nur eine B-Bewilligung, für Ausbildung und Securitas bräuchte er die C-Bewilligung. Diese erhält er aber nicht – weil er von der Gemeinde unterstützt wird. Ali K. ist gefangen in seiner B-Bewilligung.

Die Hoffnung der Familie ist, dass die Mutter Arbeit findet; die Arabischlehrerin kann nur ab und zu irgendwo putzen. Zwei- bis dreimal am Tag sieht sie Stellenportale durch, sieben bis acht Bewerbungen schreibt sie jede Woche mithilfe einer Freundin. Bisher bekam sie nur freundliche Absagen, manchmal nicht einmal das. Das macht sie traurig. Weshalb sie keine Stelle findet, weiss sie nicht. Sie spricht gut Deutsch, ist ausgebildete Pflegehelferin und will sich weiterbilden, sobald sie dafür genug Geld gespart hat. Sie möchte ihrem Mann helfen, die vielen Rechnungen zu bezahlen. Und ihrer Tochter einen Thek schenken, der nicht am Auseinanderfallen ist.


Emma T. ist seit Monaten ohne Lohn. Dieser betrüge 3500 Franken

Von Philippe Reichen, Genf

Den diskreten Blick auf ihren Bauch bemerkt Emma T. sofort. «Ja, ich bin schwanger», sagt die 30-Jährige. Im August erwarte sie ihr zweites Kind. Doch Sorgen plagen sie. Zwar sei sie mit ihrer dreijährigen Tochter überglücklich. Trotzdem habe sie «lange überlegt, ob ich ein zweites Kind bekommen will». Sie habe sich fragen müssen, ob ihre finanzielle Situation ein weiteres Kind zulasse.

Emma T. verdient ungefähr 3500 Franken netto. Das heisst: Sie sollte, denn seit rund drei Monaten bekommt sie trotz eines ungekündigten Arbeitsvertrags keinen Lohn mehr. Ob ihre Firma pleite ist, weiss sie nicht. Ihr Chef hülle sich in Schweigen, sagt Emma T. Vor wenigen Tagen hatte sie genug und beschloss, nicht mehr zur Arbeit zu gehen, was die meisten Kolleginnen und Kollegen schon viel früher taten. Stattdessen wandte sie sich an eine Gewerkschaft. Sie sagt: «Wenn ein Arbeitnehmer nicht mehr arbeiten geht, wird ihm sofort gekündigt. Wenn aber ein Chef den Lohn nicht mehr bezahlt, passiert nichts.»

Emma T. arbeitet gemäss Vertrag als kaufmännische Angestellte in einem kleinen Zulieferunternehmen, das für Luxusgüterproduzenten wie Chopard und Piaget tätig ist. Arbeiter legen Diamanten in Schmuckstücke ein und polieren Ringe und Uhren, damit sie in den Bijouterien glänzen. Es ist kein Traum-, sondern ein Brotjob. Die 30-Jährige studierte an der norditalienischen Universität Pavia Wirtschaft mit Schwerpunkt Verwaltung und Marketing, ist also für anspruchsvollere Aufgaben vorbereitet. Doch in Genf, wo sie 2011 nach dem Studium der Liebe wegen hinzog, war sie auf dem Arbeitsmarkt bislang chancenlos. Sie hatte die Wahl zwischen keiner und einer schlecht bezahlten Stelle – und wählte Letzteres. Gemeinsam mit ihrem Freund, der ebenfalls weit unter 4000 Franken verdient, kommt sie für die Familie auf.

Eltern helfen in der Not

Die Wohnung kostet 2600 Franken – für Genf kein überrissener Mietzins. Nach Bezahlung der Krippe, in die sie ihre Tochter schickt, um arbeiten zu können, ist Emma T.s Lohn bereits mehr als aufgebraucht. Es braucht das Salär des Freundes, um Steuern, Versicherungen, Krankenkassen, Verkehrsabonnements, Nahrungsmittel und Kleider bezahlen zu können. «Der Staat bezahlt nur die Krankenkasse der Tochter», sagt die Italienerin nicht ohne Stolz. Kleider kaufe sie sich sozusagen nie, Restaurantbesuche seien unerschwinglich. Sie gehe immer in denselben Supermarkt und wisse genau, welche Produkte sie kaufen könne, um am Ende des Monats noch Geld zu haben, sagt sie. Sie musste aber auch schon ihre Eltern um Geld bitten, um über die Runden zu kommen.

Jetzt, wo die Lohnzahlungen ausbleiben, ruft sie unentwegt Firmen an, deren Rechnungen sich zu Hause stapeln. Wenn man schwanger sei, tue dieser Stress nicht gut. «Aber die Leute verstehen die Situation», sagt Emma T. Zur Sicherheit verschicke sie zusätzlich ein Schreiben der Gewerkschaft, das ihre Situation bezeugt. Einen Entscheid scheint sie aber bereits gefällt zu haben: Genf will sie nicht verlassen, sondern eher dafür kämpfen, endlich eine Stelle mit einem anständigen Lohn zu finden. «Schlimmstenfalls», sagt Emma T., «gehe ich in einer Bar oder in einem Restaurant arbeiten.»

Erstellt: 09.05.2014, 09:00 Uhr

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Mindestlohn

Am 18. Mai wird über die Mindestlohninitiative der Gewerkschaften abgestimmt. Sie fordert einen gesetzlichen Mindestlohn von 22 Franken pro Stunde, was um­gerechnet auf eine 42-Stunden-­Woche einem Monatslohn von rund 4000 Franken entspräche. (TA)

Spart für die Familie: Simona M. Foto: Herbert Zimmermann

Gefangen in der B-Bewilligung: Ali K. Foto: Reto Oeschger

Trotz Studiums nur ein Brotjob: Emma T. Foto: Jean Revillard (Renzo)

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